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Wirtschaft

Nachhaltige Landwirtschaft gegen den Hunger

Agrarindustrie oder kleinbäuerliche Produktion - wie können zukünftig neun Milliarden Menschen ernährt werden? Diese Frage bewegte den Internationalen Agrarministergipfel in Berlin.

Rund 240 Millionen Menschen leben in Indonesien. Ihr Hauptnahrungsmittel ist Reis. "Wenn du am Tag noch keinen Reis gegessen hast, dann hast du noch gar nicht gegessen", so lautet ein einheimisches Sprichwort. 100 Kilogramm Reis verzehrt jeder Indonesier pro Jahr. Noch kann der Bedarf gedeckt werden, aber Indonesien produziert nur zehn Prozent mehr Reis, als aktuell im Land konsumiert wird. Die Regierung versuche, den Menschen andere Lebensmittel schmackhaft zu machen, sagt Landwirtschaftsminister Asyraf Suswono, aber das sei sehr schwierig.

Umstrittene Gentechnik

Grüne Gentechnik

Pflanzen aus dem Labor: Grüne Gentechnik ist umstritten.

Da auch in Indonesien die Bevölkerung rasch wächst, muss also mehr Reis her. Helfen soll dabei die Gentechnik. Im Labor wurden bereits rund 200 Sorten spezifiziert, die das 1,5-fache des bisherigen Ertrags bringen sollen. Zudem wurde eine Sorte Namens 'Golden Rice' entwickelt, die mehr Vitamin A enthält und damit einen höheren Nährwert hat. Es müsse mehr internationale Zusammenarbeit bei der Nahrungsmittelforschung geben, fordert Minister Suswono. "Wir brauchen ein gemeinsames Bewusstsein auch in den entwickelten Ländern über die internationalen Herausforderungen, wie sie beispielsweise auch in Afrika bestehen. Der Einsatz der entwickelten Länder ist sehr wichtig und wir hoffen, dass eine gemeinsame Lösung für die Welt gefunden wird."

Gerade beim Einsatz von Gentechnik will ein Teil der entwickelten Welt jedoch nicht mitziehen. Vor allem in Europa wachsen die Ressentiments. Als Konsequenz gab der deutsche Chemieriese BASF in der vergangenen Woche bekannt, seine Gentechnik-Forschung aus Deutschland abziehen und in die USA verlagern zu wollen. Die Wünsche der europäischen Bürger gingen in eine andere Richtung und das werde auch immer deutlicher geäußert, sagt Dacia Ciolos, der EU-Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. Es sei auch falsch zu glauben, dass mit transgenen Pflanzen alle Probleme gelöst werden könnten. Forschung und Innovation müssten weiter gehende Antworten geben, denn es gehe bei der landwirtschaftlichen Versorgung nicht nur um die Menge, sondern auch um Qualität und eine nachhaltige Bewirtschaftung der Ressourcen. "Die Forschung ist prioritär für die künftige Landwirtschaftspolitik, aber ich glaube, die Methoden müssen Produkte treffen, die die Leute wollen."

Mehr kleinbäuerliche Landwirtschaft

Doch was wollen die Menschen, welche Bedürfnisse haben sie und woran hapert es? Auf diese Fragen gibt es in fast jedem Teil der Erde eine andere Antwort. Während auf der einen Seite eine Hochleistungslandwirtschaft mit industriellen Mitteln und Maschinen, mit Düngern und Pestiziden Massenprodukte herstellt, die von internationalen Nahrungsmittelkonzernen weiterverarbeitet und vertrieben werden, fehlen auf der anderen Seite der Zugang zu Land, Wasser und Saatgut.

FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva, Professor aus Brasilien

Will den Hunger in der Welt bekämpfen: Der Brasilianer José Graziano da Silva

Und doch, so José Graziano da Silva, der neue Generaldirektor der Welternährungsorganisation FAO, gebe es mehr Gemeinsamkeiten, als mancher glaube. "Wir produzieren schon heute genug Nahrungsmittel für alle auf der Welt und haben trotzdem mehr als eine Milliarde unterernährter Menschen. Gleichzeitig haben wir fast eine Milliarde übergewichtiger Menschen", stellt da Silva fest. Die Menschen würden sich mangelhaft ernähren. "Wir müssen den Menschen beizubringen, wie man richtig isst. Man muss schließlich auch eine Fahrerlaubnis machen, also wieso kann man den Menschen nicht beibringen, was und wie man isst?" Die Ernährung werde immer komplexer. Ernährungsprogramme und Schulungen würden gebraucht und das müsse eine politische Zielsetzung sein.

