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Kultur

Mengestu: "Migrant ist ein sehr politischer Begriff"

Der äthiopische Autor Dinaw Mengestu war erst zwei Jahre alt, als seine Familie aus politischen Gründen in die USA floh. Jane Paulick hat den Autor während des 14. Internationalen Literaturfestivals in Berlin getroffen.

DW: "Unsere Namen" ist der letzte Teil einer Trilogie, die mit "Zum Wiedersehen der Sterne" und "Die Melodie der Luft" begann. Hatten Sie von Anfang an vor, eine Trilogie zu schreiben?

Dinaw Mengestu: Irgendwann beim Schreiben von "Unsere Namen" ist mir aufgefallen, wie sehr die drei Romane zusammenhängen. Nicht unbedingt, weil die Charaktere oder die Schauplätze gleich sind, sondern weil sich die Grundideen ähneln. Es gab immer wieder bestimmte Themen, die ich wieder aufgriff, die ich auf verschiedenen Wegen behandeln wollte, sei es durch unterschiedliche Personen, Zeiten oder Orte. Ich merkte einfach, wie ich immer wieder zu bestimmten sehr wesentliche Ideen, die viel mit Versetzung zu tun haben, zurückging. Was heißt es, die Dinge, die einem im Leben am wichtigsten sind, zu verlieren? Deine Familie, dein Heimatland, deine Freunde? Was passiert mit dem Menschen, der diese Dinge verloren hat? Wie baut er sich wieder auf? Oft denken wir, die Geschichte des Immigrants gehöre nur Menschen, die ihr Zuhause verlassen haben. Aber für mich ist sie einfach die Geschichte von Menschen, die etwas Wesentliches von sich selbst verloren haben, die sich jetzt neu wiederfinden müssen. Und die entscheiden müssen, wer sie in Folge dieses Verlusts jetzt sind. Wie finden sie zurück zu einer neuen Definition von sich selbst? Wie können sie wieder jemanden finden, den sie lieben können? Wie finden sie ein neues Zuhause? Wie erlebt man all dies verbunden mit der Erfahrung von Gewalt? Wie gestaltet es unser Gefühl von Identität um? Und wie können wir uns darauf einstellen?

"Unsere Namen" spielt in den 70er Jahren. Sie wechseln zwischen der Geschichte von Helen, einer Sozialarbeiterin im amerikanischen Midwest, und der Geschichte von Isaac, der vor der gewaltsamen Revolution in Uganda geflohen ist. Überraschenderweise zeigt diese erzählerische Methode, wie ähnlich sich Helen und Isaac sind - und nicht, wie unterschiedlich...

Auf jeden Fall. Trotz aller Unterschiede in Hautfarbe und Geschlecht haben sie sehr viel gemeinsam. Ich zwinge die Charaktere förmlich zusammenzukommen, sowohl strukturell als auch in der Handlung. "Unsere Namen" entwickelte sich sehr schnell zu einem Dialog. Einer der zwei Protagonisten erzählte ein Kapitel zu Ende, und der andere fing dann gleich an mit dem nächsten Teil ihrer (oder seiner) Erzählung. Irgendwann begannen sich diese Erzählungen zu spiegeln. Und da erkannte ich, dass die Protagonisten miteinander redeten. Einserseits haben sich spezifische Szenen gespiegelt - aber auch die grundlegenden Themen des Romans: zum Beispiel war da die Idee, dass sich die afrikanische und die amerikanische Geschichte spiegeln. Die post-koloniale Ära und die Ära nach der Bürgerrechtsbewegung sind aus zwei ähnlichen Freiheitsbewegungen entstanden. Aus Bewegungen, die zwar nicht vollkommen vernichtet, die aber von späteren Entwicklungen doch schon sehr beschädigt wurden.

All Our Names (Buchcover)

Das Buchcover von "All Our Names"

Dieses Hin und Her zwischen Zeiten und Orten ist eines Ihrer Merkmale als Schriftsteller. Warum bevorzugen Sie diese Methode?

Ich mag keine lineare Erzählstruktur. Denn ich finde, unsere Leben sind auch nicht linear. Die Vergangenheit ist ein großer Teil unseres Selbsts, die taucht wieder auf in jedem Moment, jeden Tag. Die holt uns immer wieder ein, prägt uns, formt uns. Mich interessiert also eine Erzählstruktur, die zu dieser Kreisförmigkeit passt. Es bedeutet natürlich, daß ich irgendwann ganz viele chaotische Chronologien unter einen Hut bringen muss. Aber ich bin jetzt soweit, dass mir das ziemlich organisch gelingt. Es macht mir Spaß, Geschichten zusammenzuweben - und zu sehen, wie Vergangenheit und Gegenwart eine Dualität bilden.

