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Politik

Moderner Fernseh-Zweikampf

TV-Duelle sind in den USA fester Bestandteil des Wahlkampfes. Auch in Deutschland werden sie immer wichtiger und bei den Zuschauern beliebter. Aber wie groß ist der Einfluss der Duelle auf den Wahlausgang wirklich?

Barack Obama und John McCain (AP)

Barack Obama und John McCain werden sich in drei TV-Duellen gegenüberstehen

John F. Kennedy und Richard Nixon (AP)

John F. Kennedy und Richard Nixon bei dem ersten US-Fernsehduell 1960

Seine Premiere feierte das US-amerikanische TV-Duell am 26. September 1960. Der damalige Vize-Präsident Richard Nixon und sein demokratischer Herausforderer John F. Kennedy lieferten sich in Chicago vor 66,4 Millionen Zuschauern die erste Fernsehdebatte in der US-Geschichte, die allerdings noch nicht live übertragen wurde. Mit seinem jugendlichen Charme ging John F. Kennedy damals als Sieger aus dem Duell, wohingegen der schlecht rasierte und nach einer Krankheit sichtlich abgemagerte Nixon entscheidende Prozentpunkte verlor, wie Umfragen zeigten.

Seit 1976 sind die Fernsehduelle fester Bestandteil des Präsidentschaftswahlkampfes in den USA. Der republikanische Amtsinhaber Gerald Ford und sein Konkurrent Jimmy Carter lieferten sich damals das erste Streitgespräch vor laufenden Kameras. Fast 70 Millionen Zuschauer verfolgten das Ereignis live vor ihren Fernsehbildschirmen. Den höchsten Zuschaueranteil konnte bisher das zweite TV-Duell zwischen dem damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter und seinem republikanischen Herausforderer Ronald Reagan verbuchen: 80,6 Millionen Zuschauer verfolgten am 28. Oktober 1980 den Schlagabtausch der beiden Kontrahenten.

Mit Hilfe zahlreicher Sponsoren organisiert die gemeinnützige und überparteiliche "Commission On Presidential Debates" alle Präsidentschaftsduelle seit dem Wahlkampf 1988. Daneben veröffentlich die Kommission in Zusammenarbeit mit dem weltweit größten Meinungsforschungsinstitut "Nielsen Media Research" auch die Zuschauerzahlen der TV-Duelle.

"Auf die fünf Minuten nach dem Duell kommt es an"

Aber haben die Fernsehkämpfe wirklich einen Einfluss auf die Wahlentscheidung? Tom Holbrook, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Wisconsin-Milwaukee, führte eine Studie zu allen TV-Präsidentschaftsdebatten seit 1988 durch. Er fand heraus, dass die einzelnen Debatten meistens nur wenig Einfluss auf die Wählermeinung hatten: "Im Durchschnitt aller TV-Duelle betrug die Veränderung in Bezug auf die Unterstützung eines Kandidaten einen Prozentpunkt."

Jimmy Carter und Ronald Reagan reichen sich die Hände (AP)

Jimmy Carter verlor das TV-Duell gegen Ronald Reagan und damit auch die Wahl 1980

Dass die TV-Streitgespräche durchaus wahlentscheidend sein können, zeigt aber das Fernsehduell in dem sich Jimmy Carter und Ronald Reagan 1980 gegenüberstanden. Vor der Debatte lagen sie in Meinungsumfragen in etwa gleich auf. Nach der Debatte, aus der Reagan Medienberichten zufolge als Sieger hervorging, rutschte Carter in den Umfragen um fünf Prozentpunkte ab. Da das TV-Duell kurz vor den Wahlen stattfand, gelang es Carter nicht mehr, seinen Rückstand auf Reagan aufzuholen.

Noch entscheidender als die 90 Minuten Streit vor der Kamera sind laut Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, die ersten fünf Minuten nach dem TV-Duell: Dann erst beginne die eigentliche Meinungsbildung. Dieser Effekt sei auch den Wahlkampfstrategen bewusst. Um Einfluss auf die Deutung des Duells zu nehmen, mischten sich zahlreiche "Einflüsterer" unter die Kommentatoren und lieferten bereits innerhalb der ersten fünf Minuten nach dem Duell Interpretationsangebote für Journalisten und Zuschauer, so der Kommunikationswissenschaftler. Der Großteil der Zuschauer bilde sich die Meinung erst über das gedruckte Wort: "Bereits am Folgetag hat sich eine überschaubare Anzahl von Einschätzungen über den Ausgang des Duells durchgesetzt und sind den großen Zeitungen nachzulesen." Die Wirkung der Live-Sendung werde überschätzt, einflussreicher sei das Medienecho in den Folgetagen, so das Fazit von Brettschneider.

Fernsehduelle folgen verschiedenen Formaten

Die TV-Duelle sind zwar ein fester, aber keineswegs institutionalisierter Bestandteil des US-Wahlkampfs: Im Laufe der Zeit hat sich der Ablauf, die Organisation und die Durchführung verändert. Grundsätzlich lassen sich aber zwei verschiedene Formate unterscheiden: Zum einen das ursprüngliche "Press-Panel-Format", bei dem mehrere, meist drei oder vier Journalisten den Kandidaten Fragen stellen und ein Moderator das Streitgespräch leitet. Auf der anderen Seite das 1992 zum ersten Mal abgehaltene "Town Hall Meeting-Format", bei dem die Kandidaten Wählerfragen gegenüber stehen, die entweder vom anwesenden Publikum oder von einem Moderator – zum Beispiel im Fall von eingehenden E-Mails – vorgetragen werden.

Edmund Stoiber und Gerhard Schröder in einem Fernsehstudio (AP)

Edmund Stoiber und Gerhard Schröder beim ersten TV-Duell Deutschlands 2002

Das erste Fernsehduell in Deutschland lieferten sich 2002 der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Herausforderer Edmund Stoiber. Die zwei je 75 Minuten dauernden Debatten verfolgten damals etwa 15 Millionen Zuschauer. Schröder und Stoiber einigten sich auf eine Mischung aus "Press-Panel" und Moderationsformat: Je zwei Journalisten stellten den Kandidaten Fragen und übernahmen gleichzeitig auch die Moderatorenrolle.

Für dumm verkaufen ließen sich allerdings weder die deutschen, noch die amerikanischen Wähler, meint Frank Brettschneider. So räumten Studien auch mit dem weitverbreiteten Klischee auf, dass Aussehen und Auftreten der Kandidaten wichtiger seien als überzeugende Argumente: "Obamas Siegerlächeln oder Merkels Frisur spielen zwar für den Smalltalk oder für Stammtischgespräche eine wichtige Rolle. In den Wahlkabinen sind solche Äußerlichkeiten jedoch nahezu bedeutungslos."

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