Neue Trainer: Revoluzzer oder nur Coaches? | Fußball | DW | 08.01.2018
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Fußball-Bundesliga

Neue Trainer: Revoluzzer oder nur Coaches?

Über die jungen Fußballlehrer wie Julian Nagelsmann oder auch Domenico Tedesco wird häufig behauptet, dass sie den Fußball mit ihren modernen Methoden revolutionieren. Aber stimmt das überhaupt?

Julian Nagelsmann (r.) und Domenico Tedesco (l.) im Porträt (Foto: picture-alliance/dpa/A.Dedert)

Erfolgreiche Ausbildung: die frisch gekürten Fußballlehrer Julian Nagelsmann (r.) und Domenico Tedesco

Sie sind die Generation von neuen Fußballlehrern, die auch Konzept- oder wahlweise Laptoptrainer genannt werden: Thomas Tuchel, Julian Nagelsmann, Domenico Tedesco. Ihnen wird nachgesagt, dass sie den Fußball mit ihrer Art der Lehre grundlegend verändern. Minutiös ausgedachte Spielpläne für jeden Gegner, wissenschaftliche und damit genau planbare Herangehensweisen an Training und Spiel und auch taktische Überlegenheit, die zu andauerndem Erfolg führt.

Eigentlich keine schlechte Ausgangslage, wenn den jungen, aufsteigenden Trainern in der Fußball-Bundesliga derlei Attribute von der Öffentlichkeit zugeordnet werden. Aber treffen diese wirklich zu? Oder braucht dieser Volkssport einfach nur neue Helden für die vielen Fans hierzulande, um die Attraktivität hoch zu halten?

Vergleichbare Werdegänge

Vor allem Nagelsmann und Tedesco haben einen vergleichbaren Werdegang hinter sich, haben die Ausbildung zum Fußballlehrer beim Deutschen Fußball Bund (DFB) im Jahr 2016 als Jahrgangsbeste gemeinsam beendet. Beide arbeiteten damals bei der TSG 1899 Hoffenheim, Nagelsmann bereits in der Bundesliga, Tedesco in der Jugendabteilung.

Kritische Worte gegen ein Hochjubeln der jungen Trainer hatte Nagelsmann in der jüngeren Vergangenheit auch immer wieder mal gefunden. Tedesco wird in dieser Frage aber ganz deutlich.

Schalke-Trainer Domenico Tedesco gibt beim Training Anweisungen (Foto: picture alliance/dpa/B. Thissen)

S04-Coach Tedesco legt viel Wert auf Trainingsarbeit

Tedesco: "Bin kein Matchplan-Austüftler"

"Ich finde es nicht so spannend, wenn mein Team und ich als Professoren und 'Matchplan-Austüftler' hingestellt und beschrieben werden. Es ist mir natürlich sehr wichtig, dass meine Mannschaft eine Idee hat. Wir schauen stets, wo der Gegner seine Schwächen hat, die wir ausnutzen möchten. Es geht schließlich um den Sieg", sagt der 32-Jährige, seit Saisonbeginn Coach des FC Schalke 04.

Aber gleichzeitig schränkt er auch deutlich seine mögliche Einflussnahme auf die Mannschaft ein. "Man kann noch so tolle Ideen haben. Wenn wir nicht laufen, die Zweikämpfe nicht annehmen, schlampig in der Ball-An- und -Mitnahme sind, dann bringt der tollste Plan und die beste Idee nichts. Dann verliert man Spiele", so Tedesco.

Von Null auf Hundert durchgestartet

DFB-Trainerausbilder Frank Wormuth im Porträt (Foto: Getty Images/Bongarts/S. Franklin)

Wormuth bereitet die Coaches auf die Bundesliga vor

Auch der langjährige Chefausbilder des DFB, Frank Wormuth, weiß um die besondere Bewertung der jungen Coaches in der Öffentlichkeit, auch wenn er einräumt, dass dieser Umstand keine völlig neue Entwicklung in der Bundesliga ist "Es war schon immer so, dass, wenn der Erfolg da ist, die Trainer besonders viel Lob bekommen", sagt Wormuth.

