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Wirtschaft

Munition auf dem Meeresgrund

Die Gefahr lauert in der Tiefe: Vor den deutschen Küsten haben Kampfmittelräumer viel zu tun - auch Jahrzehnte nach Kriegsende bergen sie Munition und chemische Kampfstoffe aus dem Meer.

Männer an Bord einer Bergeplattform (Foto: DW/G. Weyerer)

Munitionsräumung Nordsee

Norddeich-Mole. Sieben Uhr morgens. An der Pier liegt die "Elegant Tern", der Schiffsmotor tuckert bedächtig vor sich hin. Die See ist ruhig. Als gebürtiger Holländer würde Wellengang den Projektleiter Chris Meijer wohl auch nicht aus der Ruhe bringen. Es wurde zwar Buch darüber geführt, wo nach 1945 die Munition versenkt wurde, erzählt der erfahrene Kampfmittel-Räumer. Doch viele Kapitäne ließen damals Granaten und Patronen über Bord werfen, kaum dass sie den Hafen verlassen hätten - darüber gebe es natürlich keine Aufzeichnungen.

Große Mengen alter Munition liegen also nicht nur in den ausgewiesenen Versenkungsgebieten. "Man darf natürlich nicht vergessen, dass bereits 70 Jahre vergangen sind", sagt Chris Meijer. Die Meeresströmungen und die wandernden Sandbänke hätten die Kampfmittel überall verteilt.

Video ansehen 03:59

Windräder mit Dieselantrieb - Offshore-Park geht nicht ans Netz (20.08.2013)

Kabeltrassen und Windkraftanlagen

Im Zuge der Energiewende in Deutschland steht Strom aus Windkraft hierzulande ganz oben auf der Agenda. Aber: Wer auf hoher See Kabel zu einem der neuen Windparks verlegt oder die Fundamente von Windkraftanlagen setzt, stößt immer wieder auf hochbrisantes Material. 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Sprengstoff-Munition liegen auf dem Meeresgrund, davon 1,3 Millionen Tonnen in der Nordsee - nach beiden Kriegen achtlos ins Meer gekippt. Hinzu kommen noch etwa 200.000 Tonnen chemische Kampfstoffe.

Nach einer Stunde hat das Schiff der Kampfmittelräumer sein Ziel erreicht - einen Schwimmkran, der als Versorgungs- und Hotelplattform dient. Chris Meijer führt Aufsicht über 70 Männer, die hier draußen auf offener See den Meeresboden nach achtlos entsorgten Kampfmitteln aus den beiden Weltkriegen absuchen.

Bergeplattform. Aufnahmeort: Nordsee (Foto: DW/G. Weyerer)

Bergeplattform für die Munitionsräumung

Scharfe Munition

Auf dem Deck des Schwimmkrans steht Hartmut Löber. Er ist EOD, Explosive Ordnance Disposal, auf Deutsch: Kampfmittelberger und Räumstellenleiter. "Man muss unterscheiden zwischen verschossener und unverschossener Munition. Alles, was verschossen ist, ist in der Regel auch scharf." Hartmut Löber erkennt die verschossene Munition an feinen Gravuren am Kopf des Hülse. "Das, was wir rausholen, ist in der Masse unverschossen. Man hat es nach dem Krieg einfach im Meer verklappt."

In den meisten Fällen kann Hartmut Löber die explosive Hinterlassenschaft als transportfähig einstufen, da es sich um übriggebliebene Munition handelt, die nach dem Krieg in die Nordsee verschwand. Vorsicht ist dennoch geboten. Sprengstoff, erklärt Löber, wurde in der Regel für eine Lagerfähigkeit von 40 Jahren hergestellt. "Die Stabilisatoren sind aufgebraucht, damit wird Sprengstoff immer schlagempfindlicher. Es bedarf also nicht unbedingt eines Zünders, um eine Granate zu zünden."

Zündung durch Erschütterung

Am Horizont sind die Silhouetten von Borkum und Juist zu erkennen. Projektleiter Chris Meijer zeigt auf zwei Punkte - mit bloßem Augen kaum zu erkennen. Das sind die Bergeschiffe, die mit Unterwasserrobotern eine neue Kabeltrasse nach Munition absuchen. Nach zwanzig Minuten ist das Ziel erreicht. Meijer geht drei Stufen hoch, im Container sitzen vier Männer vor Monitoren.

Der Monitor oben links zeigt die Achse, auf dem das 21 Zentimeter starke Kabel später verlegt werden soll. Die Trasse, die nach Munition abgesucht wird, ist 20 Meter breit. Gelbe Punkte auf den Bildschirmen signalisieren magnetische Anomalien auf dem Meeresboden, dort könnte Munition liegen.

Unterwasserroboter (Foto: DW/G. Weyerer)

Der Unterwasserroboter ist bereit für den Einsatz

Nur ein winziger Bruchteil der Munition, die nach 1945 in die Nordsee versenkt wurde, wird gehoben. Auf der neuen Kabeltrasse haben Projektleiter Chris Meijer und sein 70-köpfiges Team in den zurückliegenden eineinhalb Jahren bereits fast 23 Tonnen gefunden. Bis eine Granate, die an einer Stelle gesichtet wurde, geborgen ist, werden noch einige Stunden vergehen. Und vielleicht kommen darunter weitere Altlasten zum Vorschein, die sich pyramidenartig über mehrere Schichten stapeln. Auch das ist schon vorgekommen.

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