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Amerika

Muslime an der Macht

Hamtramck ist die erste Kleinstadt in den USA, in der mehr Muslime im Gemeinderat sitzen als Christen. Das sorgt landesweit für Schlagzeilen, oft mit einem rassistischen Unterton. Von Ines Pohl, Hamtramck.

Es ist nicht auszumachen, warum die Frauen ihre Köpfe bedecken. Alle, die sich durch das beißende Schneegestöber zum "Family Donut Shop" durchgeschlagen haben, sind dick vermummt. Direkt aus Kanada bläst der eisige Wind über die Großen Seen. Minus 20 Grad Celsius sind normal in dieser Jahreszeit.

"Uns macht das nichts aus. Es ist nur schlecht fürs Geschäft", sagt Monique Bronz, die sich mit einer Freundin zum Kaffeetrinken verabredet hat. Sie betreibt eine Autowaschanlage in Hamtramck. Die ist im Winter meistens geschlossen. "Einfach zu kalt." Bronz ist 33. Im Internet hat sie ihren Neujahrsvorsatz gepostet: "Endlich den Schulabschluss schaffen."

Multikulti beim Gebäck

Im "Family Donut Shop" gibt es das typische amerikanische Hefegebäck in allen möglichen Farben. Neben den Donuts liegt Börek in der Auslage, mit Käse oder Fleisch gefüllt. In einer rot-weißen Box stapeln sich Pączki, eine Art polnischer Berliner. Es gibt Tee und Kaffee. Alkohol wird nicht verkauft. Der Laden gehört zwei muslimischen Brüdern.

Monique Bronz - Foto: Ines Pohl (DW)

Bürgerin Bronz: "Man gewöhnt sich daran"

Der Kopf von Monique Bronz Kopf steckt in einer Mütze, die aussieht wie ein Nikolaus-Pinguin. Die Frau, die mit ihr in den Laden kam, verschwindet hinter der Theke. Sie trägt ein dunkelrotes Kopftuch - nicht wegen die Kälte. Sie trägt es wegen ihres Glaubens. Die Muslima will nur erzählen, wenn ihr Name später nicht genannt wird. Auch direkt vor die DW-Kamera möchte sie lieber nicht. "Ich habe einfach Angst vor einem Shitstorm im Internet. Irgendwann werden vielleicht auch Menschen von außerhalb kommen und uns Muslimen etwas antun." Angst vor den Menschen hier aus dem Ort hat sie keine. "Wir hier leben alle gut zusammen." In diesem Fall sind nicht die Muslime oder die Christen die jeweils anderen, es sind die von außen.

Hamtramck ist ein kleiner, dicht besiedelter Ort im Südosten von Michigan. Rund 22.000 Menschen leben auf knapp 1,6 Quadratkilometern an der Grenze zu Detroit. Es ist die erste Stadt in den USA, in der Muslime eine Mehrheit im Parlament haben.

Islamophobe Schreckensszenarien

Außerhalb von Hamtramck passt das vielen nicht: "Moslems übernehmen Amerika", warnt der Sender Fox News. "Die werden die Scharia einführen und alle Frauen zwingen, Kopftücher zu tragen", behaupten islamfeindliche Blogger. Andere posten: "Ihr werdet sehen, was ihr davon habt. Bald brennen eure Kirchen." Konservative Medien und islamophobe Internetforen überschlagen sich mit den wildesten Schreckensszenarien.

Islamisches Zentrum in Hamtramck - Foto: Ines Pohl (DW)

Islamisches Zentrum in Hamtramck: Gebetsruf per Lautsprecher

"Mit uns hier hat das nichts zu tun", sagt Bronz. Die junge Muslimin hinter der Theke des Donut-Ladens nickt zustimmend mit dem Kopf. Natürlich war es irgendwie ein Schock, erzählt die Waschanlagenbetreiberin, als sie zum ersten Mal den Ruf des Muezzin hier zu Hause hörte.

Seit 2004 darf das Islamische Zentrum in Hamtramck über Lautsprecher zum Gebet rufen. "Aber man gewöhnt sich daran", sagt Monique Bronz. Es sei schließlich nicht die Schuld von den Muslimen, dass die katholischen Kirchen leer sind und schließen. "Die gehen zum Gottesdienst, sie geben Geld für ihre Moscheen und engagieren sich für ihre Gemeinde. Für das Aussterben unserer christlichen Kultur ist niemand schuld außer wir selbst", sagt die 33-Jährige.

Viele ältere Bewohner haben größere Schwierigkeiten, diese Veränderungen zu akzeptieren. In einer Metzgerei mit polnischen Spezialitäten hört man Sätze wie "Die sind doch alle faul." Auch viele Besitzer von Getränkeläden mögen die Muslime nicht, fürchten um ihre Lizenzen, wenn immer mehr Moscheen gebaut werden. Ein Gesetz des Bundesstaates Michigan schreibt nämlich vor, dass in der Nähe von Gotteshäusern kein Alkohol verkauft werden darf. Das gilt auch für das Umfeld von katholischen Kirchen. Nur, die werden eben nicht mehr neu gebaut, sondern schließen.

