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Welt

Mercosur: Eine ganz normale Familie?

Die EU stand Pate: Vor 25 Jahren erfüllte sich Südamerika den Traum eines gemeinsamen Marktes. Die Bilanz ist gemischt, die Zukunft ungewiss. Denn die Mercosur-Mitglieder handeln mehr mit China als untereinander.

Die südamerikanische Familie mit dem klangvollen Namen Mercosur macht sich hübsch fürs Jubiläum. 25 Jahre nach der Gründung des gemeinsamen Marktes des Südens sind alle Mitglieder etwas in die Jahre gekommen. Doch sie hoffen auf einen zweiten Frühling.

Angeführt wird die Charmeoffensive von Argentiniens neuem Präsidenten Mauricio Macri. Der konservative Politiker gehört zurzeit zu den am häufigsten besuchten Staatsoberhäuptern in Lateinamerika. Erst am 23. März empfing er US-Präsident Barack Obama. Und im Februar reisten bereits Frankreichs Staatschef François Hollande und Italiens Premier Matteo Renzi nach Buenos Aires.

Macri macht mobil

"Die EU ist unheimlich glücklich, dass Argentinien bereit ist, die Verhandlungen über das Freihandelsabkommen zwischen den beiden Wirtschaftsblöcken wieder aufzunehmen“, sagt Olaf Jacob, Leiter des Auslandsbüros Argentinien der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Buenos Aires. Die Stärkung des Mercosur sei eines der Ziele der Regierung von Präsident Mauricio Macri.

Am 26. März 1991 unterzeichneten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay in Asunción den Gründungsvertrag des gemeinsamen südamerikanischen Marktes nach dem Vorbild der EU. Seit 1999 verhandeln sie über ein gemeinsames Freihandelsabkommen mit Brüssel.

Die Verhandlungen stehen allerdings unter keinem guten Stern. Der jahrelange Streit über europäische Agrarsubventionen und südamerikanische Abschottung, die internationale Finanzkrise sowie die argentinische Staatspleite 2001 sorgten dafür, dass die Annäherungsversuche zwischen den Verwandten diesseits und jenseits des Atlantiks immer wieder scheiterten.

Argentinien Besuch Präsident Francois Hollande bei Mauricio Macri (Foto: JUAN MABROMATA/AFP/Getty) Images)

Kurz nach seinem Amtsantritt bekam Argentiniens Präsident Mauricio Macri (r) Besuch von Staatschef Hollande

Problemfaktor Venezuela

Mit Venezuelas Beitritt zum Mercosur 2012 nahmen die Interessengegensätze weiter zu. "Der Mercosur wurde gegründet, um die Integration Südamerikas in den Weltmarkt voranzutreiben", erinnert Anne Marie Hoffmann vom Giga-Institut für Lateinamerika-Studien. Doch ab 2007 gerieten die wirtschaftspolitischen Fragen in einigen Ländern in den Hintergrund. "Brasilien, Argentinien und Venezuela setzten auf sozialpolitische Angleichung und Stärkung der internen Märkte", erklärt Hoffmann.

Seit dem Ende der Ära der argentinischen Expräsidenten Nestor und Cristina Kirchner im November 2015 wachsen die Hoffnungen auf eine erfolgreiche europäisch-südamerikanische Familienzusammenführung. Genau einen Monat nach dem Besuch der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini in Buenos Aires wollen nun die Vertreter von EU und Mercosur am 8. April in Brüssel ihre Vorschläge für das Freihandelsabkommen vorlegen.

Es geht um die Annäherung zwischen zwei Global Playern, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Ausmaßen: In der EU erwirtschaften rund 500 Millionen Einwohner ein Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 18 Billionen Euro. Im Mercosur mit seinen knapp 300 Millionen Einwohnern summiert sich die Wirtschaftskraft auf drei Billionen Euro.

Alte Beziehungen, neue Hoffnungen

Wirtschaftlich sind beide Regionen zwar fest, aber immer noch auf niedrigem Niveau miteinander verbunden. Der Warenaustausch zwischen den beiden Blöcken summierte sich nach EU-Angaben 2013 auf 110 Milliarden Euro. 2014 ging er aufgrund der Wirtschaftskrise in einigen Mercosur-Mitgliedsstaaten auf 96 Milliarden Euro zurück.

Wie bescheiden diese Zahlen sind, zeigt ein Vergleich mit den Handelsbeziehungen zwischen dem größten Mercosur-Mitglied Brasilien und Aufsteiger China: Allein der Warenaustausch zwischen diesen beiden Ländern belief sich 2015 auf 67 Milliarden Dollar.

Der Handel zwischen Brasilien und Argentinien nimmt sich dagegen geradezu bescheiden aus. Aufgrund der Devisenkontrollen und Abschottung Argentiniens gingen die Exporte Brasiliens in das Nachbarland von 22 Milliarden Dollar im Jahr 2011 auf zwölf Milliarden Dollar 2015 zurück. Als Handelspartner nimmt Argentinien für Brasilien den dritten Platz nach China und den USA ein.

Doch die Mercosur-Mitglieder suchen nicht nur familiäre Unterstützung in Asien und Europa, sie kümmern sich auch um ihre Verwandtschaft in Lateinamerika. So wurde nach Informationen des uruguayischen Außenministeriums Anfang März beschlossen, "so bald wie möglich ein hochrangiges Treffen" mit den Mitgliedern der Pazifischen Allianz zu organisieren, der die Länder Kolumbien, Peru, Mexiko, Chile und Costa Rica angehören.

"Argentinien und andere Mercosur-Mitglieder schauen auch in Richtung Pazifik", bestätigt KAS-Büroleiter Olaf Jacobs. Sie wollten ihre Beziehungen diversifizieren und die wachsende Abhängigkeit von China verringern. Jacobs: "Mercosur ist ein Weg, sich weiter zu öffnen, aber nicht der einzige."

Lateinamerikaexpertin Anne Marie Hoffmann glaubt trotz der politischen Wende in Argentinien nicht an den baldigen Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und Mercosur. Hinter der Fassade der sorgfältig geschminkten lateinamerikanischen Familie bröckele das Make-up.

"Bis vor kurzem war Argentinien der Bremser", sagt Hoffmann, "nun verhindern die Krisen in Brasilien und Venezuela eine Einigung innerhalb des Wirtschaftsblocks." Hoffmann: "Ich glaube nicht an eine deutliche Öffnung Richtung Europa in nächster Zeit."

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