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Nahost

Neue Grenzen durch Islamisten-Vormarsch?

Die Gruppe "Islamischer Staat" kontrolliert mittlerweile weite Teile des Iraks und Syriens. Ihr Führer Abu Bakr al Bagdadi scheint ein islamisches Großreich errichten zu wollen. Lösen sich die Grenzen im Nahen Osten auf?

Die Mitglieder der radikalen Gruppe "Islamischer Staat", die unter dem Kürzel ISIS bekannt wurde, scheinen vor nichts zurückzuschrecken. Kämpften sie bislang vor allem gegen gemäßigte Rebellengruppen in Syrien, lieferten sie sich in den vergangenen Tagen zum ersten Mal brutale Gefechte mit der syrischen Armee. In der Provinz Rakka in Nordsyrien richteten sie ein regelrechtes Blutbad an. Dabei sollen der Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge mindestens 85 Soldaten getötet worden sein. Das Schicksal von etwa 200 Militärs ist noch unklar. Auch 28 Islamisten seien ums Leben gekommen, heißt es. Die vielen Toten halten die sunnitischen ISIS-Rebellen nicht von ihrem Vorhaben ab. Im Gegenteil: Mit allen Mitteln versucht die Gruppe "Islamischer Staat", ihren Einflussbereich zu erweitern.

Staat nach eigenen Vorstellungen

"Das Ziel der Gruppe ist die Errichtung eines grenzübergreifenden Gebiets, zunächst in Syrien und im Irak", sagt Falko Walde, Projektkoordinator der Friedrich-Naumann-Stiftung mit Sitz in Amman. "Das ist aber nur eine Zwischenstufe." ISIS wolle sich in den Staaten der Region weiter ausdehnen: in Jordanien, im Libanon, in Israel, Palästina, sogar in Zypern und in Teilen der Südtürkei. "Auf diesem Gebiet will die Gruppe einen Staat nach ihren eigenen politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen errichten", sagt Walde. In den vergangenen Monaten haben die Islamisten bereits große Teile Syriens und des Iraks überrannt. Wo der "Islamische Staat" die Kontrolle übernommen hat, herrscht ein strenges Regiment: Willkürliche Hinrichtungen sind an der Tagesordnung. In der irakischen Stadt Mossul dürfen sich Frauen nur noch vollverschleiert in der Öffentlichkeit zeigen. Andernfalls drohen ihnen schwere Strafen.

Abu Bakr Al-Bagdadi - Foto: Youtube

Anführer der Gruppe "Islamischer Staat": Abu Bakr al Bagdadi

Der Anführer der Gruppe, Abu Bakr al Bagdadi, hat Ende Juni in Mossul ein Kalifat ausgerufen. Der Iraker versteht sich als Nachfolger des Propheten Mohammed, beansprucht die Herrschaft über alle Muslime und greift die alte Idee von einem islamischen Großreich auf. Diese Idee kommt bei seinen Anhängern an. Denn viele Islamisten akzeptieren die Grenzen zwischen dem Irak, Jordanien, Syrien und dem Libanon nicht - zumal sie während des Ersten Weltkrieges willkürlich von den Westmächten Großbritannien und Frankreich gezogen wurden. Die Islamisten sehen in der Zerschlagung des Osmanischen Reiches zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das lange die entscheidende Macht in Kleinasien und im Nahen Osten gewesen ist, einen Grund für die vermeintliche Schwäche der Muslime. Ein neues islamisches Großreich klingt in den Ohren vieler Islamisten wie das Versprechen einer besseren Zukunft.

Geschwächte Regierungen

Die syrische Armee versucht derweil, den sunnitischen Rebellen die Stirn zu bieten. Nach einwöchigen Kämpfen hat sie ein von der Gruppe "Islamischer Staat" erobertes Gasfeld wieder unter ihre Kontrolle gebracht. Die Islamisten hatten das Gasfeld Schaar Mitte Juli erobert und dabei nach Angaben der Beobachtungsstelle für Menschenrechte etwa 300 Anhänger des Regimes von Präsident Baschar al-Assad getötet. Die Rebellengruppe "Islamischer Staat" ist eine von vielen, die versuchen, Assads Regierung zu schwächen. Dennoch hält sich der syrische Präsident auch drei Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges an der Macht.

Karte ISIS-Gebiet im Irak und Syrien - DW-Grafik

Kampfgebiet der Rebellengruppe "Islamischer Staat" (schraffiert)

Im Nachbarland Irak befindet sich die Regierung bereits in einer tiefen Krise. Der schiitische Ministerpräsident Nuri al-Maliki hat unter anderem durch Korruption und Vetternwirtschaft die sunnitische Minderheit gegen sich aufgebracht. "Es gibt viele säkulare Iraker, die sich von der konfessionalistisch orientierten Politik des Ministerpräsidenten ausgeschlossen fühlen", sagt Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, dem Deutschlandfunk. "Und es gibt viele Sunniten, insbesondere in den ländlichen Gebieten und in den Städten außerhalb der Hauptstadt, die sich von der Regierung Maliki, der ein Schiit ist, marginalisiert fühlen."

Entgegengesetzte Entwicklungen

Dieser Konflikt ist ein Nährboden für die Gruppe "Islamischer Staat". Hinzu kommt, dass die Kurden im Norden des Landes für einen eigenen Nationalstaat werben. Sie wollen nicht länger Teil des Iraks oder gar eines islamischen Großreiches sein, sondern kämpfen für ihre politische, kulturelle und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Beide Entwicklungen - der Wunsch der Kurden, sich von Irak zu lösen und der brutale Kampf der ISIS für ein Kalifat in derselben Region - stellen die Grenzen im Nahen Osten infrage. Die ohnehin geschwächten Regierungen im Irak, in Syrien und auch im Libanon werden es schwer haben, die Einheit ihrer Staaten zu bewahren.

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