Wegwerfmentalität

Ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel können nicht gegessen werden, weil sie entweder von Schädlingen vertilgt werden, durch falsche Lagerung verderben oder auf dem Transport verloren gehen. Dazu kommt die Verschwendung in den entwickelten Ländern. Pro Jahr werden in den Industrieländern genauso viele Nahrungsmittel weggeworfen, wie in den Ländern südlich der Sahara produziert werden. Diese 'Wegwerfmentalität' könne nicht länger toleriert werden, sagt Bundesagrarministerin Ilse Aigner. "Wir haben das Problem des Wegwerfens, weil wir im Überfluss leben dürfen. Jedes Produkt, das hergestellt und dann weggeworfen wird, ist eines zu viel."

Während Lebensmittel in Deutschland dank Massenproduktion oft sehr billig sind, haben in anderen Ländern dieser Welt die Preisschwankungen der vergangenen Monate den Hunger noch gesteigert. Für viele Menschen, so sagt FAO-Generaldirektor da Silva, sei Nahrung schlichtweg zu teuer. Sie würden neben vollen Regalen verhungern, weil ihnen das Geld fehlt. In Mittel- und Südamerika sichert die FAO derzeit 120 Millionen Menschen durch Bargeldzahlungen ab, um ihnen ein Mindesteinkommen zu sichern.

Forderung nach einer doppelt-grünen Revolution

Kleinbauer in Afrika bei der Feldarbeit. Bild: Leonie March

Kleinbauer auf dem Feld: die meisten bearbeiten das Land mühsam per Hand

Gleichzeitig setzt die UN-Organisation auf die Unterstützung der Kleinbauern: Lokaler Anbau und Vertrieb auf den Regionalmärkten seien der Weg in die richtige Richtung und böten Schutz vor hohen Transportkosten, von Spekulationen, Währungsschwankungen und Klimakatastrophen, sagt da Silva. "Wir müssen von unserem gegenwärtigen landwirtschaftlichen Paradigma wegkommen, das auf der intensiven Nutzung der natürlichen Ressourcen und auf dem Einsatz von chemischen Betriebsmitteln basiert. Wir müssen ein Modell annehmen, das uns erlaubt, die Erträge zu steigern, wobei gleichzeitig weniger Ressourcen verbraucht werden." Das wäre weniger schädlich für die Umwelt und würde auch die Treibhausgas-Emissionen senken. "Wir brauchen ganz dringend eine grün-grüne Revolution", betont da Silva.

Eine Forderung, die auch von der Bundesregierung unterstützt wird. Ohne eine nachhaltige und produktive Landwirtschaft werde der Hunger in der Welt nicht zu besiegen sein, sagt Bundesagrarministerin Aigner. "Wir müssen den Kampf gegen den Hunger noch entschlossener führen und dabei international noch enger kooperieren." Entscheidend sei es, die Verluste bei Flächen, Transport, Ernte und Lagerung zu reduzieren, so die Ministerin.

Wichtig sei auch ein funktionierender Handel, so Aigner. Zwar ist fraglich, ob und wann sich die aktuellen Welthandelsgespräche in der sogenannten Doha-Runde aller Mitglieder der WTO noch einmal bewegen werden. Auf dem Agrarministergipfel in Berlin wurde aber noch einmal deutlich, dass die Entwicklungsländer einer Öffnung der Märkte und einer Abschaffung der Exportsubventionen hohe Bedeutung beimessen.

Blick auf einen Zapfhahn mit dem Bio-Kraftstoff E10. Foto: Daniel Karmann dpa/lby +++(c) dpa - Bildfunk+++

Auch in Deutschland gibt es Widerstand gegen Biosprit

Mit Sorge wird von den hungernden Ländern auch die Verarbeitung von Nahrungsmitteln zu Biotreibstoff betrachtet. FAO-Generaldirektor da Silva hat dazu eine klare Einstellung: "Getreide sollte nicht zur Biokraftstoff-Produktion verwendet werden." Ernährungssicherheit müsse Vorrang haben. Da Silva hofft aber auf technologische Verbesserungen. In Kalifornien und im Norden Chiles würden erfolgreich Experimente mit der Erzeugung von Treibstoff aus Algen laufen, die in großen Mengen vor der amerikanischen Pazifikküste wachsen. Wenn es dann noch gelingen würde, Abfallprodukte aus der Landwirtschaft zu verarbeiten, dann würde sich die Frage nach einer Konkurrenz zwischen Teller und Tank nicht mehr stellen.

Autorin: Sabine Kinkartz
Redaktion: Andreas Becker

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