Mein Deutschland: Aktienkauf ist Bürgerpflicht | Deutschland | DW | 13.12.2017
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Kolumne

Mein Deutschland: Aktienkauf ist Bürgerpflicht

Die Deutschen bleiben Aktienmuffel. Trotz Börsenboom und Niedrigzins hat nur jeder siebte Deutsche in Aktien investiert. Zhang Danhong kann das nicht verstehen. Für sie ist Aktienbesitz geradezu ein Muss.

Tut Ihnen nicht weh, als völlig Unbeteiligter zusehen zu müssen, wie der deutsche Aktienindex Dax von einem Rekord zum anderen eilt? Ich persönlich finde es sehr bedauerlich, dass an den hohen Renditen deutscher Unternehmen in erster Linie ausländische Investoren ihre Freude haben, weil ihnen die Dax-Unternehmen inzwischen mehrheitlich gehören. So wurden in diesem Jahr knapp 18 Milliarden Euro Dividenden ins Ausland überwiesen. In Deutschland geblieben sind weniger als zwölf Milliarden. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Fettes Wasser soll man nicht in fremde Felder fließen lassen. Ist es nicht höchste Zeit, das fette Wasser hier zu halten?

Wenn Patriotismus für Sie zu antiquiert klingt, müssen Sie ja keine Anteile an deutschen Unternehmen erwerben. Perlen gibt es überall. Indem Sie aber Aktien kaufen, beteiligen Sie sich am Produktivkapital. Sie unterstützen Unternehmen, die Produkte herstellen und Arbeitsplätze schaffen. Das Schöne dabei: Sie tragen nicht nur zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung bei, Sie schützen auch Ihr Geld. Denn Aktien sind Sachwerte, die Ihnen niemand wegnehmen kann. Lassen Sie ihr Geld bei der Bank in Form von Tagesgeld oder Sparbuch, werden Sie Gläubiger Ihrer Bank und vertrauen darauf, dass die Bank auch morgen oder übermorgen wieder öffnet.

UK Paketbote liefert Amazon-Pakete aus (imago/STPP)

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Sind Sie - wie die meisten Deutschen - sauer auf die Europäische Zentralbank, weil deren Geldpolitik Ihre Ersparnisse wie Butter in der Sonne schmelzen lässt, können Sie durch den Kauf von Aktien Mario Draghi endlich die kalte Schulter zeigen. Oder wie Andrea Nahles sagen würde: Bätschi! Er kann die Zinsen so lange bei Null bis negativ lassen wie er will, es wird Sie nicht mehr jucken! Im Gegenteil, die Niedrigzinspolitik der EZB, die ja noch eine ganze Weile andauern wird, ist die beste Garantie für einen anhaltenden Boom an den Börsen.

Aktienkauf ist sozial

Indem Ihr Geld Tag und Nacht für Sie arbeitet und Ihre Investition langfristig sogar eine gefühlte Inflation von jährlich fünf Prozent (die Preise der häufig gekauften Güter wie Brötchen steigen tatsächlich jedes Jahr um fünf Prozent) mehr als ausgleicht, steigern Sie zugleich die Wahrscheinlichkeit, im Alter der Allgemeinheit nicht zur Last zu fallen. Indem der Staat Sie nicht mit Steuergeldern aus der Armut herausholen muss, leisten Sie einen großen Beitrag zur Sicherung des Sozialstaats. Aktienerwerb ist also mindestens so sozial wie soziales Engagement.

Zhang Danhong (V.Glasow/V.Vahlefeld)

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Eigentlich ist das doch alles sehr im Sinne des Staates. Aber ist Ihnen schon aufgefallen, dass sich keine einzige Partei in Deutschland für Aktien stark macht? Man könnte sagen, den Politikern fehlt ebenso wie den meisten Bürgern dieses Landes eine solide Bildung in Finanzfragen. Die meisten Abiturienten sind nicht einmal in der Lage zu begreifen, was der Zinseszins ist, während sie die schwierigsten Texte von Franz Kafka rauf und runter analysieren können. Das mag eine Erklärung sein.

