Mein Deutschland: Lieber Herr Di Lorenzo… | Deutschland | DW | 01.12.2017
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Kolumne

Mein Deutschland: Lieber Herr Di Lorenzo…

Auch wenn Zhang Danhong oft mit der Wochenzeitung "Die Zeit" haderte, hat sie ihr die Treue gehalten. Nach der Wählerbeleidigung in der letzten Ausgabe zieht sie die Reißleine und schreibt dem Chefredakteur einen Brief.

Deutschland Wochenzeitung Die Zeit mit Chefredaktuer Giovanni di Lorenzo (picture-alliance/dpa/B. Marks)

Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo

Lieber Herr Di Lorenzo,

fast erleichtert habe ich eben mein Abonnement der "Zeit" gekündigt, die Sie als Chefredakteur verantworten. Mehr dazu gleich.

Ich bin in Peking geboren und aufgewachsen. Mein Vater war Chefredakteur einer Handelszeitung. Oft brachte er Manuskripte mit nach Hause und ließ mich im Teenageralter mitredigieren. So schärfte er mein Sprachgefühl und weckte bei mir die Leidenschaft für den Journalismus. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Die FAZ war die erste deutsche Zeitung, die ich während meines Germanistik-Studiums an der Peking-Universität in den Händen hielt. Andächtig reichten wir sie im Unterricht herum und stellten doch frustriert fest, dass unsere Deutschkenntnisse gerade für die Lektüre der Heiratsanzeigen reichten.

Zhang Danhong (V.Glasow/V.Vahlefeld)

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Ende der 1980er Jahre kam ich zum Auslandsstudium nach Köln. Zwei Monate gingen drauf, bis bürokratisches aller Art erledigt war. In einem Moment tiefer Erleichterung kaufte ich am Kiosk eine Zeitung - den "Kölner Stadt-Anzeiger". Die Muße, eine deutsche Zeitung zu lesen, hatte für mich eine hohe symbolische Bedeutung: Jetzt bin ich wirklich angekommen!

Nicht nur das: Jahre später wurde auch noch mein beruflicher Traum Wirklichkeit. Zeitung lesen wurde zur Routine: "Frankfurter Allgemeine" (alles, bis auf die Heiratsanzeigen), "Süddeutsche", "Handelsblatt", "Die Welt". Aber für zu Hause wollte ich gerne eine Lektüre haben, die weniger aktuelle Wasserstandsmeldungen, dafür mehr Hintergründiges enthält. Da fiel die Wahl schnell auf Ihr Blatt, das damals noch von meinem Lieblingsdeutschen Helmut Schmidt herausgegeben wurde. Nach dem Sonntagsfrühstück in der "Zeit" zu schmökern ist für mich seitdem der Inbegriff der Entspannung.

Naiv und weltfremd

Es begann im August 2015, dass ich mich von Ihrer Zeitung entfremdete. "Die Flüchtlinge sind ein Glück für Deutschland. Wir müssen es erkennen und gegen Widersacher verteidigen", schrieb Sabine Rückert in einem Leitartikel. Dieser aus heutiger Sicht weltfremde und belehrende Grundton dominierte Wochen und Monate nicht nur "Die Zeit", sondern die ganze Medienlandschaft hierzulande.

Berlin Ankunft der Flüchtlinge im Herbst 2015 Jubel (picture-alliance/dpa/G. Fischer)

Von Journalisten hätte man etwas Abstand zum Willkommensjubel erwarten können

Dass Sie von Anfang an zu den Skeptikern der Flüchtlingspolitik Angela Merkels gehörten, hat meine Sympathie für Sie gesteigert und mich mehr oder weniger mit Ihrer Zeitung versöhnt. Vor allem Ihre selbstkritische Dresdner Rede vom Februar 2016 hat mich zutiefst gerührt. In der "Zeit" müsse es immer Platz für andere Stimmen geben, haben Sie zum Schluss gesagt. "Ich werde bis zu der Stunde, in der man mich feuert oder auch ehrenvoll verabschiedet oder von mir aus auch aus der Redaktion trägt, dafür kämpfen."

Geändert hat sich aber nicht viel. "Die anderen Stimmen" wurden zumeist als Gastkommentare deklariert. Ist die politische Redaktion so monochrom oder trauen sich manche einfach nicht, ihre wirkliche Meinung kundzutun? Ach ja, da ist Jochen Bittner, der ab und zu mit erfrischend deutlichen Aussagen aus der Reihe tanzt.

