1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kolumne

Mein Deutschland: Der Euro und das Murmeltier

Immer das gleiche Theater: Der Filmklassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier" könnte auch Vorbild sein für die Dramaturgie der Eurokrise. Es wird Zeit, das bisher Undenkbare zu denken, meint Kolumnistin Zhang Danhong.

Filmstill - Und täglich grüßt das Murmeltier mit Bill Murray (picture-alliance/Mary Evans Picture Library)

Bill Murray als Reporter in einer Zeitschleife: Jeden Tag erlebt er den Tag des Murmeltiers in Punxsutawney aufs Neue

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht. Ich jedenfalls bin diese immer wiederkehrenden Diskussionen leid: Regelmäßig wird Deutschland ein schlechtes Gewissen eingeredet, weil es mehr Produkte an andere verkauft als Waren aus dem Ausland einführt. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss eilt von einem Rekord zum nächsten, im vergangenen Jahr betrug er 8,6 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Das liegt vor allem an den hervorragenden Maschinen und Autos "Made in Germany", aber auch am aus deutscher Sicht stark unterbewerteten Euro. Donald Trump wirft Deutschland deshalb Währungsmanipulation vor. Die Bundesregierung fühlt sich durch solche Kritik gekränkt und macht ihrerseits die Europäische Zentralbank für den schwachen Euro verantwortlich.

Auch beim griechischen Schuldendrama reagiert das Publikum inzwischen nur noch gelangweilt: Zum Auftakt wird auf beiden Seiten stets die Katastrophe, wenn nicht gar der Weltuntergang beschworen, dann wird bis tief in die Nacht verhandelt, gedroht, Ultimatum gestellt, bevor dann in angeblich letzter Minute ein milliardenschweres Hilfspaket geschnürt wird. Und nach zwei Jahren geht das Ganze wieder von vorne los - das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Gutes Geld schlechtem hinterherwerfen

Würden Sie einem Freund Geld leihen, bei dem Sie ziemlich sicher sein können, dass Sie den Betrag nie wiedersehen? Bei aller Liebe und Freundschaft wahrscheinlich nicht. Deutschland und andere Gläubigerländer in der Eurozone tun das aber im Falle Griechenlands bereits seit sieben Jahren. Was haben die Hunderte von Milliarden und die gekaufte Zeit gebracht? "Mehr als die Hälfte der Gehaltsempfänger in dem Mittelmeerland zahlt immer noch keine Einkommenssteuer. Ein soeben pensionierter Grieche erhält 81 Prozent des durchschnittlichen Gehalts als Rente. In Deutschland liegt das Rentenniveau bei 43 Prozent des Durchschnittseinkommens", lese ich in "The Economist".

Griechenland Proteste in Athen (Reuters/A. Konstantinidis)

Rentner demonstrieren in Athen gegen Kürzungen

Das bedeutet erstens, dass Athen immer noch nicht ernsthaft für Einnahmen sorgt. Und zweitens, dass die Ausgaben immer noch erhebliche Sparpotenziale bieten. Doch schon die bisherigen Kürzungen der Renten und Gehälter haben die Griechen auf die Barrikaden getrieben und Ressentiments gegen Deutschland geschürt, die Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges längst überwunden schienen. Wie würde Hellas erst reagieren, wenn die Geberländer mit dem Grexit ernst machen und die Griechen aus dem Währungsverbund ausschließen würden? Mit den weiterhin Tausenden Flüchtlingen auf ihren Inseln haben die Griechen außerdem ein zusätzliches Druckmittel in der Hand.

Lauter Vorteile durch Dexit

Deshalb schlage ich der Bundesregierung vor, die Krise der Eurozone nicht länger nur zu verwalten, sondern einen radikalen Schritt zu wagen. Sprich: den eigenen Ausstieg aus der Gemeinschaftswährung einzuleiten. Das hätte folgende positive Auswirkungen auf Deutschland:

20 DM D-Mark Schein Banknote Deutsche Mark (gemeinfrei)

Den 20-Mark-Schein schmückte einst Annette von Droste-Hülshoff, Lieblingsdichterin der Kolumnistin

Die äußere Wahrnehmung würde sich schlagartig ändern. Deutschland wäre nicht mehr dieses undankbare Land, das seinen Export durch den schwachen Euro beflügeln lässt, sich zum Nulltarif verschulden kann und dennoch ständig mit der Geldpolitik der EZB hadert. Nein, die dominierende Macht in Europa verzichtete freiwillig auf all die Vorteile durch die Gemeinschaftswährung und nähme alle Nachteile einer enormen Aufwertung der neuen D-Mark in Kauf.

Die neue Stärke der eigenen Währung zwänge die Unternehmen zu mehr Innovationen. Aber mit der Potenz der alten D-Mark sind sie ja auch gut zurechtgekommen.

Die Importe würden billiger, was die Nachteile für die Exportindustrie zumindest teilweise wieder ausgleichen könnte. Bürger profitierten auf jeden Fall von den günstigen Importwaren. Und auch ihre Urlaubsreisen ins Ausland würden durch die gestiegene Kaufkraft versüßt.

Die Bundesbank würde die Leitzinsen erhöhen, so dass die schleichende Enteignung der Sparer endlich ihr Ende fände.

Der größte Vorteil bestünde jedoch darin, dass Deutschland keine weiteren Risiken mehr durch die Eurorettung eingehen müsste. Die Target-Verbindlichkeiten oder die von der EZB erzwungenen Anleihekäufe raubten uns nicht mehr den Schlaf. Was für eine Befreiung!

Deutschland DW Redakteurin Zhang Danhong (V. Glasow/V. Vahlefeld )

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Auch die anderen haben was davon

Für die verbliebenen Euroländer würde das Leben ebenfalls entspannter. Der neue Euro ohne deutsche Beteiligung dürfte deutlich abgewertet werden. Etwas Besseres könnte Griechenland und den anderen Krisenländern nicht passieren. Ihre Wettbewerbsfähigkeit kletterte so automatisch nach oben. Die EZB dürfte die Zügel für die Geldpolitik weiter lockern, was auch im Interesse der Schuldnerländer läge. Die Abwesenheit der deutschen Mahner, die ständig auf die Einhaltung der Regeln pochten, dürften Mario Draghi und Alexis Tsipras als Wohltat empfinden.

Ein Restrisiko bliebe: Es wäre gut möglich, dass die Länder des ehemaligen D-Mark-Blocks wie Holland und Österreich dem deutschen Beispiel folgen. Ein Ende des Euro könnte also nicht ausgeschlossen werden. Das wäre aber nicht das Ende Europas. Wie sagt man so schön: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende! Das Durchbrechen des Murmeltier-Traumas könnte der Anfang eines neuen Europas werden.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

Sie können unterhalb dieses Artikels einen Kommentar abgeben. Wir freuen uns auf Ihre Meinungsäußerung!

Die Redaktion empfiehlt