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Wirtschaft

Mit Rosenschnaps und Volkstanz in die EU

Bulgarien und Rumänien sind schon alte Hasen auf der Internationalen Grünen Woche. Doch erstmals treten die beiden Länder als selbstbewusste Mitglieder der Europäischen Union auf.

Die Gruppe 'Ansamblul Folclorie Moiecelul' auf der Bühne des Rumänienstands auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin (Quelle: Christoph J. Heuer)

Rumänien präsentiert sich auf der Grünen Woche

Der Geschmack ist kaum definierbar: Püriertes Brot, ein ordentlicher Schuss kohlensäurehaltiges Mineralwasser, Zucker und eine feine Wurstnote. Mein westeuropäischer Gaumen ist irritiert. "Boza" heißt das bräunliche, dickflüssige Getränk aus Bulgarien, das laut Etikett ein sauer-vergorenes Getreide-Erfrischungstränk mit Süßungsmitteln ist. "Man munkelt, dass Frauen davon größere Brüste bekommen", erzählt Mladen Stoimdnov und kann sich ein verschmitztes Grinsen nicht verkneifen.

Der ältere Herr mit dem grauen Schnauzer betreibt ein kleines Restaurant am Bulgarienstand auf der Internationalen Grünen Woche. Wenn er von den bulgarischen Spezialitäten erzählt, gerät er ins Schwärmen: "Ich empfehle immer unseren Schopska-Salat mit Tomaten, Paprika und geriebenem Schafskäse." Überhaupt sei Bulgarien für seinen Schafskäse berühmt. "Selbst die anderen Völker sagen, dass unser Käse der beste ist", behauptet Stoimdnov mit einem Augenzwinkern.

Der bulgarische Restaurantbesitzer Mladen Stoimdnov zeigt auf einer Landkarte seinen Heimatort Sofia. Er hat einen Stand auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin Datum: 23.1.2007 Aufgenommen von: Christoph J. Heuer

Heimatverbunden: Der bulgarische Restaurantbesitzer Mladen Stoimdnov

Der Bulgare lebt schon seit 26 Jahren in Berlin, aber seiner Heimatstadt Sofia hält er nach wie vor die Treue. "Ich versuche mindestens einmal im Jahr nach Hause zu fahren." Seinen Lebensabend würde er auch gerne in seiner bulgarischen Heimat verbringen, aber dazu müssten sich noch einige Dinge ändern. "Erst muss sich die wirtschaftliche Lage verbessern und die Korruption muss stärker bekämpft werden", meint der Restaurantbesitzer. Auch die Kriminalität sei ein Problem.

Hochglanz und Hochprozentiges

Die Hochglanzbroschüren auf dem Messestand sprechen natürlich eine andere Sprache. Bilder von Skipisten und malerischen Stränden sollen Lust auf das neue EU-Mitglied machen. "Die Schwarzmeerküste zieht schon seit Jahren Touristen an, aber mit dem Beitritt zur EU werden vielleicht mehr Leute auf unser Land aufmerksam", meint Maria Dimitrova, die am Stand nebenan bulgarische Liköre ausschenkt. Die kleinen Plastikbecherchen, die aufgereiht auf der Glasvitrine stehen, enthalten den bräunlichen Pliska-Brandy, violetten Rosenschnaps und den aromatischen Anisschnaps Mastika. "Den trinken die Leute am liebsten", berichtet Dimitrova, die von morgens halb neun bis 19 Uhr hinter dem Tresen steht. Probleme mit Leuten, die einen über den Durst getrunken haben, habe es noch nicht gegeben. "Ich hoffe, das bleibt auch so."

Die junge Frau lebt seit vier Jahren in Berlin und studiert Publizistik und Betriebwirtschaftslehre. An eine Rückkehr nach Bulgarien denkt sie noch nicht. "Ich bin jetzt am Ende des Studiums und ich denke, es ist erstmal sinnvoll, sich hier auf dem Arbeitsmarkt umzusehen", meint die Studentin.

Was den EU-Beitritt ihres Landes anbelangt, hätten die Bulgaren gemischte Gefühlte gehabt. "Aber wir haben uns schon immer als Europäer gefühlt", erklärt Dimitrova. Ihr Kollege Stefan Kantchev vom benachbarten Weinstand sieht das eher pragmatisch: "Der Beitritt Bulgariens zur EU ist eine große Erleichterung für uns, denn jetzt gibt es keine Zölle mehr." Gerade der Handel mit Schnaps und Weinbränden sei früher sehr kompliziert gewesen, erinnert sich der Geschäftsmann.

Bunte Tracht aus Draculas Zeiten

Während am Bulgarienstand die landestypische Musik von einer CD aus den Lautsprechern kommt, zieht das nördliche Nachbarland Rumänien mit einer Live-Band und Tänzern die Besucher in seinen Bann. Zu folkloristischen Saxophon- und Akkordeonklängen wirbeln zwei Tänzer mit ihren Tanzpartnerinnen über das Parkett. "Die Trachten, die wir beim Tanzen tragen, sind mehr als 100 Jahre alt und kommen aus der Ortschaft Bran in Siebenbürgen", erzählt Ionela Bangălă, die nach ihrer Tanzeinlage noch etwas außer Atem ist. "Dort steht auch das bekannte Schloss, in dem Dracula einst sein Unwesen getrieben haben soll."

Bangălă ist zum ersten Mal in Deutschland und findet Berlin "wundervoll". Überzeugend klingt das allerdings nicht - und das ist auch kein Wunder. "Leider haben wir nicht viel Zeit für Sight-Seeing. Um 19 Uhr haben wir Feierabend und dann ist es dunkel und kalt", erklärt Bangălă und entschwindet in Richtung Bühne für den nächsten Auftritt.

Filigranes auf Eierschalen

Der Rumäne Ioan Zinici bemalt ein Ei mit Bienenwachs auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin Datum: 23.1.2007 Aufgenommen von: Christoph J. Heuer

Hoch konzentriert: Der Rumäne Ioan Zinici bemalt ein Ei mit Bienenwachs

Gleich neben der Bühne hat Ioan Zinici seinen Stand. Vorsichtig taucht er eine kleine Metallspitze, die an einem Holzstäbchen befestigt ist, in ein Keramikgefäß. "Da ist heißes Bienenwachs drin", erklärt der Rumäne und zeichnet mit der Metallspitze feine schwarze Linien auf ein Entenei, das er in der linken Hand hält. Der Korb vor ihm ist bereits mit bunt bemalten Eiern gefüllt. Jedes einzelne von ihnen bedeutet drei Stunden konzentrierte Arbeit. "Diese Tradition wird bereits seit Generationen in meiner Familie weitergegeben und ich möchte sie fortführen." Reich werde er damit allerdings nicht, räumt Zinici ein. "Ich bringe aber in meiner Heimat Kindern das Eierbemalen in einer Schule bei."

Dass sein Heimatland nun in der Europäischen Union ist, findet der Rumäne gut. "Das ist ein wichtiger Schritt gewesen", betont er. Doch der EU-Beitritt beeinflusst nicht nur die große Politik und die Volkswirtschaft. Selbst für seinen kleinen Stand auf der Grünen Woche gibt es ganz konkrete Folgen. "Ich habe meine Preise inzwischen dem europäischen Markt angepasst. Jetzt kann ich für ein kleines Ei 15 Euro und für ein großes 25 Euro verlangen", freut sich Zinici. "Aber die sind eigentlich viel billiger."

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