Ich vermute aber etwas anderes: Der Staat braucht uns nämlich als Gläubiger. Denn nicht nur die Südeuropäer, auch Deutschland ist hoch verschuldet. Der Finanzminister muss in schöner Regelmäßigkeit alte Schulden durch neue ersetzen. Und er verpflichtet die Renten- und Lebensversicherungen, Bundesanleihen anzuhäufen. Da trifft es sich doch gut, dass Versicherungen nach dem Sparbuch die zweitbeliebteste Anlageform der Deutschen sind. Legen Sie Ihr Geld in Aktien an, entziehen Sie sich sozusagen dem Zugriff des Bundesfinanzministers.

Aktionäre werden abgezockt

Das lässt der kommissarische Amtsinhaber Peter Altmaier sich natürlich nicht gefallen. Bereits seine Vorgänger Wolfgang Schäuble und Peer Steinbrück haben dafür gesorgt, dass Aktionäre doppelt und dreifach besteuert werden. Das Geld, das wir in Aktien investieren, kommt aus unserem bereits versteuerten Einkommen; auf die ausgeschütteten Dividenden zahlen die Unternehmen Körperschaftssteuer, und die Aktionäre Abgeltungssteuer; werden die Aktien verkauft, ist nochmals Abgeltungssteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag für den Aufbau im Osten des Landes fällig. Wenn linke Politiker argumentieren, dass mit diesem Steuersatz das Kapital im Vergleich zur Arbeit bevorzugt wird, ist das nur Augenwischerei.

Da der Staat immer mehr Geld benötigt, hat er sich neue Geldquellen ausgedacht: Zum 1. Januar 2018 wird jeder Kauf und Verkauf innerhalb eines Aktienfonds mit 15 Prozent Pauschalsteuer belegt. Das bedeutet, dass Vater Staat Geld kassiert, sobald der Fondsmanager eine Transaktion vornimmt. Natürlich sind Sie als Kleinanleger nicht direkt betroffen. Aber die Unterscheidung zwischen Kleinanlegern und Großinvestoren bürdet den Banken neuen bürokratischen Aufwand auf.

Regulieren, bis der Arzt kommt

Bürokratischer Gegenwind kommt auch von der EU. So sorgt die neue Finanzmarktrichtlinie (MIFID II) dafür, dass ab Januar 2018 bei der Anlageberatung stapelweise zusätzliche Papiere vom Kunden unterschrieben werden müssen. Beispielsweise reicht es nicht mehr aus, dem Kunden einfach mitzuteilen, dass fünf Prozent von seinem investierten Geld als Kosten von der Bank eingezogen werden. Nein, dem Kunden muss der Betrag in Euro und Cent genannt werden. Mit anderen Worten: Die EU traut uns nicht mal mehr das einfachste Rechnen zu.

Kundenberatung in einer Bank (Fotolia/Kzenon)

Kundenberatung bei den Banken wird zu einem bürokratischen Kraftakt

Wer also EU- oder allgemein politikverdrossen ist, für den stellt der Aktienkauf geradezu einen Akt des zivilen Ungehorsams dar. Das Gute ist, dass Sie trotz Kosten und Steuern langfristig mit einer Rendite belohnt werden, die jede andere Anlageform schlägt.

Sicherlich unterliegen Aktien starken Kursschwankungen. Mit einem monatlichen Fondssparplan können Sie die Risiken jedoch minimieren. Die Zeiten der risikolosen Zinsen sind vorbei. Nun haben Sie die Wahl zwischen Sparen, was einem zinslosen Risiko gleichkommt, und dem Aktieninvestment als einem renditenstarken Risiko, das bei einem längeren Zeitraum aber gegen null tendiert. 

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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