Mein Europa: Der Antisemitismus in Europa ist nicht importiert | Europa | DW | 31.03.2018
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Gastkolumne

Mein Europa: Der Antisemitismus in Europa ist nicht importiert

In Europa und Deutschland spricht man heute vor allem vom durch Muslime "importierten Antisemitismus". Dabei gehört der Hass auf Juden zur DNA des Christentums, meint Krsto Lazerevic.

 Krsto Lazarevic (Privat)

Krsto Lazarevic - Antisemitismus ist kein islamspezifisches Problem

In der deutschen Islam-Debatte gibt es eine bemerkenswerte Kausalität. Immer wenn bayerische Provinzpolitiker verlautbaren, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, taucht in ihren Reden vermehrt die "jüdisch-christliche" Prägung oder Tradition des Landes auf. Gleichzeitig wird verschwiegen, dass die christlich-jüdische Tradition zu einem nicht unwesentlichen Teil daraus bestand, dass Christen Juden verfolgt, vertrieben und ermordet haben. Und wenn in europäischen Haushalten zu Ostern Eier bemalt werden, sollte man darauf hinweisen, dass der christliche Antijudaismus drauf fußt, dass den Juden seit jeher vorgeworfen wird, Jesus ermordet zu haben.  

Juden als wilkommene Einwanderer - im Osmanischen Reich

Juden wurden fast zweitausend Jahre lang von Christen vertrieben. Wie 1492 durch das Alhambra-Edikt aus dem heutigen Spanien, nachdem sie dort jahrhundertelang unter muslimischer Herrschaft leben konnten. Viele dieser Juden fanden auf Einladung von Sultan Bayezid II. Zuflucht im Osmanischen Reich. Dem Sultan wird das Zitat zugeschrieben: "Wie töricht sind die spanischen Könige, dass sie ihre besten Bürger ausweisen und ihren ärgsten Feinden überlassen."

In osmanischen Städten wie Thessaloniki und Sarajevo entstand über Jahrhunderte jüdisches Leben, welches Bestand hatte, bis die Nazis kamen. Das sind historische Fakten, die einem vielleicht bewusst sein sollten, wenn man einerseits von einer "jüdisch-christlichen" Tradition spricht und gleichzeitig von Muslimen, die den Antisemitismus "importieren". 

Man muss diese historischen Hintergründe aber überhaupt nicht kennen, um als Deutscher zu wissen, wie absurd das Geschwätz von "importierten Antisemitismus" ist. Man muss nur wissen, dass die Deutschen das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit begangen haben: die Shoah.

Exportschlager aus Deutschland

Deutschland, Antisemitismus, importiert - es ist unmöglich einen intelligenten Satz zu bilden, in dem diese drei Wörter vorkommen. Außer einem: Der Antisemitismus in Deutschland ist nicht importiert. Antisemitismus ist der größte Exportschlager aus Deutschland, noch vor Autos, Bier und Birkenstock-Sandalen.

Jüdischer Friedhof in Dortmund geschändet (picture-alliance/dpa/F.P. Tschauner)

Die meisten antisemitischen Straftaten in Deutschland werden von Rechtsextremen begangen - wie hier auf dem jüdischen Friedhof in Dortmund

Die Deutschen sind ein Volk, dass es schafft, den Kampf gegen Antisemitismus und die Sicherheit Israels zur Staatsräson zu erheben, gleichzeitig aber ein ganzes Jahr lang den Reformator Martin Luther zu feiern, der dazu aufrief Synagogen zu verbrennen und Rabbinern ihre Arbeit unter Androhung der Todesstrafe zu verbieten. In der deutschen Sprache gibt es das Wort "Israelkritik". Worte wie "Spanienkritik", "Brasilienkritik" oder "Ugandakritik" gibt es nicht.

Eine europäische Tradition

Der Antisemitismus gehört zu Deutschland und Europa. Er findet sich bei Rechten, bei Linken und in der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Bei Professoren wie bei Bauarbeitern, und bei Hans genauso wie bei Ali.

