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Deutschland

Tausche Bildung gegen Wohnen

Der Duisburger Stadtteil Marxloh steht in der öffentlichen Wahrnehmung für Gewalt, Ausgrenzung und Scheitern. Bildungspaten wollen Kindern eine Perspektive im Problemviertel geben - und profitieren auch selbst.

Die Idee, die Christine Bleks, Initiatorin des Projektes "Tausche Bildung für Wohnen" hatte, ist ganz einfach: sie wollte sich mit einem Team für Kinder einsetzen, die aus Ländern wie Albanien, Rumänien, Bulgarien, der Türkei oder Syrien stammen und im Stadtteil Marxloh in Duisburg leben. Unterstützt wird sie dabei von Studenten, Azubis oder Leuten im Freiwilligendienst. Diese so genannten Bildungspaten arbeiten mit den Kindern, helfen bei Hausaufgaben, kochen zusammen, sind Ansprechpartner und helfen bei sonstigen Problemen. Im Gegenzug dürfen sie kostenfrei in einer der Wohngemeinschaften leben, die ihnen das Projekt zur Verfügung stellt.

Nicht jeder ist für den Job im Kiez geeignet. "Wir brauchen Mitarbeiter, die improvisieren und organisieren können, dafür bekommen sie aber auch ein Betätigungsfeld mit viel Gestaltungsfreiheit", sagt Christine Bleks. Die Bildungspaten sollen durch ihren Anwesenheit den Stadtteil aufwerten, selber zu Botschaftern werden, die ein besseres Bild von Marxloh nach außen tragen, um so langfristig vielleicht eine Kehrtwende in der sozialen und städtebaulichen Abwärtsspirale zu schaffen.

Hausaufgabenhilfe im Pfarrhaus

Denn Marxloh gilt als Problemviertel: Arbeitslosigkeit, Straßenkriminalität, marode Häuser - viele haben den Stadtteil bereits abgeschrieben. Zu den bestehenden Problemen kamen dann noch die Flüchtlingsströme und die machten auch nicht vor Duisburg halt - im Gegenteil. In den ohnehin schon als schwierig geltenden Stadtteilen im Norden der Stadt wurden Flüchtlinge untergebracht. Nun kümmert sich die 36-jährige Bleks mit ihrem Team auch noch um Kinder und Jugendliche, die vor Gewalt und Terror geflohen sind.

Deutschland Tausche Bildung gegen Wohnen
(DW/C. Grün)

Christine Bleks setzt auf die Potenziale der Kinder in Marxloh wie hier bei Ali aus Albanien

Basis ist eine vom Bistum Essen überlassene Wohnung mit Garten in Marxloh. Schwerpunkt ist der Bereich Hausaufgaben und bei Flüchtlingen der Spracherwerb. Rund 50 Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren kommen regelmäßig in das alte Pfarrhaus. Fast jedes von ihnen weiß, was es heißt, arm zu sein. Die Familien erhalten Geld vom Staat, sei es als Flüchtling, Hartz-IV-Empfänger oder über Wohngeld. Viele der Kinder sind geprägt von Sorgen. "Wir haben Kinder aus dem zweiten Schuljahr deren größter Wunsch es ist, ein Bleiberecht zu bekommen. Andere haben Schlimmes bei der Flucht aus Syrien erlebt", erklärt Bleks.

Glücksgefühl trotz Vorbehalten

Zwischen 30 und 100 Stunden pro Monat verbringen die Bildungspaten mit den Kindern. Einer, der immer da ist, ist Ali, dessen Eltern aus Albanien stammen "Ich bin schon seit fast zwei Jahren dabei. Ich kann immer herkommen. Wenn ich Hausaufgaben machen muss, dann helfen mir die Leute hier, insbesondere bei Deutsch und Englisch", sagt der Zwölfjährige, der auf eine benachbarte Realschule geht. Betreut wird er von Leuten wie Michael Siebert. Er ist im Bundesfreiwilligendienst und steht vor der Aufnahme eines Politikstudiums. "Man hat hier immer das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun", sagt der junge Mann.

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(DW/C. Grün)

Michael Siebert unterrichtet Englisch 

Das schlechte Image Marxlohs hat sich inzwischen herumgesprochen und dennoch bewerben sich zahlreiche Leute auf einen Job im Projekt. Vorbehalte gegen Marxloh hatte zuvor auch die freiwillige Helferin Liliana Filipa Correia de Almada. "Am Anfang dachte ich: Marxloh, mein Gott. Aber es ist hier gar nicht so schlimm, wie alle immer sagen. Ich kann hier eigene Erfahrungen weitergeben und bekomme hier auch ein Glücksgefühl".

Nichts geht ohne Förderer

Christine Bleks hat es geschafft, das Projekt nach außen zu tragen. Beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 gehörte sie zum Gesprächskreis, der für die Kanzlerin ausgesucht wurde. "Eigentlich wollte ich dort nicht hingehen. Ich befürchtete ein Zirkusprinzip mit viel Medienrummel. Hinterher war ich froh, dass ich es gemacht habe. Und ich muss sagen die Kanzlerin hat Wort gehalten. Ich habe mit ihr gesprochen, die Probleme wie zum Beispiel lange Wege zu Entscheidern oder die Bürokratie, geschildert. Sie hat prompt einen runden Tisch organisiert, mit Vertretern aus vier Bundesministerien, zahlreichen Landesministerien und dem Bundeskanzleramt und ich konnte dort meine Punkte vortragen", sagt Bleks.

Trotz der guten Politik-Kontakte ist eins aber geblieben - die ständige Sorge um die Finanzierung des Projektes. Sie hat sich daher Förderer ins Boot geholt. So gibt es Patenschaften für die Kinder. Der Pate trägt die jährlichen Kosten von 2400 Euro pro Kind. Dazu kommen noch die Zuwendungen von Kirchen, der Bundeszentrale für politische Bildung bis hin zu Konzernen wie Vodafone oder der Deutschen Bank. "Ohne die geht es nicht", so Bleks.

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