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Sport

Mehr als nur Reserve

Mustafi und Durm - zwei Namen, die vor einem Jahr nur absoluten Kennern etwas sagten. Nun sind beide zum Lernen bei ihrer ersten WM. Oder vielleicht schon mehr? Das brasilianische Klima ist ihre Chance.

Alles war schon vorbereitet. Der Urlaub war gebucht, es sollte Richtung Süden gehen, Sonne tanken auf Ibiza, am Mittelmeer die Beine hochlegen nach einer langen Saison. Wie erwartet war Neuling Shkodran Mustafi nach dem Trainingslager in Südtirol aus dem DFB-Kader gestrichen worden, zu ist groß die Konkurrenz in der Innenverteidigung. Doch dann knickte Marco Reus im letzten Testspiel gegen Armenien um und alles änderte sich. Am Tag danach klingelte das Telefon von Shkodran Mustafi.

"Ich war gerade auf dem Weg von der Autowerkstatt nach Hause und habe mich schon ein bisschen auf den Urlaub vorbereitet," erzählt Mustafi auf der DFB-Pressekonferenz in Santo André von dem Moment, der seinen Sommer nachhaltig veränderte. "Dann kam der Anruf vom Bundestrainer - sehr überraschend, um ehrlich zu sein. Aber es musste alles sehr schnell gehen, für Gedanken war keine Zeit. Ich musste schnell zum Mannschaftsquartier und dann ging's auch schon los." Den Ibiza-Urlaub abzusagen, sei ihm natürlich leicht gefallen. Die Chance auf eine WM komme schließlich nicht alle Tage. Sein Handy sei kurz darauf "explodiert" vor Nachrichten. Er habe versucht, jedem zu antworten. Irgendwann musste er kapitulieren und abreisen.

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Shkodran Mustafi

Mr. Unbekannt aus Bad Hersfeld

Mustafi ist in vielerlei Hinsicht ein etwas anderer Nationalspieler. Der deutschen Fußballöffentlichkeit war sein Name kein Begriff, als ihn Bundestrainer Löw im März erstmals nominierte, denn für viele spielte der 22-Jährige bis dahin unter dem medialen Radar. Als Sohn albanischer Eltern kam Mustafi in Bad Hersfeld in Hessen zur Welt und ist gläubiger Moslem. Nach der Jugend beim Hamburger SV wechselte er schon im Alter von 17 Jahren zum FC Everton nach England. Dort entwickelte er sich dank der körperbetonten englischen Spielweise zu einem robusten Verteidiger, der 2012 den nächsten Schritt machte: Er ging zum damaligen italienischen Zweitligisten Sampdoria Genua und stieg mit dem Club in die Serie A auf. Auch persönlich ging sein Weg weiter nach oben: "In Italien bin ich ein bisschen zum Fanliebling gereift", erzählte Mustafi im DFB-Trainingslager in Südtirol, "in Deutschland bin ich Mr. Unbekannt".

Das galt bis zum vergangenen August auch für seinen gleichaltrigen Verteidigerkollegen Erik Durm. Dann wechselte BVB-Coach Jürgen Klopp den Nachwuchsspieler erstmals in der Bundesliga ein und alles ging sehr schnell. Innerhalb kürzester Zeit erspielte sich Durm auf der linken Abwehrseite das Vertrauen des Trainers, der ihm nach seinem erfolgreichen Debüt in der europäischen Fußball-Königsklasse als "geboren für die Champions-League" lobte. Längst hatte ihn auch Löw auf seiner Liste und berief Durm im Mai erstmals ins Nationalteam. "Die Mannschaft hat mich sehr gut aufgenommen, das war sehr wichtig für mich", berichtet Erik Durm, der neben dem muskulösen Mustafi ziemlich schmächtig wirkt. Seine stärkste Waffe ist demzufolge auch nicht das körperbetonte Verteidigen, sondern seine Schnelligkeit.

Durm ist offensivstark - aber will das der Bundestrainer überhaupt?

"Ich denke ich gehöre nicht zu den Langsamsten", stellt Durm mit einem Augenzwinkern fest. Durm ist jedoch nicht nur Sprinter, auch seine Ausdauerleistung stimmt, regelmäßig erzielt er sehr hohe Kilometerwerte im Spiel. Allzugerne beackere er die Außenlinie, wie er sagt, gehe die weiten Wege, um das Spiel mit aufzubauen, gleichzeitig aber auch die Mittelfeldspieler abzusichern. Hört sich gut an, doch sein Problem ist: Genau damit scheint er momentan nicht so richtig ins Anforderungsprofil des Bundestrainers zu passen. "Bei diesem Turnier braucht man keine so hoch stehenden und offensiven Außenverteidiger wie in der Qualifikation", hatte Löw tags zuvor gesagt und durchblicken lassen, dass er gegen Portugal mit vier Innenverteidigern in der Abwehrkette beginnen wolle.

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Erik Durm

Durm trägt wohlmöglich genau die Gene in sich, die Löw momentan nicht schätzt: "Ich war 15 Jahre meines Lebens Stürmer, da ist der Drang nach vorne noch da", bekennt der Dortmunder, der ausgerechnet Mannschaftskamerad und Freund Marcel Schmelzer aus dem DFB-Kader verdrängte. "Alles, was nach vorne geht, macht mir Spaß. So ganz wird man den Stürmer nicht loswerden. Das ist auf meiner Position aber auch nicht gewollt." Damit könnte er falsch liegen. Denn der Bundestrainer pflegt angesichts der klimatischen Bedingungen in Brasilien ein neues Sicherheitsdenken und besteht auf eine kompakte Defensive.

Das Klima ist ihre Chance

Und genau das dürfte das Problem der beiden Jung-Verteidiger Erik Durm und Shkodran Mustafi sein. Mit Philipp Lahms Umzug auf die Sechser-Position ist die Abwehrkette ohnehin durcheinandergewirbelt, Löw wird weitere Experimente sehr behutsam angehen. Auf den Innenverteidigerpositionen sind Mats Hummels und Per Mertesacker quasi gesetzt und körperlich top fit. Shkodran Mustafi wird es so schwer haben, WM-Erfahrung zu sammeln. Durms Chancen auf Einsätze sind trotz seiner offensiveren Ausrichtung etwas besser: Er ist vermutlich das Back up für Jerome Boateng, der bei Bedarf ins für ihn vertraute Abwehr-Zentrum wechseln könnte.

"Ob wir zum Einsatz kommen, ist erst mal hinten angestellt. Es geht hier um die Mannschaft und den Erfolg", hat Durm das DFB-Kommunikationshandbuch bereits fest verinnerlicht. "Wenn wir einen Teil zum Erfolg beitragen könnten, wäre das natürlich super. Aber wir nehmen alles mit und sind einfach froh, dabei zu sein." Auch wenn die Startelf für das junge Duo vorerst nicht zugänglich erscheint, beim Dabeisein wird es nicht bleiben. Die Gruppenphase im heißen Norden Brasiliens wird kräftezehrend und Löw wird seine "Spezialkräfte" von der Bank brauchen. Trotz jeweils gerade mal einem absolvierten Länderspiel - Durm und Mustafi dürften mehr sein als bloß eine stille Reserve der DFB-Elf. Denn sowohl der Dauerläufer Durm als auch Bulldozer Mustafi können eine starke Physis vorweisen - und auf die wird es ankommen bei dieser WM.


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