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Problemviertel

Mit der Abrissbirne gegen Kriminalität

Sozial schwache Ruhrgebietskommunen wollen sogenannte No-Go-Areas durch den Abriss von Schrottimmobilien aufwerten. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen stellt für den Rückbau mehr als 30 Millionen Euro bereit.

Es ist Markttag in Marxloh. Die Menschen laufen mit Tüten voller Gemüse und Obst über die Straßen. Wenig deutet darauf hin, dass der Duisburger Stadtteil als eines der größten Problemviertel in Deutschland gilt. Marxloh hat schöne Altbauten, Grünflächen und viel Einzelhandel. In Berlin oder Hamburg wäre es schick, in einem solchen Viertel zu wohnen. In Marxloh ist das anders. Es gilt als abgestürzter Stadtteil und ist sinnbildlich für viele Viertel an der Ruhr - so wie die anderen Duisburger Stadtteile Hochfeld und Bruckhausen, die Essener Viertel Altenessen und Katernberg, die Dortmunder Nordstadt oder Gelsenkirchen-Ückendorf.

In fast allen Städten des Ruhrgebiets existieren diese Problemviertel. Manche nennen sie auch "No-Go-Areas". Politiker im Ruhrgebiet, wie der scheidende Innenminister Ralf Jäger von der SPD, nennen sie zwar nicht so und wollen auch von rechtsfreien Räumen nichts wissen, doch die unterprivilegierten Viertel mit schwieriger Bevölkerungsmischung, Armut, mangelhaftem Bildungsniveau und permanenter Kriminalität sind vorhanden. Wie man sie nennen will, ist eigentlich egal. Das Problem selbst wird seit Langem diskutiert, gelöst wurde bislang kaum etwas.

Strukturen zerschlagen

Nun ist die Idee da, dem Problem mit Abriss zu begegnen. In einigen Vierteln haben sich rund um die sogenannten Schrottimmobilien Strukturen aufgebaut, die die Städte nicht mehr dulden wollen. Oftmals auffällig: Zuwanderer aus Südosteuropa.

Die Stadtverwaltung Duisburg forciert nun ihre Abrisspläne. Seit dem vergangenem Jahr wurden 53 Häuser für unbewohnbar erklärt. In ihnen lebten dicht gedrängt Zuwanderer aus Osteuropa, häufig Roma. Rund 18.000 sind in den vergangenen Jahren nach Duisburg gekommen, als EU-Bürger aus Bulgarien und Rumänien völlig legal. Die Besitzer der Immobilen kümmerten sich nicht um die Renovierung. Schimmel, defekte Elektroinstallationen, kein Wasser, undichte Dächer - die Mängelliste ist lang.

No-Go-Area - Abriss als Lösung?
(DW/C. Grün)

Marxloh: Café hinter Gittern

In solchen Quartieren entwickelt sich Kriminalität schnell. Die Polizei ist alarmiert. Bei einem Treffen der Polizeipräsidenten der betroffenen Ruhrgebietskommunen wurde Klartext geredet. Dort berichteten die Polizeichefs über den Stand der Dinge in ihrem Revier - und der war nicht ermutigend.

Die Duisburger Polizeipräsidentin Elke Bartels sagt, dass Polizeiarbeit allein nicht ausreichen würde. "Wenn wir kommen, hat alles andere längst versagt - die Kita, das Elternhaus, die Schule."

Null-Toleranz-Strategie

Bartels setzt auf die Null-Toleranz-Strategie. Dafür bräuchte man aber zusätzliche Einsatzkräfte. Und sie könne die Situation nur abmildern. "Wenn unsere Klientel merkt, dass wir weniger werden, dann würde es wieder schlimmer. Wir können nur die Lage in den Griff bekommen, bessern können wir diese Leute nicht", stellte die Polizeichefin im April resigniert fest. Ähnlich äußerten sich die Kollegen aus den anderen Städten.

