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Kolumne

Mein Deutschland: Geld macht keine Kinder

In kaum einem anderen Land wird mehr Geld für die Familienförderung ausgegeben als hierzulande. Das Ergebnis ist eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit. Das lässt nur eine Schlussfolgerung zu, meint Zhang Danhong.

Die Welt ist ganz schön ungerecht: Während die Chinesen jahrzehntelang Strafe für das zweite Kind zahlen mussten, wirft die Bundesregierung den Bürgern Geld hinterher, damit sie endlich mehr Kinder zeugen. Alle Posten zusammengezählt lässt sich der Staat die Familienpolitik jedes Jahr 200 Milliarden Euro kosten. Und dann feiert es die Regierung als ihren Erfolg, dass die Geburtenrate 2015 von 1,4 auf 1,5 Kinder pro Frau gestiegen ist. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es in erster Linie die zugewanderten Frauen sind, die das Herz der Familienpolitiker höher schlagen lassen. Bei den Deutschen ist die Lust auf Kinder gleich niedrig geblieben.

Mich wundert das nicht. Denn weder Kindergeld noch Elterngeld können an der kinderfeindlichen Grundstimmung der deutschen Gesellschaft etwas ändern. Für mich als eine Frau mit Kinderwunsch fing das Problem bereits mit der Partnersuche an: Der erste Deutsche, in den ich mich verliebt hatte, war nicht bindungswillig, der nächste schwul, der dritte litt unter Kinderphobie.

Von Angst und Zweifel geplagt

Wovor hat der deutsche Mann eigentlich Angst? Dass er das Kind im Zweifelsfalle nirgendwohin zurückschicken kann? Dass er im Falle der Trennung zum zahlenden Depp degradiert wird? Auch Frauen quälen sich mit Fragen: Habe ich auch den richtigen Vater für mein Kind ausgesucht? Wird eine Mutterschaft meine Aufstiegsschancen zunichte machen? 

Früher dachte ich, der deutsche Zweifel ist das Ergebnis ihres philosophischen Gens - nach dem Motto: Ich zweifle, also bin ich. Nun weiß ich, dass die längst zu internationaler Berühmtheit gelangte "German Angst" zumindest in diesem Falle bedeutet, sich stets den "worst case" auszumalen, um dann den menschlichen Trieb zur Fortpflanzung im Keim zu ersticken.

Mangel an kinderreichen Familien

Symbolbild Familenpolitik Familie mit 2 Kindern (imago/imagebroker)

Vater, Mutter und zwei Kinder - das Familienideal in Deutschland

Vor diesem Hintergrund mutet es schon heldenhaft an, wenn sich ein Paar trotz aller Risiken und Unwägbarkeiten für Nachwuchs entscheidet. Aber nach zwei Kindern ist meistens Schluss. Das verlangt offenbar eine ungeschriebene DIN-Norm für die Familie. Der Soziologe Martin Bujard führt das auf eine Debatte in den 1960er-Jahren zurück. "Eine Debatte über Disziplin, bei der Triebkontrolle als Tugend gepriesen wurde", sagt Bujard der Wochenzeitung "Die Zeit". Als dann die Pille diese Kontrolle kinderleicht machte, gab es keine Entschuldigung mehr für Großfamilien. Den Hauptgrund für den Geburtenrückgang in Deutschland sieht der Bevölkerungsforscher nicht in der Kinderlosigkeit mancher Frauen, sondern im Fehlen kinderreicher Familien.

Auch eine andere neue Norm fördert nicht gerade die Bereitschaft der Frauen, mehr Kinder auf die Welt zu bringen: Sie besagt, dass Mütter an ihren Arbeitsplatz zurückkehren müssen. Schließlich haben die Feministinnen jahrzehntelang dafür gekämpft, dass Frauen den heimischen Herd verlassen können. Der Gesetzgeber hat den Eltern sogar einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren versprochen.

Pendel zwischen zwei Extremen

So hat sich innerhalb einer Generation ein Sinneswandel bei den Deutschen vollzogen. Während ich als junge Mutter noch das hässliche Wort "Rabenmutter" lernen musste, weil ich bald nach der Entbindung wieder meinem Beruf nachging, wird heute eine Vollzeitmutter zumindest in Großstädten schief angesehen. Warum immer diese Extreme? Warum herrscht hierzulande so wenig Toleranz gegenüber individuellen Entscheidungen, die eben keiner Norm entsprechen?

Die Deutschen sind nicht nur vernarrt in Normen, sie sind auch bekannt für ihre Ordnungsliebe. Alles muss seine Ordnung haben. Dazu gehört zum Beispiel ein leises Auftreten in der Öffentlichkeit, was augenscheinlich auch von Babys erwartet wird. Nirgendwo sonst sehe ich so viel Stirnrunzeln wie hierzulande, wenn ein Kind in der Bahn anfängt, zu schreien. Sofort muss ein Schnuller her. Da meine beiden Kinder den Schnuller von Anfang an mit Wut und Abscheu abgelehnt haben, habe ich stets das Auto vorgezogen, um peinliche Situationen in der Bahn zu vermeiden.

Wer denkt, dass Kinder wenigstens auf dem Spielplatz ein Anrecht auf Lärm haben, irrt gewaltig.Bis 2011 konnten Geräusche von Kindergärten und Spielplätzen als schädliche Umwelteinwirkung bewertet und von Richtern verboten werden.

Zhang Danhong Kommentarbild App

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Die deutsche Gesellschaft macht es uns Müttern das Leben nicht einfach. Dennoch lassen sich die meisten Paare die Freude am Nachwuchs nicht verderben, was uns wiederum zum Verhängnis wird. Denn als Mehrheit kommen wir niemals in den Genuss des Minderheitenschutzes. Wie viel Kritik musste der grüne Politiker Winfried Kretschmann einstecken,als er es einmal wagte, ein gutes Wort für die klassische Ehe einzulegen, aus der immer noch die meisten Kinder hervorgehen. Er bediene sich des klassischen Repertoires homophober Propaganda von rechts, hieß es in einem taz-Kommentar.

Keine Kinder, um die Welt zu retten?

Für mich betreiben einige aus meiner Zunft Propaganda gegen Kinder. So beschreibt eine SpiegelOnline-Kolumnistin zuerst die Probleme in Europa: "Verstopfte Straßen in London, Wohnungsknappheit in Berlin, Arbeitslosigkeit in Italien." Um dann den Europäern vorzuwerfen, trotz der übervollen Erde weiter Kinder in die Welt zu setzen.Ihr Lösungsvorschlag: Heterosexuelle Europäer halten sich mit der Fortpflanzung zurück, während homosexuelle Paare Kinder aus Afrika adoptieren dürfen

Ins gleiche Horn stößt der jüngste Bericht des wachstumskritischen "Club of Rome". Die Autoren plädieren dafür, denjenigen Frauen eine Prämie von 80.000 Dollar zu geben, die nur ein Kind zur Welt gebracht haben. Ganz ehrlich: Sind die Frauen in den Industrieländern nicht die falschen Ansprechpartner, wenn es darum geht, die globale Überbevölkerung in den Griff zu bekommen? Oder soll das Ganze nur eine späte Rehabilitation der Ein-Kind-Politik in China sein?

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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