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Politik

Nervenkrieg im Kaukasus geht weiter

Noch immer gibt es für die Geiseln in einer Schule in der russischen Teilrepublik Nordossetien kaum Hoffnung auf Freiheit. Inzwischen bot Tschetschenenführer Aslan Maschadow an, zu vermitteln.

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Mütter mit Vorschulkindern und Babys wurden freigelassen


Am zweiten Morgen des Geiseldramas in einer Schule der südrussischen Stadt Beslan dringen die Einsatzkräfte auf eine Freilassung der jüngsten Kinder in der Gewalt der Terroristen. Unter den offiziell mehr als 300 Geiseln sollen noch mindestens 16 Vorschulkinder sein, teilte der vermittelnde Kinderarzt Leonid Roschal Medienberichten zufolge am Freitag mit. Der Mediziner sagte, er rede täglich 10 bis 15 Mal am Telefon mit den Geiselnehmern. Derweil bot sich Tschetschenenführer Aslan Maschadow als Vermittler an.

Widersprüchliche Angaben

Bei einem Gespräch mit Angehörigen der Geiseln kündigte Roschal nach Angaben des russischen Staatsfernsehens an, es solle eine neue Liste mit der Gesamtzahl der Geiseln erstellt werden. Wiederholt hatten Angehörige behauptet, in der Schule seien deutlich mehr als die zunächst offiziell vermeldeten 354 Geiseln. Am Donnerstag hatten die Terroristen eine kleine Gruppe Geiseln freigelassen. Die Freilassung vermittelte der frühere Präsident der Nachbarrepublik Inguschetien, Ruslan Auschew. 26 Menschen - Frauen und Kinder unterschiedlichen Alters – durften das besetzte Schulgelände verlassen, berichtete ein Vertreter des nord-ossetischen Präsidialamts, Lew Dsugajew.

Die Angaben von befreiten Geiseln über die Zahl der Menschen in der Schule wichen stark voneinander ab. Eine freigelassene Lehrerin berichtete der Zeitung "Gaseta", es seien 1020 Geiseln in dem Gebäude. Die Zeitung "Kommersant" berichtet unter Berufung auf Salina Dsandarowaja, die ebenfalls freigelassen worden war, es seien 1500 Menschen in der Schule. Die Geiseln würden in der Schule "aufeinander liegen", sagte Dsandarowaja laut dem Bericht. Trotz der geborstenen Fenster sei es schwer gewesen, zu atmen.

Wer sind die Geiselnehmer?

Die Geiselnehmer, so heißt es, gäben sich als Tschetschenen aus. Sie hätten gesagt, ihre Kinder seien von den Russen getötet worden und sie hätten nichts mehr zu verlieren. In der Nacht waren Schüsse und die Explosion von zwei Granaten zu hören. Unter den Terroristen sind nach offizieller Darstellung neben Tschetschenen auch Angehörige anderer Kaukasus-Völker. "Zur Gruppe gehören Osseten, Inguschen, Tschetschenen und Russen", sagte der Innenminister Nord-Ossetiens, Kasbek Dsantijew.

Welche Forderungen die Geiselnehmer stellen, ist unklar. Angeblich verlangen die Terroristen den Abzug russischer Truppen aus Tschetschenien sowie die Freilassung von inhaftierten Gesinnungsgenossen. Das Angebot freien Abzugs nach Tschetschenien oder in die Nachbarrepublik Inguschetien soll das Kommando abgelehnt haben. Übermittelt wurde dieser Vorschlag vom Kinderarzt Leonid Roschal, der schon vor zwei Jahren bei der Besetzung des Moskauer Musical-Theater durch tschetschenische Extremisten den Gefangenen geholfen hatte. Roschal warnte, ein blutiges Ende des Geiseldramas "würde Krieg bedeuten".

Wie geht es den Geiseln wirklich?

Die Schulkinder, Lehrer und Eltern haben seit Beginn des Dramas vor zwei Tagen keine Nahrung erhalten, sagte der Leiter des Krisenstabs, Lew Dsugajew, am frühen Freitagmorgen. Dennoch seien die Kinder in der Schule in einem "befriedigenden2 Zustand und würden "recht gut" behandelt, sagte Dsugajew unter Berufung auf die Aussagen von Geiseln, die am Donnerstag von den Kidnappern freigelassen worden waren. "Aber was heißt das, wenn sie seit fast zwei Tagen nichts zu essen bekommen haben, ganz zu schweigen von dem Stress, dem sie ausgesetzt sind", sagte Dsugajew.

Es sei "unerlässlich", Lebensmittel in die Schule zu liefern, die Geiselnehmer widersetzten sich dem aber bisher. In der Schule könne es zwar noch Reserven geben, diese reichten aber nicht für eine solch große Zahl von Menschen. Leonid Roschal soll von einem "zynischen Verhalten" der Terroristen gesprochen haben: Sie hätten den Einsatzkräften mitgeteilt, die Geiseln würden von sich aus auf Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente verzichten. Zudem hätten die Geiselnehmer ihren Opfern gesagt, das Trinkwasser aus einer Leitung in der Turnhalle sei vergiftet. Roschal versicherte allerdings den Angehörigen, aus medizinischer Sicht bestehe keine akute Gefahr für die Geiseln. Nach offizieller Darstellung haben die Terroristen bislang weder Roschal noch einen anderen Vermittler in das Gebäude gelassen. (arn)

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