Ihre Romane werden oft als "Migrantenliteratur" beschrieben. Sie mögen diese Beschreibung nicht besonders, oder?

Teilweise ist es einfach zu grob, aber "Migrant" ist eben auch ein sehr politischer Begriff. Als ich in Paris lebte, war ich als Amerikaner ein "Expatriot". Hätte ich da einen Roman geschrieben, wäre es ein "Expatriot"-Roman gewesen - und keine "Migrantenliteratur". Zunächst einmal ist die Idee eines Migranten ein politisches Konstrukt. Zweitens: Als Schriftsteller beschreibt man eher die emotionalen Konsequenzen von Migration, nicht die Migration selbst. Und diese Konsequenzen formen einen Kern, der viel allgemeingültiger ist als die Erfahrungen von Menschen, die ihr Zuhause verlassen haben und in ein anderes Land gegangen sind. Meine Arbeit beginnt mit einem Gefühl von Verlust - aber nicht unbedingt mit dem des Landes.

Als Journalist für den "Rolling Stone" haben Sie über das Afrika der Gegenwart berichtet, zum Beispiel aus Darfur. In Ihren Romanen kehren Sie aber bis jetzt immer nur zur Afrikas Vergangenheit zurück. Können Sie sich vorstellen, einen Roman über das heutige Afrika zu schreiben?

Auch wenn ich über Afrikas Vergangenheit schreibe, nehme ich viel mit vom heutigen Afrika - aus meiner Erfahrungen als Journalist. Vieles, was ich 2005 in Darfur erlebt habe, war nicht so weit entfernt von dem, was in den 70er Jahren passiert ist. In Afrika ist die Geschichte immer noch präsent. Ich habe Tayeb Salihs Buch "Jahreszeit der Migration zum Norden" von 1966 viel zu verdanken. Und ich fand es markant, dass ich im Sudan fast 40 Jahre später mit Leuten gesprochen habe, die ihre Wut und Frustration über autoritäre Politik genauso ausdrückten wie damals Salihs Protagonisten.

Addis Abeba (Äthiopien)

Mengestu wurde in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, geboren. Als er zwei Jahre alt war, emigrierte seine Familie in die USA.

Die Weltbuchstadt der UNESCO heißt in diesem Jahr Port Harcourt, Nigeria. Sie sind einer der Autoren, die ausgewählt wurden, im Projekt “Africa39” junge afrikanische Talente zu repräsentieren. Aber sie haben Äthiopien als Kind verlassen und sind in Amerika aufgewachsen - gehören Sie überhaupt in diese Kategorie?

Ja, schon - solange ich auch zu anderen Kategorien gehören kann. Nur eine einzige Identität haben zu dürfen, scheint mir sehr kurzsichtig zu sein. Nicht zuletzt, weil so viele von uns heute in mehr als einem Ort zu Hause sind, besonders in Folge der Diaspora. Nur die Wenigsten von uns haben eine einzige kulturelle Identität. Die afrikanische Kultur ist nur eine, in der ich zu Hause bin. Alle meine Romane spielen teilweise in Afrika, und ich pflege eine enge Beziehung zu Äthiopien, meinem Heimatland. Also nein, ich habe kein Problem mit diesem Label. Obwohl ich das Land im jungen Alter verlassen habe, habe ich für mich entschieden, es zu einem Eckstein meiner Arbeit und meiner Kreativität zu machen. Mit diesem bewussten Engagement habe ich es verdient, "afrikanischer Schriftsteller" genannt zu werden. Gleichzeitig darf ich mich aber auch als amerikanischen Autor bezeichnen.

Wieso hadern so viele mit dieser Vielfalt von Identitäten?

Die meisten Menschen brauchen eine einfache Erklärung. Man macht es Ihnen einfacher, wenn sie dich in eine Schublade stecken können. Wenn man nach seiner Herkunft gefragt wird, soll man nicht vier verschiedene Antworten geben - es soll ja schnell gehen. Darüber hinaus wollen viele, dass man sich festlegt, dass man sich also zu der einen oder der anderen Seite bekennt. Wenn die Leute so denken müssen, ist es ihre Sache. Ich muß aber nicht mitziehen.