Professor Thomas Feltes, Kriminologe an der Universität Bochum, sieht die Abrisspläne eher als symbolische Politik. "Ein Abriss ändert im Prinzip nichts, wenn die Grundsubstanz in einem Stadtteil nicht verändert wird. Man muss die Infrastruktur untersuchen, die Probleme benennen, und dann müssen Polizei, Sozial- und Gesundheitsämter und die Schulen gemeinsam Lösungen erarbeiten."

Die Konzentration auf Zuwanderer aus Osteuropa hält Feltes für falsch. "Das ist eine Gruppe, die zum Sündenbock gemacht wird und das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Kriminalität kommt aus dem Stadtteil selbst. Schlechte Lebensstrukturen, vernachlässigte Wohnbedingungen sind die Ursache. Ein großes Problem sind private Investoren, die die Häuser vergammeln lassen. In Deutschland ist es so, dass der Eigentumsschutz hochgehalten wird. Da hat man kaum Zugriff. Eigentum wird höher angesehen als Gemeinnutz. Die Städte können nur was ausrichten, wenn sie die Immobilien aufkaufen könnten, doch das wird schwierig."

Duisburgs Stadtsprecherin Susanne Stölting äußerte sich kürzlich in Duisburger Medien folgendermaßen: Der Zuzug der Menschen aus Südosteuropa sei ein ganz perfides System. Die Angeworbenen bekämen mit den Mindestlöhnen hier immer noch mehr als in ihren Heimatländern, die Scheinarbeitgeber griffen zusätzliche Sozialleistungen ab - und kassierten zum Teil Wuchermieten für Unterkünfte, die jeglicher Beschreibung spotteten.

Türkische Migranten hadern

Die angestammte deutsch-türkische Bevölkerung hat auf jeden Fall ein Problem mit den neuen Zuwanderern. Das bestätigt auch Duisburgs Polizeipräsidentin Bartels. So seien türkischstämmige Migranten, die seit Jahrzehnten in Marxloh und Hochfeld lebten, an sie herangetreten und hätten sie gebeten, dafür zu sorgen, dass die Ausländer aus Südosteuropa wieder wegzögen.

No-Go-Area - Abriss als Lösung?
(DW/C. Grün)

Marxloh: Gründerzeitarchitektur im sozialen Brennpunkt

Ob allerdings der Abriss wirklich die Probleme löst? Die Häuser sind dann zwar weg, aber ob damit auch die Leute und die damit verbundene Kriminalität weg sind, ist sehr fraglich.

Gezielte Projektarbeit

Der Stadt- und Migrationsforscher Sebastian Kurtenbach von der Universität Bielefeld hat die Lage in Marxloh und der Dortmunder Nordstadt erforscht. "Es macht Sinn, aus Stadtentwicklungsgründen solche Immobilen vom Markt zu nehmen. Aber man dämmt dadurch nicht die Kriminalität ein. Diese Abrisse sind kein Allheilmittel gegen räumlich konzentrierte Armut", sagt Kurtenbach.

Er sieht in den Abrissen eher Aktionismus der Politik und setzt auf andere Wege: "In der Dortmunder Nordstadt bestehen Projekte, bei denen Neuzuwanderern aus Rumänien und Bulgarien die Möglichkeit gegeben wird, Wohnungen mit zu renovieren, sie so für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren und gleichzeitig mietfähig zu machen. Damit werden die Leute eingebunden. Eine solche Strategie ist vielversprechend, aber natürlich aufwendiger." Der Sozialwissenschaftler verweist auch darauf, dass ein Großteil der Menschen, die in diesen Vierteln leben, gar keine Chance auf dem herkömmlichen Wohnungsmarkt hat. "Dort ist die Diskriminierung von ausländischen Familien noch höher als sonst schon in der Gesellschaft."

Das Ministerium für Stadtentwicklung Nordrhein-Westfalen bezuschusst in diesem Jahr den Rückbau oder die Sanierung von Schrottimmobilien mit 33 Millionen Euro. Profitieren werden die Städte Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Herne und das nicht zum Ruhrgebiet zählende Wuppertal. Ob das Modellprojekt eine Zukunft hat, ist unklar. Nach Angaben des Ministeriums ist dazu die Zustimmung vom Bund nötig.

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