Positive Beispiele sind rar

Großartig war das Dossier vom Februar 2017 über Justizminister Heiko Maas, der den Generalbundesanwalt entlassen hatte, weil der gewagt hatte, den Minister öffentlich zu kritisieren. Der Generalbundesanwalt wollte nämlich gegen zwei Blogger wegen Landesverrat ermitteln, was der Minister seinerseits verhinderte, weil er die Kritik der Medien fürchtete. Im Klartext: Ein Justizminister könnte die Verfolgung einer Straftat sabotiert und das Gesetz gebeugt haben. Doch die Karawane ist weitergezogen, der Aufschrei über diesen justizpolitischen Skandal blieb aus. Dabei bastelte der hyperaktive SPD-Politiker schon an seinem Lebenswerk - dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), das Facebook und Twitter inzwischen zu einer nebenberuflichen Zensurtruppe aufgewertet hat. Ich habe sehr gestaunt, dass ausgerechnet Sie, lieber Herr di Lorenzo, das Gesetz auf dem Kongress der europäischen Zeitungsmacher in Wien in Anwesenheit des Bundesjustizministers als einen "Schritt in die richtige Richtung" bezeichnet haben.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie neben gemeinsamen Auftritten mit Heiko Maas auch noch andere wichtige Termine wahrnehmen müssen, die Sie am Schreiben hindern. Dafür macht sich ihr Vize Bernd Ulrich umso breiter. Vor der Bundestagswahl erklärte er auf mehreren Seiten, warum Angela Merkel unbedingt eine vierte Amtszeit braucht und die Grünen auf jeden Fall wieder mitregieren müssen. Es gehe schließlich um die Rettung der Welt. Leider hat er die Werbetrommel für Schwarz-Grün nicht laut genug geschlagen. Über das für ihn frustrierende Wahlergebnis philosophierte er bei Maybrit Illner: "Es hat nicht an Flüchtlingen und an der Flüchtlingspolitik gelegen, sondern am September." Verstehen Sie, was er damit meint?

Bernd Ulrich stellv. Chefredakteur der Wochenzeitung (Imago/M. Popow)

Schaut gern auf Menschen herab, die nicht grün denken: Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der "Zeit"

Seine ganze Wut über Christian Lindner und dessen FDP, weder Merkel zur vierten Amtszeit noch den Grünen zur Regierungsbeteiligung verhelfen zu wollen, goss er in eine Nachlese über das Jamaika-Desaster. Herausgekommen sind Sätze wie: "Seine (Lindners) Botschaft an den Jetzt-bin-ich-mal-dran-Wähler: … Die Flüchtlinge sollten härter behandelt werden, Integration sei eine reine 'Bringschuld' der armen Teufel aus Arabien." Klar, nicht nur Lindner ist herzlos, sondern auch die, die ihn gewählt haben: "Der FDP-Wähler ist gewissermaßen der innere Schweinehund des Grünen-Wählers."

Die Grenze des Anstands überschritten

Ich habe sicherheitshalber nach "innerem Schweinehund" gegooglet. Vielleicht habe ich als Nichtmuttersprachlerin doch etwas falsch verstanden. Der Begriff umschreibe die Allegorie der Willensschwäche, die eine Person daran hindere, unangenehme Tätigkeiten auszuführen, die als ethisch geboten gesehen werden, heißt es bei Wikipedia. Mit anderen Worten: Wenn der FDP-Wähler seine Trägheit und seinen Egoismus überwunden und sich zu einem besseren Menschen entwickelt hat, dann wird er irgendwann auch die richtige Partei - die Grünen - wählen.

Millionen bürgerliche Wähler zu beleidigen - so tief ist die Zeitung von Helmut Schmidt gesunken. Das nehme ich zum Anlass, ihr Lebewohl zu sagen. Zum Schluss noch eine Botschaft an Ihren Stellvertreter: Bernd Ulrich soll sich dafür einsetzen, dass auch Bienen und Schmetterlinge das Wahlrecht erhalten, dann bekommen die Grünen vielleicht die absolute Mehrheit und er muss die Wähler anderer Parteien nicht mehr beschimpfen.

Mit kollegialen Grüßen

Zhang Danhong

 

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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