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Deutschland

Alte Munition stoppt den Bau von Windanlagen

Riesige Mengen Munition wurden nach dem Zweiten Weltkrieg im Meer entsorgt. Die Bomben liegen immer noch auf dem Meeresgrund und verzögern nun den Bau von Offshore-Windanlagen.

Das Städtchen Norddeich ist ein verschlafenes Nest an der ostfriesischen Küste. Die saubere Luft und die nur gelegentlich vom Kreischen der Möwen gestörte Ruhe machen die Gegend im Nordwesten der Bundesrepublik zu einem beliebten Ferienziel. Was die Touristen nicht ahnen: Nur ein paar Kilometer vor der Küste bergen die Wellen der Nordsee eine tödliche Gefahr. Große Mengen alter Weltkriegsmunition liegen hier am Meeresgrund.

Tonnenweise Munition im Wasser

"Wir gehen von etwa 1,6 Millionen Tonnen Altmunition in Nord- und Ostsee aus", sagt Bernd Scherer vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MLUR) des Landes Schleswig-Holstein. Hunderttausende Luftminen, Bomben, Granaten und andere nicht explodierte Munition liegen in deutschen Küstengewässern, zum Teil seit über einem halben Jahrhundert.

Fünf-Tonnen-Bombe am 14.10.1961 am Strand von Helgoland. Bei der Bombe aus dem 2. Weltkrieg, die von der britischen Luftwaffe abgeworfen wurde, handelt es sich vermutlich um die größte die während des Krieges auf Deutschland abgeworfen wurde. Der 3,60m lange Blindgänger wurde bei starkem Seegang unter Wasser entschärft und dann geborgen (Foto: dpa)

Schon vor Jahrzehnten wurde mit der Bombenentschärfung in der Nordsee begonnen

Allein in der Nordsee sollen laut Scherer 1,3 Millionen Tonnen Altmunition herumliegen. Ein großer Teil davon sei in den Jahren nach 1945 unter Aufsicht der alliierten Besatzungsmächte, vor allem der Briten, verklappt worden. "Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war es Priorität, die Massen an Kriegsmunition schnell loszuwerden", so Scherer. Damals seien alle möglichen Schiffe für die Versenkungsaktionen verwendet worden. Auch private Fischerboote brachten Munition zu vorher festgelegten Versenkungsgebieten und wurden dafür pro Fahrt bezahlt.

Munitionshalden größer als erwartet

Was heute undenkbar erscheint, war jahrzehntelang Gang und Gäbe. Küstengewässer galten als unproblematischer Entsorgungsort für alle Arten von Gefahrenstoffen. Doch mit der wachsenden Bedeutung von Offshore-Windparks als tragendes Element der deutschen Energiewende wird die einstige Sorglosigkeit nun zum Problem. Die Munitionsaltlasten am Meeresgrund verzögern den Bau der Windparks. "Auf einer Strecke von 45 Kilometern hatten wir in der Planungsphase mit etwa 50 auf Sprengstoff zu untersuchenden Objekten gerechnet", sagt Jan Kölbel, technischer Direktor des Kampfmittelräumdienstes der Firma Boskalis Hirdes.

Verlegung eines Unterwasserkabels (Foto: dpa)

Verlegung eines Unterwasserkabels

Im Auftrag des Netzbetreibers Tennet sucht Kölbels Team zurzeit die Trasse für ein Unterwasserkabel nach Riffgatt, einem geplanten Windpark vor der Nordseeinsel Borkum, nach Munitionsaltlasten ab. Die Planer wussten zwar, dass das Kabel an einem der insgesamt 18 vermuteten Munitionsversenkungsgebieten vorbeiführen wird. Als die Arbeiten dann losgingen, stellte sich jedoch heraus, dass die Munitionshalde größer war als erwartet. "Letztendlich haben wir auf der Trasse über 2000 Objekte gefunden", so Kölbel. "Von den circa 600, die wir davon bisher überprüft haben, haben sich dann etwa 350 als nicht explodierte Munition herausgestellt."

Sensible Zünder

Immer wieder führen Kölbel und sein Team kontrollierte Sprengungen durch, um die gefundenen Granaten, Bomben, Luftminen oder Torpedos zu entschärfen. Es ist die übliche Vorgehensweise, um alte Munition zu beseitigen. "Die Zünder, die wir in dieser Art Munition vorfinden, sind oft sehr sensibel", berichtet Kölbel. "Es wäre zu gefährlich, die Munition zu bewegen, deshalb bleibt uns keine andere Möglichkeit, als sie vor Ort zu sprengen."

