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Amerika

Mit viel Enthusiasmus gegen die Wohlhabenden

Sie haben keine Agenda und keinen Anführer, aber eine Mission: Sie wollen nicht mehr die Zeche der Reichen zahlen. Angefangen hat es an der Wall Street. Inzwischen werden in den USA auch andere Städte "besetzt".

Transparent mit der Aufschrift Occupy DC (Foto: DW)

"Occupy DC" will auf sich aufmerksam machen - nicht nur mit Transparenten

Zwölf Uhr mittags auf dem McPherson Square, einem kleinen begrünten Platz mitten im Herzen der US-Hauptstadt Washington. "Jobs, keine Kürzungen" rufen die rund 50 Demonstranten, die sich hier zu einer "Vollversammlung" auf dem Rasen im Kreis gesetzt haben. Zweimal am Tag gibt es diese Versammlungen, in denen die Agenda des Tages besprochen, Verhaltensregeln abgestimmt, Beschlüsse gefasst und Aktionen geplant werden. Es geht erstaunlich organisiert zu in dieser auf den ersten Blick chaotischen Truppe.

Wer reden will, muss sich brav an die Rednerliste halten, darf nicht vom Thema abweichen und auch nicht zu lange sprechen. Auf dem Whiteboard, das jemand organisiert hat, sind die Tagesordnungspunkte der Versammlung festgelegt. Dort ist auch die heutige Aktion zu lesen - ein Marsch durch die Stadt zum Newseum, einem Nachrichtenmuseum, in dem an diesem Nachmittag der Vizepräsident Joe Biden und andere Politiker Ideen austauschen wollen.

Kein Job und keine Wohnung

Legba Carrefour, ein schlaksiger 30-Jähriger, ist seit dem ersten Tag von "Occupy DC", wie sich die Bewegung in Anlehung an "Occupy Wall Street" nennt, dabei. Er lebt in der Hauptstadt und hat Kulturwissenschaft studiert. Sein Lehrerjob an der Uni wurde gestrichen, er wurde entlassen. Um sich über Wasser zu halten arbeitet er an der Garderobe eines Nachtclubs. "Außerdem werde ich gerade zwangsgeräumt." Zwischendurch müsse er immer wieder weg um Anträge zu stellen und sich gegen die Räumung zur Wehr zu setzen.

Legba Carrefour, ein Demonstrant in Washington (Foto: DW)

Legba Carrefour unterstützt "Occupy DC" vom ersten Tag an

"Ich halte sehr viel von der Idee," sagt der Amerikaner, der auch noch die österreichische Staatsangehörigkeit besitzt, "nicht demonstrierend durch die Straßen zu laufen, sondern einen Platz zu besetzen und zu meinem eigenen zu machen." Seine Begründung: "Wenn sie mich aus meiner Wohnung schmeißen und ich dort nicht leben darf, dann mache ich das hier zu meinem Zuhause." Er hat nicht vor, sich schnell vertreiben zu lassen. Am ersten Tag von "Occupy DC", am 1. Oktober, kamen zehn Leute, sagt der schlanke junge Mann mit den schwarzen Haaren und dem Piercing in der Lippe. Jeden Tag würden es mehr. Nächste Woche, ist er überzeugt, werden es schon richtig viele sein, die den Platz besetzen.

"Ein Hoffnungsschimmer"

Die altgediente Gewerkschafterin Leslie findet den Anblick der jungen Leute herzerwärmend. Die 60-Jährige erklärt, in der letzten Zeit hätten es die Gewerkschaften nicht geschafft, faire Bezahlungen und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Es habe die Unterstützung der breiten Bevölkerung gefehlt. "Ich bin sicher, dass viele meiner Kollegen und Mitgewerkschafter mir zustimmen würden, dass dies hier ein Hoffnungsschimmer ist." Jeder sei betroffen. Es gelte, Amerika für die arbeitende Bevölkerung zurückzuholen. "Wir müssen sicher stellen, dass [die reichen] ein Prozent ihren Anteil zahlen und nicht auf Kosten der anderen 99 Prozent leben, " fordert die Gewerkschafterin.

Die liberale Protestbewegung, die inzwischen auch in Städten wie Boston, Chicago und Los Angeles Ableger hat, braucht die Unterstützung der finanziell gut ausgestatteten und mitgliederstarken Gewerkschaften, sagt der Amerikanist Thomas Vernon Reed: "Bewegungen wachsen am schnellsten, wenn sie auf existierende soziale Netzwerke zurückgreifen können." In den letzten Tagen war zu beobachten, dass die Gewerkschaften sich bei den Protesten von "Occupy Wall Street" engagierten. Sie haben offensichtlich erkannt, dass die Energie der jungen Leute die gemeinsame Sache voranbringt.

Bewegung mit Potential

Gewerkschafter besprechen sich in einem Park (Foto: DW)

Die Generalversammlung von "Occupy DC" findet zweimal täglich statt

Reed ist Autor des Buches "Die Kunst des Protests: Kultur und Aktivismus – von der Bürgerrechtsbewegung zu den Straßen von Seattle". Aus der "Occupy Wall Street" Bewegung und ihren Ablegern könnte etwas ganz großes werden, meint er: "Solche Bewegungen starten typischer Weise mit sehr vagen Ideen, sie wachsen mit der Zeit in ihrer Ideologie und ihren Forderungen."

Erst nach und nach würden sie erkennen, wo sie den Hebel ansetzen könnten, um Wechsel zu bewirken. "Auch die Bürgerrechtsbewegung," so Reed, "hatte am Anfang keine klaren Vorstellungen. Es dauerte viele Jahre und viele Demonstrationen, bevor sich die Ideen entwickelten."

Die Frage sei nicht, warum die "normalen" Menschen jetzt auf die Straße gehen, sondern warum das nicht schon viel früher geschehen sei angesichts der zunehmenden sozialen Ungerechtigkeit. Hinzu kommt eine Arbeitslosenquote von über neun Prozent und eine hohe Unzufriedenheit der Amerikaner mit dem Kongress – Demokraten wie Republikanern. Auch vom Präsidenten sind viele enttäuscht.

Viele Protestbewegungen

Am Nachmittag setzt sich die Schar der Demonstranten von "Occupy DC" in Bewegung. Es sind vor allem viele junge Ledige, aber auch junge Familienväter, die noch Arbeit haben, sich aber um die Zukunft ihrer Kinder sorgen. Manche sind von weit hergekommen, um mitzumachen: aus New Orleans und sogar aus Alaska. Es geht die 14. Straße hinunter, quer über den Freedom Plaza, den Friedensplatz – und durch die Beifall spendende Schar einer anderen Protestbewegung, die an diesem Tag zu einer Kundgebung aufgerufen hat und ebenfalls tagelang demonstrieren will. Sie nennt sich "Oktober 2011".

Lisa Simeone gehört zum Organisationskomitee von "Oktober 2011" und es sei absoluter Zufall, sagt sie, dass ihre Aktion mit "Occupy Wall Street" und "Occupy DC" zusammenfällt, und die Proteste deswegen so viel Aufmerksamkeit genießen. Simeone hat schon vor Monaten angefangen, den Protest um den 10. Jahrestag des Kriegsbeginns in Afghanistan zu planen. Doch klar ist: "Wir solidarisieren uns mit 'Occupy Wall Street'." Und man besucht die Demonstrationen der jeweils anderen.

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