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Bücher

Mittler zwischen Welten

Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe erhielt in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der Schriftsteller gilt als Begründer der authentischen englischsprachigen Romantradition Westafrikas.

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Beispielhaft für die afrikanische Literatur: Chinua Achebe

Für seine Verdienste um Frieden und Völkerverständigung in seinem literarischen Werk ist dem nigerianischen Schriftsteller Chinua Achebe am Sonntag (13.10.02) in der
Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen worden.

Kritik an Albert Schweitzer

In seiner Dankesrede beklagte der 71-Jährige, dass Afrika bis heute immer noch häufig als Kontinent ohne eigene Stimme betrachtet werde. In diesem Zusammenhang übte er heftige Kritik an dem Friedenspreisträger des Jahres 1951, Albert Schweitzer. Der berühmte Arzt und Missionar habe einmal gesagt, dass der Afrikaner wahrlich sein Bruder sei, allerdings sein jüngerer Bruder. Damit habe Schweitzer "eine ungeheuerliche Gotteslästerung" begangen, sagte Achebe, der einst in einer christlichen Missionsschule erzogen wurde. Diese Äußerung sei damals aber unbemerkt und unerkannt durchgegangen, "weil sie eine lange Geschichte hatte und überaus verbreitet war".

Friedenspreis für Achebe

Der Schriftsteller zitierte dann eine längere Passage aus seinem Roman "Things Fall Apart" (deutsch: "Okonkwo oder Das Alte stürzt"), um den Reichtum der afrikanischen Sprache zu verdeutlichen.

"Das Afrika, über das ich schreibe, wird nicht von Menschen
bewohnt, denen es an der Gabe zu sprechen gebricht", betonte Achebe. "Als ich heranwuchs, vernahm ich in meiner Dorfgemeinschaft mitunter wundervolle, kunstvoll ausgestaltete, immer aber effektive Worte. Ich hörte keineswegs das Grunzen und Kreischen, welches die Wilden
angeblich anstelle von Sprache verwendeten." Diese kunstvolle afrikanische Erzähltradition verbindet Achebe in seinen englischsprachigen Werken mit der westlichen Romantradition und schafft damit eine neue Einheit, die nach einhelliger Kritikermeinung der postkolonialen Gesellschaft als Beispiel dienen könnte.

Thematisierter Kolonialismus

Der Kulturschock, den die Kolonialherren ausgelöst haben, zieht sich wie ein roter Faden durch Achebe Werke. Dabei steht er zwischen Tradition und Moderne, zwischen Auflösungserscheinungen und Neuaufbau, zwischen seinem Ibo-Volk und den zahlreichen anderen Völkern seines Heimatlandes Nigeria, zwischen Animismus und Christentum, zwischen Afrika und Europa. Und ständig versucht er mit den Mitteln des Schriftstellers, die Gegensätze und Widersprüche zusammenzufügen und aus den negativen Erfahrungen der Vergangenheit Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen.

Literarischer Vermittler

Achebe sieht sich in der Rolle des Mittlers, ähnlich einem traditionellen, weisen "Chief", der alle an einem Konflikt Beteiligten hört und zu versöhnen versucht, damit die Dinge nicht vollends aus dem Ruder laufen und zerbrechen. Bereits hier schimmert sein friedenspolitisches Engagement durch, das sich besonders nach den traumatischen Erfahrungen des Bürgerkrieges Ende der 1960er Jahre zu einem wesentlicher Teil seiner Persönlichkeit weiterentwickelte. Er war auf Seiten der Sezessionisten gewesen, die einen eigenständigen Staat Biafra wollten, aber scheiterten und im Gegensatz zu Achebe bis heute den opferreichen, aber aussichtslosen Kampf nicht ganz verarbeitet haben. Denn bei Achebe triumphiert trotz aller tragischen Verflechtungen sein unverwüstlicher Optimismus: Hinter jedem Feind steht ein Freund, jenseits des Hasses blüht die Liebe, und Afrikas Stärke liegt mit all seinen Konflikten in der Beziehungsfähigkeit seiner Menschen.

Aufnahme in den Bildungskanon

Angesichts dieses Befundes, verpackt in einer afrikanisierten Form des Englischen, angereichert mit Sprichwörtern und mündlichen Überlieferungen und dennoch gut verständlich, verwundert es nicht, dass Achebes Erzählungen zum festen Bestandteil des Schulunterrichtes in Nigeria und dem übrigen Afrika zählen und in zahlreichen Sprachen übersetzt worden sind. Diese Tatsachen allein hätten schon ausgereicht, ihn auf eine Stufe mit dem Literaturnobelpreisträger Soyinka zu stellen, dessen Sprachgewalt des Englischen selbst bei gebildeten Briten zu Verzückungen führt, dessen Werke wegen ihrer Komplexität aber zumeist nur einer eingeschränkten Leserschaft zugänglich sind.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist ein würdiger Abschluss des Schaffens von Chinua Achebe. Die präzisen literarischen Beschreibungen der afrikanischen Wirklichkeit und die darin enthaltenen Handlungsanweisungen, die gesellschaftlichen Brüche zu überwinden, haben über den Tag hinaus Bestand.

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