Doch kontrollierte Detonationen stellen eine große Belastung für das Meer und seine Bewohner dar. Die Nordsee ist der Lebensraum von Schweinswalen, Seehunden und Kegelrobben. "Wenn eine Sprengung unter Wasser durchgeführt wird, gibt es eine gigantische Druckwelle, die nicht gut ist für unsere Meeressäuger", weiß Peter Lienau, Leiter der Seehundstation Nationalparkhaus in Norddeich. Und auch außerhalb des Wassers seien Sprengungen problematisch, besonders zu bestimmten Jahreszeiten. "Wenn nicht im Wasser sondern bei Niedrigwasser im Watt oder auf einer Sandbank gesprengt wird, dann gibt es einen sehr lauten Knall. Gerade im Juni und Juli, zur Aufzuchtphase der Seehunde, oder im Dezember und Januar, zur Aufzuchtphase der Kegelrobbe, können diese Sprengungen dazu führen, dass Muttertiere flüchten und auch Jungtiere von der Mutter getrennt werden."

Aufwändige Schutzmaßnahmen

Experten warnen, dass der Schalldruck einer kontrollierten Detonation die Lungen und Trommelfelle der Meeressäuger in einem Umkreis von bis zu vier Kilometern zum Platzen bringen kann. Schäden am Gehör der Tiere seien sogar bis in zu zehn Kilometern Entfernung möglich. Eine Koalition aus Umweltschutzverbänden, darunter der Naturschutzbund Deutschland (NABU), fordern deshalb verbindliche gesetzliche Richtlinien für den Umgang mit Altmunition.

Seehunde am Strand, Helgoland (Foto: Irene Quaile-Kersken/DW)

In großen Kolonien bevölkern Seehunde und Robben die flachen Sandbänke der Nord- und Ostsee

Mit ihrem Anliegen stehen die Umweltschützer nicht alleine da. "Feste Regeln würden auch für uns eine Arbeitserleichterung bedeuten", sagt Sprengmeister Jan Kölbel. "Bei dem gegenwärtigen Projekt liegen 80 Prozent der Kabelstrecke im Nationalparkgebiet. Kontrollierte Detonationen sind dort besonders schwierig durchzuführen, weil wir vorher immer sicher stellen müssen, dass sich so wenig Tiere wie möglich in der Nähe befinden."

Außerdem müssen die Spezialisten aufwändige Schutzmaßnahmen anwenden, um diejenigen Tiere, die sich in der Umgebung befinden, zu vertreiben oder abzuschirmen. So werden Meeressäuger durch laute Geräusche kurz vor einer Sprengung verjagt. Auch sogenannte Blasenvorhänge kommen zum Einsatz. Unter Wasser wird mit Hilfe von Druckluft eine dichte Wand aus Luftbläschen erzeugt, die auf Detonation wie ein Puffer wirken und die Druck- und Schallwelle absorbieren soll.

Globales Problem

Munitionsaltlasten betreffen jedoch nicht nur die deutschen Küstengewässer. Immer mehr Meeresanrainer ziehen den Bau von Offshore-Windparks in Betracht. Nach Ansicht von Bernd Scherer vom Umweltministerium Schleswig-Holstein werden sie dabei ähnliche Hindernisse vorfinden. "Es ist ein weltweites Problem", so Scherer. "Ich kann mir kaum vorstellen, dass die europäischen Regierungen, oder auch die amerikanische Regierung für die Kosten der Munitionsbeseitigung in den Weltmeeren aufkommen wollen."

Scherer rechnet damit, dass es einige Zeit dauern wird, bis eine gemeinsame Strategie formuliert ist. "Das wird ein hartes Stück Arbeit. Es könnte sein, dass man zu dem Schluss gelangt, dass es sich nur lohnt, dort Altmunition zu beseitigen, wo Infrastrukturprojekte wie Windparks oder Kabeltrassen geplant sind. Möglicherweise wird man die Munition in allen anderen Gebieten lassen müssen wo sie ist.“

Sprengmeister Jan Kölbel von der Firma Boskalis Hirdes ist davon überzeugt, dass seine derzeitige Arbeit in der Nordsee von vielen anderen Meeresanrainerstaaten genauestens verfolgt wird - auch wenn die Touristen an der Nordseeküste kaum etwas ahnen.

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