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Gastkolumne

Mein Europa: Alles bleibt beim Alten

Krsto Lazarevic darf zum ersten Mal bei der Bundestagswahl seine Stimme abgeben. Er meint aber, dass keiner sie wirklich haben will. Und viele Junge gehen nicht wählen, weil keine Partei Politik für sie macht.

Schon Bertolt Brecht wusste, dass der Pass der edelste Teil eines Menschen ist. Der deutsche Pass wiederum ist einer der edelsten überhaupt. Man kann unbekümmert um die Welt reisen und sich bei der Rückkehr in die Heimat an den anderen Passagieren vorbeidrängeln, um sich in die Schlange für EU-Bürger zu stellen. Da wird den Ankommenden gleich klar, wer in diesem Land gewisse Privilegien genießt und wer nicht.

Das schönste am deutschen Pass aber ist, dass man bei den Bundestagswahlen sein Kreuzchen machen kann. Zumindest wurde mir das so mitgeteilt, als ich meinen vor drei Jahren bekommen habe. Ich darf also zum ersten Mal mitbestimmen, wer mich im Bundestag vertreten soll.

Huch - in sieben Wochen ist es ja schon so weit. Haben Sie nicht mitbekommen? Nicht schlimm, ich weiß es auch nur, weil in meiner Nachbarschaft die ersten Wahlplakate hängen.    

Aber warum sollten sich die Parteien auch mit einem Wahlkampf abmühen, der junge Wähler anspricht? Meine Generation kann sich ein Deutschland ohne Angela Merkel an der Spitze sowieso nicht vorstellen. Und warum auch? Die schwarze Null steht und die Wirtschaft wächst.

Politik für die Etablierten

Nun gut, ein paar Dinge gibt es da schon: So haben sich die Preise bei Neuvermietungen in meinem Kiez in Berlin innerhalb von fünf Jahren verdoppelt. Auch das führt zu Wirtschaftswachstum, da ich aber keine Immobilien besitze, sondern Miete bezahle, ist es für mich eher schlecht. Kinder kriegen? Bei den Preisen für eine Drei-Zimmer-Wohnung in deutschen Großstädten ist das selbst für viele Menschen mit ordentlichen Gehältern kaum noch drin. Daran hat auch die Mietpreisbremse nichts geändert. Die Wirtschaft wächst auch deshalb, weil viele junge Menschen und Berufseinsteiger für ein zu geringes Einkommen in befristeten Verträgen schuften und von den Arbeitnehmerrechten nicht einmal mehr zu träumen wagen, die ihre Eltern noch hatten oder haben.

Im Niedriglohnsektor malochen natürlich mehr Frauen als Männer. Außerdem Arme, Migranten und junge Menschen. Das sind genau jene drei Gruppen, die am wenigsten wählen oder zu den zehn Millionen Ausländern gehören, die zwar in Deutschland leben, aber kein Kreuz bei der Bundestagswahl machen dürfen. Wer aber nicht wählen darf, dessen Interessen werden auch nicht durch die Parteien vertreten.

Bundeskanzlerin Merkel (picture-alliance/dpa/M. Kappeler)

"Meine Generation kann sich ein Deutschland ohne Angela Merkel an der Spitze sowieso nicht vorstellen"

Wie wenig sich Merkels CDU um diese Klientel schert, hat Generalsekretär Peter Tauber in einem Tweet zusammengefasst: "Wenn Sie etwas Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs." Nun könnte man darüber streiten, ob Taubers Geschichtsstudium "etwas Ordentliches" ist. Wichtiger ist aber, dass sich in diesem Satz das Weltbild der Unionsparteien äußert. Sie machen allein Politik für die Etablierten. Wer auf der Strecke bleibt, ist selbst schuld. 

Laut Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit haben aber 53 Prozent der Minijobber sehr wohl einen beruflichen Abschluss und acht Prozent sind sogar Akademiker. "Etwas Ordentliches zu lernen" schützt also mitnichten vor Minijobs.   

