Mein Europa: Auch Ausländer können Rassisten sein | Europa | DW | 18.11.2017
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Gastkolumne

Mein Europa: Auch Ausländer können Rassisten sein

Nach dem Lesen der Überschrift sind Sie schon ganz aufgeregt, habe ich Recht? Leider muss ich, Krsto Lazarevic, Sie ziemlich enttäuschen. Die meisten Ausländer sind nämlich schwer in Ordnung.

Doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Es gibt da zum Beispiel einen obdachlosen Polen, der sich unweit meiner Wohnung regelmäßig an einer S-Bahn Haltestelle betrinkt. Meine Kenntnisse des Polnischen beschränken sich auf Flüche und Trinksprüche, was allerdings vollkommen ausreicht, um ihn zu verstehen. Als ich kürzlich auf dem Weg zur Arbeit an ihm vorbeilaufe, beschimpft er gerade eine Frau, weil sie ein Kopftuch trägt. Sie dreht sich um, schüttelt kurz den Kopf und läuft souverän weiter. Ich weiß, es gehört sich nicht, schlecht über Obdachlose zu sprechen, aber seit diesem Tag ist er mir einfach nicht mehr besonders sympathisch.  

Ich könnte mir auch sehr gut vorstellen, wie dieser Obdachlose am polnischen Unabhängigkeitstag mit 60.000 Rechtsextremen in Warschau steht und grölt "Ganz Polen singt mit uns, Flüchtlinge verpisst euch", oder wie er ein "weißes Europa brüderlicher Nationen" fordert. Und während er dort steht und gegen Muslime und Flüchtlinge demonstriert, von denen es in Polen kaum welche gibt, schauen ihn die rechtsextremen Demonstranten voller Verachtung an, weil er obdachlos ist. Nur weil man selbst von Diskriminierung betroffen ist, macht das einen nicht zu einem besseren Menschen.

Nicht alle Migranten wollen eine offene Gesellschaft 

Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus sind weit verbreitete Ideologien. Bei Millionären wie bei Obdachlosen, bei Einheimischen wie bei Migranten. Der Rassist mit Anzug und Universitätsabschluss hat nur gelernt, seinen Hass eloquenter auszudrücken als der Obdachlose. Die weit verbreitete Auffassung, dass Arme und weniger Gebildete anfälliger für diese Ideologien sind, lässt sich empirisch nicht halten. Es ist nur eines von vielen Ressentiments gegen "die da unten". Aber auch die unter Linken verbreitete Ansicht, dass Migranten und Minderheiten natürliche Mitstreiter für eine offene und gerechtere Gesellschaft sind, ist naiv.

Manche Deutschtürken wehren sich lautstark gegen den Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland und empören sich zurecht über das Versagen des Rechtsstaats bei der Aufarbeitung der NSU-Morde, verlieren aber kein einziges kritisches Wort über Erdogan und sind voller Lob über die Zustände in der Türkei. Manche Rumänen und Bulgaren empören sich zurecht, dass sie zu Niedriglöhnen ausgebeutet werden, schimpfen dann aber über Roma aus ihren Heimatländern, die ebenfalls nach Deutschland gekommen sind. Manche Russen beschweren sich darüber, dass sie in Deutschland diskriminiert werden und regen sich im nächsten Satz über zentralasiatische Gastarbeiter in Russland auf.

Österreich Kundgebung Identitäre Bewegung (picture-alliance/picturedesk.com/H. Oczeret )

An Demos der Identitären Bewegung in Österreich nehmen auch Migranten aus dem Balkan teil

Wenn Ausländerhasser ins Ausland fliehen 

Diese Liste ließe sich beliebig fortführen, aber Sie haben den Punkt verstanden: Diese Menschen sind sich sehr ähnlich. Sie finden es völlig in Ordnung, wenn Angehörige von Minderheiten beschimpft, bedroht und ausgeschlossen werden. Aber eben nur, solange sie gerade nicht zufällig selbst zur Minderheit gehören.

Menschen nicht nach ihrer Herkunft zu bewerten, bedeutet nicht nur, sie nicht zu dämonisieren, sondern auch, sie nicht zu idealisieren. Beides ist rassistisch, auch wenn das eine vielleicht gut gemeint ist. In konkreten Fällen muss man dann doch unterscheiden. Wenn ein 18-jähriger Syrer nach Deutschland kommt und bislang nicht gelernt hat, dass Hitler böse war, kann man versuchen, ihm das zu erklären. Wenn ein 18-jähriger Deutscher das nach vielen Jahren Geschichtsunterricht immer noch nicht kapiert hat, dann wird es sehr schwierig.

Besonders komplex wird es, wenn Ausländerhasser ins Ausland fliehen und auf andere Ausländerhasser treffen. Das klingt jetzt zu abstrakt? Ich kann es gerne mit einem Beispiel erörtern: Bei einer Demonstration der rechtsextremen Identitären Bewegung in Wien höre ich die Sprache meiner Eltern. Viele Serben und Kroaten waren dort, um gegen eine "Umvolkung", "Islamisierung" oder wogegen auch immer zu demonstrieren, was sie sich sonst so herbei phantasieren. 

Balkan-Flüchtlinge auf der Hackordnung weiter oben als Syrer 

Nationalistische Serben und nationalistische Kroaten mögen sich eigentlich nicht. Es sei denn, sie sind gerade in Wien und es wird gegen Muslime und Flüchtlinge gehetzt. Dann kommen sie schon mal zusammen, um ihren Hass auf andere zu teilen. Es waren die Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die erst in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter und dann nochmal in den 1990er-Jahren als Flüchtlinge nach Österreich kamen. Die nationalistischen Österreicher wollten sie damals nicht dort haben. Doch seit vermehrt Menschen aus Syrien in Österreich leben, sind die alten Flüchtlinge vom Balkan plötzlich in Ordnung. Natürlich gilt das nur für "weiße" Menschen vom Balkan, nicht für Roma.

Serben, Kroaten, Polen und andere Menschen aus Mittel- und Osteuropa marschieren in Deutschland und Österreich jetzt gemeinsam mit den Leuten, die sie noch vor kurzem aus dem Land werfen wollten. Seit dem Krieg in Syrien stehen wir Balkan-Flüchtlinge auf der Hackordnung etwas weiter oben und sind jetzt gut genug, um bei Demonstrationen gegen Flüchtlinge mitzumachen. Wenn das Integration sein soll, dann hat es ja prima geklappt. Die europäischen Nationalisten sind bestens über Ländergrenzen hinweg vernetzt. Die gemeinsamen Feindbilder sind Flüchtlinge und Muslime. Ganz unabhängig davon, ob es sie im jeweiligen Land überhaupt gibt oder nicht.  

Am Kulturzentrum meiner Heimatstadt stand mal an der Wand geschrieben: "Alle Menschen sind Ausländer, fast überall." Ich mag den Satz, aber man muss ihn ergänzen: "Auch Ausländer können Rassisten sein, überall."

Krsto Lazarevic ist in Bosnien-Herzegowina geboren und floh als Kind mit seiner Familie nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin, arbeitet als Journalist und Publizist und schreibt für verschiedene deutschsprachige Medien.

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