Bevölkerungswandel

Noch 1970 stammten in Hamtramck 90 Prozent der Bevölkerung von polnischen Einwanderern ab. Papst Johannes Paul II., in Polen geboren, besuchte das kleine Örtchen 1987. Jetzt haben nur noch 11 Prozent der Bürger einen polnischen Hintergrund. Hingegen sind jetzt 42 Prozent der Hamtramcker Muslime. Sie kommen aus arabischen Ländern, viele aus Bangladesch, aus dem Jemen, auch aus Bosnien.

Mohammed Hassan - Foto: Ines Pohl (DW)

Lokalpolitiker Hassan: "Wir bekommen die Kinder, deshalb haben wir auch bald die Mehrheit"

Die Arbeitslosenquote ist eine der höchsten in den Vereinigten Staaten. Wohnraum entsprechend preiswert. "Billige Wohnungen sind eine wichtige Voraussetzung für Menschen, die mit ihren Familien einen Neuanfang machen wollen", sagt Mohammed Hassan. Er ist in Bangladesch geboren. 1994 kam er in den USA, 2000 nach Hamtramck. Seit sechs Jahren sitzt Hassan im Stadtparlament.

2017 bei den nächsten Wahlen will er der erste muslimische Bürgermeister einer US-Stadt werden. "Ich habe sehr gute Chancen", da ist sich der muslimische Gemeinderat sicher. Es sei doch klar, dass immer mehr Muslime in die Parlamente gewählt werden, sagt der 38-jährige studierte Mathematiker. "Wir bekommen die Kinder, deshalb haben wir auch bald die Mehrheit." Sätze, die auch von dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump kommen könnten. Und die vielen Nicht-Muslimen Angst machen.

Wut wegen schriller Schlagzeilen

Die amtierende Bürgermeisterin Karen Majewski kann diese Sorgen verstehen. "Aber wir müssen diese Veränderungen akzeptieren und gestalten", sagt sie resolut. Dabei versucht sie eine kleine graue Strähne, die sich aus ihrer Frisur gelöst hat, aus dem Gesicht zu streichen.

Karen Majewski - Foto: Scott Olson (Getty Images)

Bürgermeisterin Majewski: "Hier regiert weder die Scharia noch die Angst"

Die schrillen Schlagzeilen, die sie über ihren Ort in der überregionalen Presse liest, machen Majewski wütend. "Hier regiert weder die Scharia noch die Angst", sagt die Bürgermeisterin. Auch wenn sich vieles verändere. In den Schulen werden beispielsweise mittlerweile 27 Sprachen gesprochen. Polnisch höre man kaum noch. Ein etwas wehmütig bitteres Lachen huscht bei diesem Satz über ihr Gesicht. "Unsere Stadt ist so klein, dass alle mit allen klarkommen müssen." Vielleicht sei das das Geheimrezept, warum in Hamtramck alles recht friedlich ist.

Die Gefahr, dass sich hier Parallelgesellschaften entwickeln, scheint in der Tat gering. Anders als in größeren Städten gibt es keine Bezirke, in denen nur Menschen aus Bangladesch, oder nur aus Bosnien oder dem Jemen oder Polen leben. "Hier riechst Du das Essen, das Dein Nachbar kocht, die Kinder spielen miteinander. Man kennt sich", argumentiert Majewski. "Und das ist doch die beste Waffe gegen die Angst vor dem Fremden." Auch kämen die eingewanderten Muslime ja aus der ganzen Welt. "Es gibt das doch gar nicht, diesen einen großen muslimischen Block. Das wissen so viele einfach gar nicht. Der Islam ist ganz viel."

Koalitionen zwischen den Imamen und der katholischen Kirche

Aber gibt es nicht zumindest bei der Gleichberechtigung der Geschlechter und den Rechten von Schwulen und Lesben doch ganz grundsätzliche Differenzen? "Ein kleines Stadtparlament kann doch die amerikanische Verfassung nicht außer Kraft setzen", zerstreut die Bürgermeisterin derartige Bedenken. Und trotzdem sei es natürlich kein Zufall, dass bisher nur männliche Abgeordnete im Parlament sitzen, sagt Majewski. "Das wird sich aber bald ändern". Viele der jungen Musliminnen seien sehr ehrgeizig, machten ihre Abschlüsse. Oft ehrgeiziger als die Kinder der Alteingesessenen. "Sie werden die Kultur der nächsten Generation prägen." Deshalb sei es so wichtig, besonders junge muslimische Frauen auszubilden. "Wir brauchen sie als Anwältinnen der guten Sache."

Und was Schwule und Lesben angeht, seien es nicht nur die Muslime, die hier gegen Antidiskriminierungsgesetze verstoßen. Schon vor Jahren hätte sie versucht, einen Art Gleichstellungsstelle in der Stadtverwaltung zu schaffen, die für die Rechte von Homosexuellen kämpft. "Da gab es plötzlich ganz merkwürdige Koalitionen zwischen den Imamen und der katholischen Kirche. Das haben die zusammen verhindert."

Tränen steigen ihr in die Augen. "Diese menschenverachtenden Diskussionen waren die schlimmsten Momente in meiner Amtszeit." Einen zweiten Vorstoß hat sie nicht mehr gewagt. "Vielleicht muss das dann ein muslimischer Bürgermeister machen. Besser noch, eine muslimische Bürgermeistern." Ihr Lachen klingt etwas gequält.

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