Parteien geben sich zu wenig Mühe, junge Wähler anzusprechen

"Aber die Jungen sind selber schuld, wenn sie nicht wählen gehen", wird manch einer wütend ausrufen, während ihm das Gebiss aus dem Mund fliegt. Falsch! Die Parteien sind schuld, weil sie sich zu wenig Mühe geben, junge Wähler anzusprechen. Die Jungen gehen nicht wählen, weil keine Partei Politik für sie macht. 

Wenn in Sonntagsreden über "junge" Themen gesprochen wird, dann geht das meistens kaum über Forderungen wie "Mehr Geld für Bildung" hinaus. Sehr schön - und warum sind die Schulen und Universitäten in diesem Land dann immer noch völlig unterfinanziert? Und was sollen wir letztlich mit dieser vermeintlich besseren Bildung anfangen?

Wir können zum Beispiel an der Universität bleiben und uns jahrelang in prekären Beschäftigungsverhältnissen ausbeuten lassen, in der Hoffnung, eines Tages die ersehnte Professur zu bekommen. Wir können Praktika machen, die wir nicht ableisten, um Arbeitserfahrung zu sammeln, sondern um billig eine Vollzeitkraft zu ersetzen. Wir können uns von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln, mit dem Wissen, dass wir im Krisenfall als Erste gefeuert werden, weil den älteren Kollegen hohe Abfindungen zustehen. Die stammen aus einer Zeit, als neben Flexibilität auch soziale Absicherung noch etwas zählte. Man kann ja noch ein Start-Up gründen. Dumm nur, dass die meisten Start-Ups nicht zum neuen Facebook werden, sondern pleitegehen.

Wir zahlen jeden Monat in eine Rentenversicherung ein, obwohl wir wissen, dass wir kaum etwas rausbekommen werden. Der Grund dafür ist einfach: Die Alterskohorte zwischen 18 und 30 Jahren ist gegenüber den Rentnern und angehenden Rentnern einfach zu unwichtig. Der Demographie sei Dank bleibt alles beim Alten, bis uns der Laden irgendwann um die Ohren fliegt. Aber darüber reden wir nicht. Wir reden über arme Autofahrer, die womöglich bald nicht mehr mit ihrem Porsche Cayenne durch Stuttgart heizen dürfen. Dabei habe ich gar kein Auto.        

Ich bin nicht die Zielgruppe

Und jetzt werden einige vielleicht sagen: "Selbst schuld der Depp, hätte er doch was Ordentliches studiert und eben nicht Politikwissenschaften." Den Ingenieuren, Medizinern und Juristen in meinem Freundeskreis geht es aber auch nicht viel besser. Die verdienen zwar nicht schlecht, schlafen aber auch beim Feierabendbier ein, wenn sie um 22.00 Uhr von der Arbeit kommen und am nächsten Morgen wieder um sechs rausmüssen. Aber ja, am besten soll man gleichzeitig Karriere machen, drei Kinder in die Welt setzen und sowohl Schlaf als auch Freizeit in die wohlverdiente Rente verschieben, die wir dann ab unserem 78. Lebensjahr genießen. 

Ich darf zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl meine Stimme abgeben, aber offensichtlich will sie niemand haben. 28 Jahre alt, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Migrationshintergrund - ich bin überhaupt nicht die Zielgruppe der etablierten Parteien. 

Ist aber auch egal. Sollte in den kommenden Wochen nicht herauskommen, dass Angela Merkel bei der Stasi war oder jemanden umgebracht hat, wird sie Bundeskanzlerin bleiben. Und selbst dann hätte sie immer noch bessere Chancen als Martin Schulz. Weckt mich in vier Jahren wieder auf, falls es dann spannender wird! 

Krsto Lazarevic ist in Bosnien-Herzegowina geboren und floh als Kind mit seiner Familie nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin und schreibt für verschiedene deutschsprachige Medien. 

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