Mein Deutschland: Eine Miniatur Europas | Deutschland | DW | 09.03.2017
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Kolumne

Mein Deutschland: Eine Miniatur Europas

Vor kurzem ist unsere Kolumnistin Zhang Danhong als Karnevalsflüchtling nach Straßburg im Elsass gefahren. Dort hat sie mit ihren Kindern Spuren der europäischen Geschichte und des modernen Europa entdeckt.

Straßburg Universität Hauptgebäude (DW/D.Zhang)

Im Hauptgebäude der Straßburger Universität tagte der Europarat 1949 zum ersten Mal

Die Stadt Straßburg ist ein deutsch-französischer Mischling. Das liebenswürdige Viertel "Petite France" mit den bunten Fachwerkhäusern geht fließend über in die Wilhelminische Neustadt mit den imperialen Prunkbauten. Hinter der heute so harmonisch wirkenden Fassade verbirgt sich ein blutiges Kapitel der deutsch-französischen Beziehungen. Ich erzähle den Kindern von dem kleinen Elsässer Franz, der 1871 an einem warmen Morgen, an dem die Amseln am Waldesrand singen, verspätet in der Schule ankommt, um zu erfahren, dass es die letzte Französischstunde sei.

Die Erzählung über "Die letzte Schulstunde" von Alphonse Daudet dient in China seit bald hundert Jahren der literarischen und patriotischen Erziehung der Schulkinder. Nebenbei ist das Bild von den bösen Deutschen und den armen Franzosen bei fast allen Chinesen haften geblieben.

Petite France Straßburg (DW/D.Zhang)

Petite France - ein malerisches Viertel in Straßburg

Während der Bootsfahrt auf der Ill erklärt uns der Audioguide, dass den Elsässern 1940 ein zweites Mal verboten wurde, Französisch zu sprechen. "Arme Franzosen", seufzen meine Kinder. Dieses Bild der bösen Deutschen und der armen Franzosen hat sich bei mir im Laufe der Jahre relativiert. Auch die Franzosen kannten keine Gnade, wenn es darum ging, den Aufstieg der Preußen zu verhindern. Die Konkurrenz um die Vorherrschaft in Europa endete in zwei Weltkriegen und hat in beiden Ländern Verwüstung hinterlassen. Ein zentrales Streitobjekt waren stets die Elsässer: Innerhalb von 80 Jahren mussten sie viermal die Staatsbürgerschaft wechseln.

Ein Deutsch-Franzose mit einer genialen Idee

Einer, der 1886 als Deutscher geboren worden war und 1919 Franzose werden musste, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg französischer Außenminister. An einem sonnigen Tag im Mai 1950 überraschte Robert Schuman, der Mann mit der großen Nase und dem melancholischen Blick, die Welt mit der kühnen Idee einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Indem diese beiden Schlüsselindustrien von den zwei Erzfeinden und weiteren willigen Ländern zusammengelegt und gemeinschaftlich verwaltet wurden, war allen die Möglichkeit einer geheimen Kriegsvorbereitung genommen. So wurde der Samen für die europäische Integration gelegt.

Straßburg Stadtansicht Martin Luther Straße (DW/D.Zhang)

In der elsässischen Hauptstadt sind überall deutsche Spuren zu finden

Die europäische Einigung war von Anfang an auch ein deutsch-französisches Versöhnungswerk. Unvergesslich bleibt die Begegnung zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle im Jahr 1958. Fast ein ganzes Leben hat es gedauert, bis sich die zwei großen (im körperlichen wie im historischen Sinne) Männer kennen lernten. "Sie verstanden sich ohne Worte, weil sie die gleiche Sprache redeten, weil sie den gleichen Glauben hatten, und so gebar der eherne Wille des einen wie des anderen ein gemeinsames Wollen", erinnert sich ihr Dolmetscher Hermann Kusterer.

Überzeugende Persönlichkeiten

Dabei konnten sie unterschiedlicher nicht sein. Hier der pragmatische Adenauer, der zwischen dem Machbaren und dem Unrealistischen stets zu unterscheiden wusste; dort der französische General, der seinen Spaß darin fand, die Grenze des Unmöglichen zu überschreiten. Der erste Kanzler der Bundesrepublik bewahrte eine kritische Distanz zum eigenen Land, während die Vaterlandsliebe des ersten Präsidenten der fünften Republik fast religiöse Ausmaße hatte. Was auch überhaupt einen wesentlichen Unterschied zwischen den Deutschen und den Franzosen der Nachkriegszeit markiert.

arte Sender Straßburg (DW/D.Zhang)

Der Giraffenmensch steht vor dem Sitz des Senders arte

Der Versöhnung folgte die Zusammenarbeit, die in den 1970er- und 1980er-Jahren unter zwei gegensätzlichen Führungspaaren ihren Höhepunkt erreichte. Es waren der hemdsärmelige Helmut Schmidt und der aristokratische Valéry Giscard d'Estaing sowie der unterschätzte Christdemokrat Helmut Kohl und der egozentrische Sozialist Francois Mitterrand, die dem jeweiligen Partner vertrauten und gemeinsam Europa massiv nach vorne brachten. Im Laufe dieses Integrationsprozesses ist das Europaviertel in Straßburg mit dem Europarat, dem Europaparlament und dem deutsch-französischen TV-Sender arte entstanden.

Deutsch-französische Balance aus dem Lot

Von diesem Elan ist in den vergangenen Jahren nicht mehr viel übrig geblieben. Die Eurokrise hat die Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Ländern verschoben. Die Bundesregierung denkt offenbar, Absprachen mit den Franzosen nicht mehr nötig zu haben und untergräbt durch nationale Alleingänge wie die Energiewende oder die Flüchtlingspolitik immer mehr das gegenseitige Vertrauen. Ein wichtiger Grund, warum der deutsch-französische Motor stockt und die EU nicht aus der Krise herausfindet.

Deutschland DW Redakteurin Zhang Danhong (V. Glasow/V. Vahlefeld )

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Auch die Führungspersönlichkeiten haben an Strahlkraft verloren: Während der fromme Katholik Robert Schuman jeden Abend in den Spiegel schaute und sich fragte, ob er an diesem Tag auch etwas Gutes getan hatte, hält Francois Fillon an der Präsidentschaftskandidatur fest, obwohl gegen ihn strafrechtlich ermittelt wird. Der Gegensatz könnte krasser nicht sein.

Ist der europäische Einigungstraum ausgeträumt? Es liegt an Deutschland und Frankreich, den roten Faden Europas wieder aufzunehmen - spätestens im Herbst, mit dann zwei neuen Regierungen. Das sind die Politiker - welcher parteipolitischen Couleur auch immer - den Menschen schuldig. Denn die haben sich längst an ein Europa ohne Grenzen mit all seinen Annehmlichkeiten und Vorteilen gewöhnt. Als die Dame im Straßburger Tourismuscenter erfährt, dass wir aus Köln kommen, muss sie schmunzeln: "Sie fliehen vor Karneval? Dafür sind viele Straßburger extra nach Köln gefahren - um Karneval zu feiern."

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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