Ja, wir müssen über antisemitische Einstellungen von Muslimen in Europa und Deutschland sprechen. Wir müssen das, weil die 85-jährige Holocaust-Überlebende Mireille Knoll in ihrer Pariser Wohnung aus antisemitischen Motiven erstochen wurde. Und weil unweit ihrer Wohnung vor einem Jahr die Jüdin Sarah Halimi von ihrem Nachbarn unter "Allahu-Akbar-Rufen" vom Balkon gestoßen wurde. Und weil antisemitische Demonstranten unweit des Brandenburger Tors in Berlin sich trauen, einen Davidstern abzufackeln.

Nein, das Problem ist nicht "der Islam" - weil es "den Islam" nicht gibt. Aber es gibt mehrheitlich muslimische Staaten, in denen Antisemitismus zur Staatsräson gehört. Es gibt Saudi-Arabien, zu dessen Exportschlagern der Salafismus gehört und es gibt die Islamische Republik Iran, aus der wiederholt mit der Vernichtung Israels gedroht wurde. Und es gibt unter den Muslimen in Europa und Deutschland eine Minderheit, die das gut findet.

Es gibt ein Problem

Es gibt Islamverbände, die es tolerieren, wenn Hassprediger in ihren Moscheen auftreten. Es gibt einen "politischen Islam", der von manchen dieser Verbände vertreten wird. Und es gibt namenhafte deutsche Politiker, die mit diesen Verbänden Staatsverträge schließen und sich mit Leuten auf Podien setzen, die Anschläge auf Juden rechtfertigen.

Wir müssen darüber sprechen, wie wir zukünftig damit umgehen wollen - auch wenn es unter Linken und Liberalen Stimmen gibt, die sich solche Debatten verbitten. Weil sie dahinter "Islamophobie" wittern und nicht merken, dass sie ein wichtiges Thema den Rechten überlassen. Der Nahostkonflikt wird nicht nur in Israel, Gaza und den palästinensischen Autonomiegebieten ausgetragen, sondern auch in meiner Nachbarschaft, in Berlin-Neukölln.

Was erlebt man in Berlin-Neukölln?

Als Donald Trump im Dezember Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte und die vermeintlich gemäßigte Palästinenserpartei Fatah "drei Tage des Zorns" ausrief, musste ich das nicht in der Zeitung nachlesen. Ich konnte es in meiner Nachbarschaft sehen. Auf der Sonnenallee, der wohl arabischsten Straße Deutschlands. Wenn es in Nahost Ärger gibt, legen Besitzer kleiner Läden vermehrt Artikel in die Schaufenster, auf denen sich die Flagge Palästinas über das Territorium Israels legt. Israel gibt es auf diesen Karten nicht.

Deutschland Demonstranten verbrennen Fahne mit Davidstern in Berlin (picture alliance/dpa/Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V.)

Demonstranten verbrennen eine Fahne mit Davidstern im Berliner Stadtteil Neukölln

Auch die Dichte an Pali-Tüchern nimmt dann zu. Man mag den meist jungen Trägern zugutehalten, dass viele von ihnen nicht wissen, dass dieses Kleidungsstück von einem Großmufti etabliert wurde, der ein Bewunderer von Hitlers Vernichtungspolitik war. Schließlich war das Tuch lange Zeit auch Teil linker Subkultur in Deutschland. Ein fader Beigeschmack bleibt trotzdem. Besonders wenn sich nach Palästina-Demonstrationen große Männergruppen in Neukölln zusammenrotten und antisemitische Parolen grölen.

Die meisten antisemitischen Straftaten in Deutschland werden dennoch von Rechtsextremen begangen. Und wenn Rechte von "importiertem Antisemitismus" schwafeln und Muslime unter Generalverdacht stellen, dann bleibt die beste Option immer noch ihnen den erhobenen Mittelfinger entgegen zu strecken. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass man sich mit einer Kippa abends nicht über die Sonnenalle trauen kann. 2018 in Deutschland. Wir müssen endlich etwas dagegen tun.

Krsto Lazarevic ist in Bosnien-Herzegowina geboren und floh als Kind mit seiner Familie nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin, arbeitet als Journalist und Publizist und schreibt für verschiedene deutschsprachige Medien.