Sie zählen zu einer neuen literarischen Generation von Kindern der afrikanischen Diaspora, zu der auch Schrifsteller wie Teju Cole and NoViolet Bulawayo gehören. Und die gerade für sehr viel internationales Aufsehen sorgt. Worauf ist das zurückzuführen?

Es gab gewiss auch afrikanische Autoren in den 80er und 90er Jahren. Aber diese jetzige Generation hat schon mehr Bekanntheit erreicht, das stimmt. Die ältere Generation erlebte die Traumen der 70er und 80er Jahre. Und wir, als ihre Nachfolger, geniessen mehr Stabilität und Ruhe. Das erlaubt es, Geschichten zu erzählen. So wie die Generation afrikanischer Autoren der post-kolonialen Ära Geschichten erzählen konnten - nach dem Ende der politischen Revolutionen, die den Kontinent überrollt hatten. Jetzt sind wir dran, haben aber unsere eigene Perspektive.

USA Proteste in Ferguson

Die Ereignisse rund um die Erschießung von Michael Brown in Ferguson/Missouri haben die Debatte um Rassismus und Diskriminierung in den USA neu entfacht.

Helen in "Unsere Namen" wohnt in einer Stadt namens Laurel, einer typischen Stadt im Mittleren Westen - mit wahrscheinlich einigen Ähnlichkeiten zu Peoria, Illinois, wo Sie aufgewachsen sind. Und vielleicht auch mit Ähnlichkeiten zu Ferguson, Missouri, wo ein schwarzer, unbewaffneter Teenager von einem Polizist erschossen wurde. Was sagen uns die Ereignisse in Ferguson?

Was in Ferguson passiert ist entstammt einem Gefühl, in der eigenen Stadt oder dem eigenen Land unsichtbar zu sein. Einem Gefühl von Machtlosigkeit und Opferrolle. Und das kann zu Gewalt führen. Als "Unsere Namen" veröffentlicht wurde, haben viele mir gesagt: Die Art Rassismus, die Sie im Buch abbilden, gibt es heute nicht mehr. Da habe ich gedacht: Die spinnen, so reden nur Menschen, die sowas nie erlebt haben. Fragen Sie mal die Leute in Ferguson! Es kommt vielleicht anders zum Vorschein als im Buch, wo Isaac im Diner sein Essen auf einem Pappteller bekommt. Aber Diskriminierung findet auf jeden Fall statt. Nur weil es nicht so unverhohlen ist, ist es nicht weniger ausgeprägt. Die Ereignisse in Ferguson zeigen, dass diese Probleme noch existieren - auch wenn wir es geschafft haben, kleine Instanzen von Diskriminierung aus dem täglichen Leben zu beseitigen.

Hat Ferguson uns gezeigt, dass die Zeit für eine zweite Bürgerrechtsbewegung gekommen ist?

Das ist schwierig. Weil man viele Probleme nicht mit neuen Gesetzen lösen kann. Die Bürgerrechtsbewegung hat mit einer neuen Gesetzgebung vieles erreicht, was die Jim-Crow-Gesetze teilweise aufgehoben haben. Heute sehen wir vorwiegend Probleme bei der sozio-ökonomischen Gerechtigkeit. Wir brauchen mehr Gelder für die Innenstädte, für Schulen, für Minderheitsgemeinschaften, die seit Jahrzehnten als entmündigt gelten, die in einem Armutskreislauf gefangen sind. Was wir heute brauchen, sind eine intelligente Sozialpolitik und Lobbyarbeit. Neue Gesetze bringen uns jetzt nicht weiter.

Würden Sie sich als einen politischen Schriftsteller bezeichnen?

Auf jeden Fall. Ich will nicht verallgemeinern, aber viele amerikanische Schriftsteller wollen sich nicht als "politisch" profilieren - weil das den Eindruck erweckt, man wolle einen bestimmten politischen Standpunkt vertreten. Aber im Grunde genommen ist ein politischer Schriftsteller doch nur einer, der sich engagiert. Und das haben Schriftsteller, historisch gesehen, immer getan. Wir sollen Zeugnis ablegen. Wie Albert Camus sagte: Der Schriftsteller ergreift nicht Partei, er schaut nur zu. Das sehe ich auch so.

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