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Wirtschaft

Mit der Gefahr in der Grube leben

Bergleute gehören in China nicht nur mit zu den ärmsten Arbeitern im Lande, sie üben auch den gefährlichsten Beruf aus. Explosionen und Abstürze gehören fast zum Alltag.

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Sicher ist hier nichts

Chinas Bergwerke gelten als die gefährlichsten der Welt: Bei einem der schwersten Grubenunglücke der vergangenen Jahrzehnte sind in China zu Wochenbeginn (14.2.2005) wieder mehr als zweihundert Bergarbeiter getötet worden. Im Kohlebergwerk Sunjiawan in der Provinz Liaoning gab es eine gewaltige Gasexplosion.

Der Energiemangel durch Chinas rasantes Wirtschaftswachstum hat die Kohleproduktion stark steigen lassen, 2004 allein um etwa ein Fünftel. Zu mehr als zwei Drittel stützt sich Chinas Energieverbrauch auf Kohle. Und von Monat zu Monat wächst der Druck, mehr Kohle zu fördern. Doch viele Gruben sind hoffnungslos veraltet und erfüllen nicht einmal ein Minimum an Sicherheitsstandards.

Wichtiger Energie-Träger

Offiziellen Zahlen zufolge wurden im Jahr 2000 mehr als 4000 Menschen bei Minenunglücken getötet. Die Dunkelziffer dürfte noch weit höher liegen, meint Han Dongfang, chinesischer Arbeiteraktivist aus Hongkong und fügt hinzu: "Die offiziellen Zahlen können nicht stimmen. Auch die chinesischen Behörden können bei solchen Statistiken keinen Durchblick behalten. Es ist kaum möglich, alle Unglücke zu registrieren. Viele werden einfach verschwiegen."

Zwei Drittel der chinesischen Primärenergie werden aus dem "Schwarzen Gold" gewonnen. Vom Nordosten Chinas an der koreanischen Grenze bis zur chinesisch-indischen Grenze erschreckt sich ein geologischer Gürtel mit dem wertvollen Energieträger Kohle. Die Vorräte werden auf insgesamt 1400 Milliarden Tonnen geschätzt - Vorrat für Jahrhunderte. Doch auch wenn dieser Reichtum häufig nur wenige Meter unter der Erdoberfläche liegt, ist der Abbau lebensgefährlich. Die Sicherheitsvorkehrungen in vielen Gruben sind katastrophal. Immer wieder werden tödliche Minenunglücke bekannt. Deswegen gelten Chinas Bergwerke als die gefährlichsten der Welt.

Deutsche Unternehmen mischen mit

99 Prozent der Unfälle seien auf mangelndes Sicherheitsbewusstsein der Bergleute zurückzuführen, behauptet das staatliche Amt für Sicherheit der Kohlebergbaubetriebe in Peking. Anfang November 2002 ist zwar ein Gesetz für Sicherheit bei der Kohleförderung in Kraft getreten. Doch mehrere Monate danach war das Gesetz bei vielen kleineren Minen immer noch unbekannt.

Schätzungsweise sind es über drei Millionen Bergleute, die in Chinas Zechen Tag für Tag ihr Leben riskieren. Auch Unternehmen aus Deutschland sind in vielen chinesischen Zechen wirtschaftlich engagiert. Sie liefern zum Beispiel technische Ausrüstungen. Die Deutsche Welle hat mehrere deutsche Firmenvertreter, die vor Ort waren, über ihre Meinung zu den dortigen Sicherheitsstandards befragt. Keiner wollte sich dazu öffentlich äußern.

Auf eigenes Glück hoffen

Genau angesehen hat sich die Minen auch der deutsche Journalist Harald Maass, China-Korrespondent für die "Frankfurter Rundschau" und andere Zeitungen. Und Maas nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Arbeiter in den Minen seien sich der Gefahren wohl nicht ausreichend bewusst, meint er. Und selbst wenn doch: Mangels Alternativen bliebe ihnen ohnehin kaum etwas anderes übrig, als Tag für Tag das tödliche Risiko unter Tage einzugehen. "Das ist eine Gegend, wo die Männer überhaupt keine andere Arbeit finden können", berichtet er. "Das sind sehr arme Gegenden. Es gibt keine anderen Industriezweige. Die Leute, die das Risiko auf sich nehmen und unter Tage gehen, haben meistens eine fatalistische Einstellung. Sie sagen sich: 'Oh, mir wird schon nichts passieren!' - und hoffen drauf, dass ihre Mine verschont bleibt." Und was tun die Behörden? In der Provinz Guanxi wurde im Juni 2002 ein Parteisekretär zum Tode verurteilt. Die Justiz machte ihn verantwortlich für den Tod von 81 Kumpeln bei einer Gasexplosion. Doch Experten meinen, dies sei eine Art Alibi-Prozess gewesen, mit dem die Behörden den Menschen suggerieren wollten, dass sie nicht untätig seien. Die Sicherheitsstandards aber scheinen nicht verbessert worden zu sein, jedenfalls nicht substanziell. Mit anderen Worten: Tödliche Unglücke in Bergwerken werden in China vermutlich noch lange zum Alltag gehören.

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