Vor allem seien Nagelsmann und Tedesco von Null auf Hundert durchgestartet. "Dann muss man sich an diese Mechanismen der Öffentlichkeit auch erstmal gewöhnen", so der DFB-Chefausbilder. In der Sache gibt Wormuth Tedesco indes Recht. "Die Taktik hat für das Spiel eine große Bedeutung, auch wenn sie oft überbewertet wird. Der Grund ist einfach. Es ist immer noch der Mensch, der die Taktik auf den Platz überträgt und die Aufgaben erfüllen muss. Das muss funktionieren", sagt Wormuth.

Leise Kritik von erfahrenen Trainern

Diese öffentliche Fokussierung auf die Shootingstars trifft zudem bei den Trainerkollegen nicht auf uneingeschränkte Freude. So leisteten sich etwa Friedhelm Funkel und Jupp Heynckes jeweils einen kleinen, wenn auch freundlich gemeinten Seitenhieb, als sie anmerkten, dass "sich der Fußball selbst gar nicht so sehr verändert" hätte.

Bayern-Trainer Jupp Heynckes gibt an der Seitenlinie Anweisungen (Foto: Getty Images/Bongarts/A. Hassenstein)

Bayern-Trainer Heynckes gibt seinen Spielern den Weg vor

"Das ist auch so. Es ist auch nicht mein Ziel, den Fußball zu revolutionieren. Es geht mir immer darum, das Beste für die Mannschaft rauszuholen und die eigenen Stärken der Spieler in den Fokus zu legen", sagt Tedesco. Die kritischen Ansätze der äußerst erfahrenen Fußballlehrer Heynckes und Funkel kann Tedesco nachvollziehen.

"Ich kann verstehen, dass die Kollegen sich so äußern. Viele Begriffe im Fußball scheinen neu, beschreiben aber lediglich bekannte Muster. Umschaltspiel kann man auch Konter nennen. Früher ging man vorne drauf, heute heißt das Gegenpressing. Die einzelnen Fußball-Situationen sind aber immer gleich. Ich spreche vor der Mannschaft auch noch vom Konter", sagt Tedesco.

Gewachsene Anforderungen

Dass diese öffentliche Wahrnehmung zusätzliche Wirkungen auf die Trainer mit sich bringt, beschreibt Markus Raab, Leistungspsychologe an der Deutschen Sporthochschule in Köln. "Die Kurzlebigkeit in der Bundesliga, die Abhängigkeit von Ergebnissen, führt dazu, dass sich die Bewertungen von Außen kurzfristig verändern. Damit sind auch die Anforderungen gestiegen. Die Trainer müssen ihre eigenen Erwartungen auch immer mit denen von Außen abgleichen, was zu zusätzlichem Stress führt", sagt Raab.

Julian Nagelsmann im Porträt (Foto: Getty Images/AFP/J. MacDougall)

TSG-Coach Nagelsmann ist ein Freund deutlicher Worte

Die Anforderungen an die Trainer sind gestiegen, weil sich der Fußball stetig weiterentwickelt - wenn auch stets nur in Nuancen. Deshalb hat sich auch der Trainerjob verändert, die Sport-wissenschaftlichen Einflüsse sind deutlich mehr geworden.

Mit dieser Modernisierung haben sich auch neue Vokabeln (z.B. Gegenpressing, Umschaltspiel) etabliert, die Spieler sind zudem wissbegieriger und auch kritischer gegenüber ihren Fußballlehrern geworden. Die Grundlagen des Spiels wie Ball-An- und Mitnahme, Zweikampfgestaltung oder auch Teamgeist sind allerdings gleich geblieben.

Die neuen, jungen Coaches müssen die Gratwanderung hinbekommen, die alten Gewissheiten mit der veränderten Trainingslehre in ein modernes Gewand zu verpacken  - und diese Mischung zudem noch in der Öffentlichkeit mit großer Überzeugung zu verbreiten.   

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