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500 Jahre Reformation

Missionierung in Afrika: Mehr als nur das Wort Gottes

Die ersten deutschen Missionare wollten afrikanische Völker weder unterjochen noch zum Aufstand anstacheln. Doch legten sie den Grundstein für eine selbstbewusste afrikanische Identität, sagt Pfarrer Hanns Lessing.

Deutscher Missionar vor Eingeborenenversammlung (picture-alliance/akg-images)

Deutsche Missionare in der damaligen Kolonie "Deutsch-Ostafrika", dem heutigen Tansania (Archivbild).

DW: Herr Lessing, welche Auswirkungen hatte die Reformation auf Afrika?

Hanns Lessing: Sie hatte Auswirkungen auf ganz verschiedenen Ebenen: Die Missionare verkündigten das Wort Gottes. Dafür mussten sie die afrikanischen Sprachen lernen und haben diese Sprachen zu Schriftsprachen umgeformt. Das hat bis heute große Auswirkungen - denn sonst wären viele der Sprachen bis heute wahrscheinlich gar nicht verschriftlicht.

Zudem zielte die Religion auf das Herz, auf Individualität. Sie gab den Menschen die Möglichkeit, öffentlich aufzutreten. Wer also das Gefühl hatte, Zeugnis über seinen Glauben ablegen zu wollen, konnte das tun. Viele Menschen trauten sich dadurch auch, sich in traditionellen Zusammenhängen zu Wort zu melden, selbst wenn sie von der Hierarchie her dazu eigentlich gar nicht befugt waren. Frauen und Benachteiligte innerhalb der Gesellschaft bekamen durch den christlichen Gleichheitsgrundsatz das Gefühl, dass sie auf einer Ebene mit den anderen Mitgliedern der Gesellschaft reden können. Das gab ein entsprechendes Selbstbewusstsein.

Welche Rolle haben deutsche Missionare in Afrika gespielt?

Den Anfang hatte die Mission in Großbritannien genommen. Ende des 18. Jahrhunderts ging es dann auch in Deutschland los. Entscheidend ist, dass es in der Zeit vor dem Kolonialismus war: Die Missionare hatten nicht die Absicht, die Welt zu beherrschen. Sie wollten das Evangelium in die Welt bringen; sie sahen sich im Zuge der beginnenden Globalisierung und der vereinfachten Transportmöglichkeiten dazu aufgerufen, ihren Glauben überall zu verkünden.

Wie sind die Missionare mit den Kulturen umgegangen, auf die sie in Afrika trafen?

Auf der einen Seite waren die Missionare tief von der deutschen Romantik geprägt, die besagt, dass die Seele nur in der eigenen Muttersprache kommunizieren kann - so konnte das Evangelium dann auch in der Sprache des jeweiligen Volkes Fuß fassen. Auf der anderen Seite waren die Missionare durch das deutsche Staatskirchentum geprägt. Dort dominierte das Gefühl, der König oder Fürst sei von Gott eingesetzt. Folglich war es die Aufgabe der Untertanen, gehorsam zu sein. Den Missionaren ging es also nicht darum, eine andere Herrschaft zu installieren, sondern darum, die afrikanischen Fürsten und Herrscher christlich zu erziehen.

Wollten die Missionare die lokalen Kulturen verändern? Sahen sie die lokale Bevölkerung als "Wilde" an, die man zivilisieren musste?

Im Gegensatz zur britischen Mission wollte die deutsche keine universale, christliche Weltkultur einrichten. Es ging vielmehr um Veränderungsprozesse innerhalb von lokalen Kulturen. Dass das Widersprüche mit sich brachte, ist offensichtlich: Für die Missionare bedeutete die Veränderung zum Christlichen hin ziemlich genau das, was sie auch in ihrer deutschen Kultur für richtig hielten - zum Beispiel der Arbeitsethos, der hohe Stellenwert von Bildung und die Abschaffung der Polygamie. Das heißt, obwohl die Missionare eigentlich niemanden zivilisieren, sondern lediglich das Wort Gottes verkündigen wollten, lief es am Ende auf das Gleiche hinaus.

Kritiker werfen Missionaren verschiedener Konfessionen vor, den Kolonialismus gefördert zu haben. War das bei den Missionaren aus Deutschland auch der Fall?

Evangelischer Pfarrer Hanns Lessing (Privat)

Hanns Lessing hat die Geschichte evangelischer deutscher Missionare in Afrika erforscht

Das unterscheidet sich von Land zu Land. Im heutigen Namibia etwa war die rheinische Mission aus Wuppertal-Barmen schon lange vor der Kolonialisierung aktiv. Sie blieb zunächst loyal gegenüber den afrikanischen Fürsten. Aber als die deutsche Besiedlung und die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes zunahmen, gelangten die Missionare immer stärker in den Konflikt zwischen den afrikanischen Gesellschaften und den Vorposten des deutschen Kolonialismus. In diesem Konflikt wurde immer deutlicher, dass die Missionare eine europäische Kolonialisierung des Landes begrüßten. Der damalige Missionsdirektor Friedrich Fabri forderte Bismarck sogar dazu auf, ein deutsches Kolonialreich zu gründen.

Das wohl schlimmste deutsche Kolonialverbrechen in Afrika war der Genozid an den Herero und Nama in Namibia. Wie haben sich die protestantischen Kirchen und die Missionare vor Ort damals verhalten?

Als der Krieg ausbrach, flüchteten fast alle deutschsprachigen Menschen in die größeren Städte. Einige Missionare waren jedoch von Fluchtmöglichkeiten abgeschnitten, weil Soldaten des Herero-Volks die Transport- und Kommunikationswege kontrollierten. Sie sind deshalb in ihrem Gebiet geblieben und haben dann sehr stark die alte Position der Mission vertreten. Die besagt, dass vieles, was der Kolonialismus vorbringt, Unrecht ist.

Auf der anderen Seite gab es aber auch Missionare, die Seite an Seite mit den deutschen Siedlern in der Hauptstadt Windhuk gewohnt haben. Die Pfarrer der deutschen Siedlergemeinde waren voll und ganz auf Seiten der Kolonialherrschaft und haben deren Interessen vor Ort vertreten: Sie haben Soldaten gesegnet, sind mit ins Feld gezogen und haben dann diese Erfahrung publizistisch verwertet.

Protestantische Kirchen haben später in anderen afrikanischen Ländern eine tragende Rolle im Kampf gegen Diktaturen oder autokratische Regime gespielt. Haben die deutschen Missionare geholfen, dafür die Grundlagen zu legen?

Über viele Jahre hat sich die deutsche Mission dadurch ausgezeichnet, dass man gegen die Obrigkeit nichts tun durfte. Die Missionare haben davon abgeraten und teilweise deutlich dagegen angekämpft, dass Afrikaner ihre eigenen Interessen vertreten. Trotzdem kann man sagen, dass sie die Grundlagen gelegt haben: Durch die Missionarisierung konnten viele Afrikaner lesen und schreiben. Sie verstanden deutsche, beziehungsweise europäische Strukturen. Und durch den Gleichheitsgrundsatz des Christentums wurden sie darin bestärkt, ihre Interessen selbstbewusst zu vertreten.

Hanns Lessing ist Missionswissenschaftler und hat acht Jahre in Namibia gelebt. Im Augenblick arbeitet er als Referent bei der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen.

Das Interview führte Daniel Pelz.