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Amerika

"Mit Gewalt kommt man den Maras nicht bei!"

Erste Verdächtige im Fall des letzte Woche in El Salvador ermordeten Filmemachers Poveda wurden nun gefasst. Poveda hatte zuvor einen Film über die "Mara 18" beendet. Im Juni sprach er darbüber mit Hilde Regeniter

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Nahm sich der Problematik der Maras (Gangs) in Mittelamerika an - Filmemacher Poveda

DW-WORLD.DE: Herr Poveda, "Killer-Seucher", die "Geißel Mittelamerikas", "grausame Teufel" – so werden die Maras, die Jugendbanden in Zentralamerika von Medien und Politikern häufig bezeichnet. Wie kam die Idee, mit diesen Banden einen Film zu drehen?

Ich habe in Frankreich viel mit marginalisierten Jugendlichen gearbeitet. Schon seit langem bin ich überzeugt, dass das Problem der Jugendgewalt sich nicht mit Repression lösen lässt. Das passiert aber in El Salvador. Als ich 2004 mit dem Projekt anfing gab es "nur" 6 Tote am Tag, heute sind es 12. In fünf Jahren hat sich die Zahl also verdoppelt. Und während es damals 11.000 Gefangene gab sind es heute 22.000. Es ist der Beweis dafür, dass diese Politik nicht aufgeht. Mit meinem Film möchte ich dazu beitragen, dass wir anders mit Jugendgewalt umgehen.

Die Maras terrorisieren vor allem in den armen Ländern Zentralamerikas – El Salvador, Honduras, Guatemala – ganze Landstriche….

Jugendliche Bandenmitglieder einer Mara in El Salvador

Trotz Repression haben die Maras einen enormen Zulauf

Und die Banden bekommen immer mehr Zulauf! Für mich sind die Jugendbanden auch kein Problem Zentralamerikas, sondern ein Beispiel für unkontrollierte und unverantwortliche Globalisierung. Diese Maras sind in Anfang der 1980er Jahre gewesen sein, in den Anfangsjahren des Bürgerkriegs in El Salvador. Damals sind 200.000 Menschen nach Los Angeles geflohen. Und dort haben sich die El Salvadorianer zusammen getan, um sich gegen die Chicano-Banden aus Los Angeles zu verteidigen. Mit bei dabei waren aber auch Kriegs-Deserteure, Guerrilleros, Ex-Mitglieder der Todeschwadrone.

Mit ihren Kriegserfahrungen konnten sie sich auf der Straße ziemlich schnell durchsetzen und sich mit Drogengeschäft ihren Unterhalt verdienen. Viele von ihnen landeten bald im Gefängnis. Aber weil es in USA Mitte der 1990er ein Gesetz erlassen wurde, wonach jeder Ausländer, der länger als ein Jahr im Gefängnis sitzt, in sein Heimatland deportiert werden muss, kamen sie zurück. Die Regierung in den armen Ländern Mittelamerikas hatten den kriminellen Banden nichts entgegen zu setzen.

"Maras sind ein US-Export"

In meinen Augen ist El Salvador heute weltweit das schlimmste Beispiel von Jugendgewalt. Kinder von zwölf Jahren sind dort schon in Banden organisiert. Um darin aufgenommen zu werden, müssen sie sofort töten – und sie gewöhnen sich schnell daran. Beim Ersten, den du umbringst, zittern dir noch die Hände, sagte mir ein Mara-Mitglied. Beim Zweiten schon weniger und beim Vierten oder Fünften fängst du an, es zu genießen! Der Junge war 14!

La Vida Loca - Dokumentarfilm über Maras in El Salvador Flash Format

La Vida Loca - Christian Poveda mit Protagonisten seines Films

Für ihre Dokumentation "La Vida Loca" (das verrückte Leben) haben mit Mitgliedern der "Mara 18" in San Salvador gedreht – wie konnten Sie diese zum Mitmachen bewegen?

Ich habe ihnen einfach erzählt, was ich vorhatte. Ich wollte sozusagen das menschliche Antlitz dieser Banden zeigen. Und um wirklich in ihre Realität einzutauchen, wollte ich ein Jahr lang drehen – am Ende sind sogar 16 Monate daraus geworden. Und ich glaube, das hat sie überzeugt. Sie hatten die Nase voll von all diesen Journalisten, die mal kurz vorbeikommen, ein zwei Stunden bleiben und dann wieder weg sind und nichts als Klischees mit nehmen. Weil sie einfach weit weg bleiben von der Realität der Banden. Ich wollte genau das zeigen, den Alltag beobachten, ohne Kommentar. Der Film soll den Zuschauern Raum lassen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.

Erpressungen, Raub und Drogenhandel - jährlich sollen die Maras für mehr als Tausend Morde in El Salvador verantwortlich sein. "La Vida Loca" zeigt diese Gewalt aber immer nur implizit, nicht vor der Kamera. Was steht hinter dieser Entscheidung?

Weil ich auf jeden Fall ausschließen wollte, dass sie extra für die laufende Kamera jemanden töten. Deshalb habe ich von Anfang an ausgeschlossen, explizite Gewaltszenen aufzunehmen. Und jetzt, wo der Film fertig ist und ich ihn schon einige Male als Zuschauer auf Festivals gesehen habe, bin ich um sie überzeugter, dass der Film solche Szenen auch gar nicht braucht. Die Gewalt kommt in dem Film zur Sprache, ohne, dass sie gezeigt wird…

Film La vida loca von Christian Poveda

BANBAN, LIRO und ihr Kind: "Wir wissen nicht, ob wir ihn aufwachsen sehen"

"Ich wollte nicht, dass sie vor der Kamera töten"

Was haben die Maras gesagt, als sie den Film gesehen haben?

