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Kultur

Mit Jazz Welten und Kulturen verbinden

Kulturelle Vielfalt - Konfliktpotential oder Reichtum? Die Jazzmusikerin Defne Şahin findet, dass verschiedene Musikkulturen sich gegenseitig befruchten können. Eine persönliche Jazzreise zwischen Istanbul und Berlin.

Die Liebe zum Jazz geht bei Defne Şahin über ihre bisherigen Wirkungsstätten in Istanbul und Berlin weit hinaus. Die Sängerin und Komponistin entwickelte ihre Musik auf der Basis ihrer Erfahrungen bei Aufenthalten in den USA, Brasilien, Spanien, Deutschland und nicht zuletzt in der Türkei. Der Jazz gibt ihr den erforderlichen Entfaltungsraum durch Einflüsse aus verschiedenen Musikkulturen. Ihr CD "Yaşamak" ("leben" – Anm. d. Red: Nicht "das Leben", sondern "leben" als Verb) brachte ihr viel Anerkennung ein, nachdem sie mehrere Gedichte des international prominenten türkischen Dichters und Denkers Nazım Hikmet Ran in einer musikalischen Form interpretiert hatte. Für den deutsch-türkischen Kulturtreffpunkt erzählt sie über die Spannungsfelder der kulturellen Vielfalt.

Nazim Hikmet's Worte "Lasst uns die Erde den Kindern übergeben" sind mir in meiner Kindheit das erste Mal begegnet und haben mich seit dem nicht losgelassen. "Die Kinder werden uns die Erde aus den Händen nehmen, werden unsterbliche Bäume pflanzen." Was für starke und zutreffende Bilder. Wer war dieser Mann? In meiner Heimat Berlin habe ich den Namen Hikmet nicht all zu oft gehört. Trotzdem gingen mir die Zeilen des Dichters nicht aus dem Kopf. Und als ich auf die Idee kam, ein türkisches Gedicht zu vertonen, waren sie wieder da. Die Zeilen aus meiner Kindheit.

Die Musik, die ich dazu komponierte, überraschte mich selbst. Die türkische Sprache und der moderne Jazz passten so gut zusammen, wie die Sigara Böreks meines Vaters in unserem Berliner Heim schmecken. Wild, unerwartet, aber genau richtig.

Der Jazz lässt Freiraum für Einflüsse aus verschiedenen Stilen und Musikkulturen. Und der Jazzhörer erwartet eine persönliche Note des Musikers. Es ist eine Musik, die sich immer weiterentwickelt hat und die ich genau aus diesem Grund so herausfordernd finde. Also beschloss ich "meinen Jazz" weiterzuentwickeln, vertonte mehrere Gedichte von Nazim Hikmet und beschloss ihm ein Album zu widmen: "Yasamak".

Türkischer Jazz – zwischen Neugier und Befremden

Natürlich wollte ich dieses Album nicht nur in Deutschland veröffentlichen, sondern auch in der Türkei einem türkischen Publikum präsentieren. Also machte ich mich mit der CD im Koffer auf den Weg nach Istanbul. Im Gegensatz zu Berlin ist die Istanbuler Jazzszene klein, aber keineswegs weniger lebendig. Es gibt mehrere Jazzclubs und große Festivals mit internationalen Künstlern, sowie mehrere Plattenfirmen. Immer wieder wurde ich interessiert gefragt: "Warum macht ein türkisches Mädchen in Berlin Jazz und dann auch noch zu Texten von Nazim Hikmet?"

Anders als in der Türkei kam in Deutschland weniger Interesse bei den Plattenfirmen auf. Ich vermute, dass es für einige unvorstellbar war, mit türkischem Jazz in Deutschland Aufsehen zu erregen. Meine eigene Erfahrung und der Austausch mit internationalen Sängern zeigen mir aber, dass eine fremde Sprache in der Musik keine Barriere darstellt, sondern vielmehr eine eigene Note kreiert und neugierig macht. Neugierig auf das Unbekannte, was auf einmal greifbar oder eben hörbar wird.

Das Arbeiten in Berlin und Istanbul war sehr unterschiedlich. In Istanbul ist der Musikmarkt spontaner und flexibler. Konzerte, Pressetermine, Studioaufnahmen werden kurzfristiger ausgemacht und ergeben sich schneller, wenn man vor Ort ist und die Akteure persönlich trifft. Das Treffen kann in einem Büro stattfinden oder auch eine kurze Begegnung in einem Jazzclub sein. In Berlin hingegen ist die Organisation meist schon Monate voraus abgeschlossen und man kann sich besser auf die Projekte einstellen. Dort lassen sich auch Dinge bewegen, wenn man selbst nicht vor Ort ist.

Verbindende Begegnungen mit der türkischen Kultur

Als türkischstämmige Berlinerin finde ich es ganz naheliegend, dass ich mich diesem Projekt gewidmet habe, genauso wie ich eine deutsche, englische oder brasilianische Platte machen könnte. Neben der musikalischen Erfahrung war es für mich auch eine Annäherung an meine türkische Kultur, die ich zwar im Elternhaus erlebte, aber nie so präsent werden ließ, da ich in Deutschland aufgewachsen bin.

Die Musik und die Lyrik Hikmets brachten mich nach Istanbul, die Heimat meiner Eltern, die jetzt auch meine Heimat geworden ist. Seit über einem Jahr lebe ich zwischen Berlin und Istanbul: pendelnd, singend und komponierend. In Istanbul habe ich großartige Musiker kennengelernt, die mich und meine Musik unterstützen. Aber das vielleicht Schönste ist, dass ich mit der Unterstützung des Goethe-Instituts meine Berliner Band mit in die Türkei nehmen und ihnen meine Einflüsse näherbringen konnte. Meine Mitmusiker haben einen Teil meines Lebens zwischen und mit beiden Kulturen miterlebt. Sie spielten dort nicht nur Konzerte mit mir sondern auch mit Istanbuler Jazzmusikern.

Diese schöne, einfluss- und begegnungsreiche Zeit zwischen Berlin und Istanbul werde ich erstmal hinter mir lassen, da ich in nächster Zeit in New York arbeiten werde. Ich freue mich auf die Musikszene, vor allem aber freue ich mich auf ein Umfeld, in dem Migration nicht negativ behaftet ist, sondern als Reichtum gesehen wird. Denn so selbstverständlich meine Musik und die kulturelle Vielfalt für mich sind, werde ich immer wieder - sowohl in Deutschland als auch in der Türkei - auf diesen scheinbaren Konflikt aufmerksam gemacht.