Sie haben gesehen, dass ich den Film genau so gemacht habe, wie ich es versprochen hatte. Damit sind sie sehr zufrieden. Aber natürlich war der Film sehr bewegend. Während der Dreharbeiten sind 8 ihrer Leute ums Leben gekommen, fünf davon kommen im Film vor. Klar, dass das den Überlebenden sehr nahe geht.

Während der Dreharbeiten zu "La Vida Loca" sind acht Bandenmitglieder erschossen worden fünf kommen als Protagonisten in der Dokumentation vor. Wie geht man mit solchen Erfahrungen um?

Ich weiß es auch nicht. Ich bin 54 Jahre alt, alle diese Jungs und Mädchen könnten meine Kinder sein oder sogar meine Enkel. Denn es sind doch alles Kinder!! Sie verhalten sich wie Kinder, sie spielen, sie sind doch im Grunde wieder alle anderen Jugendlichen, aber in einem ganz brutalen Umfeld und da sind sie eben zu allem fähig. In der langen Zeit habe ich zu vielen ein sehr vertrautes Verhältnis bekommen. Wizard, ein Mädchen, das am Ende stirbt, hat mich immer so umarmt, als wäre ich wirklich ihr Vater. Und dann erzählten mir viele von ihrem eigenen Tod. Und noch schlimmer war für mich, dass wir abgemacht hatten, auch die Toten zu filmen, So musste ich die schlimmen Gefühle aushalten, um weiter zu drehen, um weiter zu machen. Wizard hat zum Beispiel hat immer gesagt: "Wenn du mich filmst, wenn ich tot bin, achte bitte drauf, dass ich gut aussehe! Und macht mir eine schöne Beerdigung!" Das hat sie gesagt. Sie haben einfach ein ganz anderes Verhältnis zum Tod als wir.

Film La vida loca von Christian Poveda

Kennzeichen der Maras sind Tätowierungen auf Körper, Kopf und Gesicht

Sie zeigen in ihrem Film die Menschen – Menschen, die doch mit dafür verantwortlich für die immer weiter zunehmende Gewalt in Mittelamerika sind. Die Regierungen scheine völlig überfordert und antworten mit Repression – gibt es Alternativen?

Das ist sehr schwer und man kann es nicht verallgemeinern. Aber auch in den Banden gibt es Leute, die die Gewaltexzesse so satt sind, die wollen, dass es einen Wandel gibt. Ich zeige in meinem Film eine Gruppe von Mitgliedern, die eine Bäckerei aufmachen wollen – aber immer wieder an Hindernisse stoßen, bis sie es schließlich lassen. Mit diesen Leuten muss man arbeiten. Eigentlich wäre es ganz einfach: Ihnen Arbeit geben, damit sie ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Aber das scheint ja nicht zu passieren… welche Angebote gibt es von Seiten der Regierung von Präsident Mauricio Funes?

Es gibt sehr gute Leute in dieser Regierung. Viele davon kenne ich. Der Wille ist da! Aber natürlich sind Wille und Wirklichkeit zwei verschiedene Paar Schuhe. El Salvador ist ein Land ohne Geld, ohne finanzielle Rücklagen. Es gibt weder die Mittel noch das Personal, um Präventionsprogramme und Wiedereingliederungsprogramme durchzuführen. Ich glaube, wir müssen andere Lösungen suchen. Wir arbeiten schon daran, Mara-Leute mit Regierungsleuten zusammen zu bringen, damit sie gemeinsam nach Lösungen suchen können. Doch leicht wird das nicht.

Mauricio Funes Präsident El Salvador

Mauricio Funes, Präsident von El Salvador

Der Film La Vida Loca kommt im Herbst in europäische Kinos. Was erhoffen Sie sich für eine Wirkung in Europa?

Ich weiß ja nicht, wie es bei euch in Deutschland aussieht. Aber in Frankreich erlässt Sarkozy Gesetze, die in El Salvador schon vor fünf Jahren als unvereinbar mit der Verfassung eingeordnet wurden… In Frankreich versuchen sie, alleine die Mitgliedschaft in einer Bande als unrechtmäßig einzustufen. Sie setzen voraus: Wenn du in einer Bande mitmachst, dann begehst du auch Verbrechen. In Frankreich ist die Jugendpolitik ein Totalausfall. Ich hoffe, dass mein Film dazu beitragen kann, eine Debatte zu eröffnen: "Wenn ihr so weitermacht, wie bisher, dann seid ihr vielleicht in zehn Jahren genau da!"

Der Filmemacher und Fotograf Christian Poveda wurde am Mittwoch (02.09.2009) in der Nähe von El Salvador ermordet. Eine Woche später hat die Polizei in El Salvador fünf Verdächtige gefasst. Wie die Behörden am Mittwoch (Ortszeit) mitteilten, gehören die meisten der mutmaßlichen Täter zu einer Mara. Nach weiteren vier Verdächtigen wird noch gefahndet.

Christian Povedas Dokumentarfilm "La Vida Loca" kommt Ende September in europäische Kinos.

Das Interview führte Hilde Regeniter

Redaktion: Anne Herrberg

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