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Sport

DFB-Elf will mit Akribie zum Titel

Große Qualität und nur ein paar kleine Fragezeichen: Die deutsche Nationalmannschaft geht zuversichtlich ins WM-Turnier. Bundestrainer Löw muss in Brasilien liefern - und springt dafür sogar über seinen Schatten.

Joachim Löw hält inne, schweigt. Er scheint zu überlegen, wie er sagen soll, was er denkt. Dann geht sein Griff zum Wasserglas, etwas trinken, Zeit gewinnen. Als er es wieder abstellt, haben sich die Gedanken sortiert. "Also, ich bin jetzt schon bei dem einen oder anderen Turnier dabei gewesen und ich kenne die Diskussionen", beginnt Löw seine Antwort auf die Frage eines Journalisten, wie groß seine Genugtuung nun wäre, hier in Brasilien seine Kritiker verstummen zu lassen. "Ich als Trainer sollte jetzt nicht schauen, was viele so genannte Bundestrainer sagen. Es ist mir schon klar, dass es unterschiedliche Meinungen gibt, bei der Kaderauswahl, bei der Aufstellung, bei der taktischen Ausrichtung. Davon sollte man sich aber auch frei machen. Wir haben uns wahnsinnig konzentriert vorbereitet."

Er wirkt ausgeglichen, ohne Groll während er diese Worte spricht, nicht mehr so dünnhäutig wie bei mancher Gelegenheit in den letzten Monaten, als ihm die Kritik zu viel wurde, die Erwartungen zu hoch. Nach drei guten, aber am Ende doch ungekrönten Turnieren 2008, 2010 und 2012 unter seiner Führung fordert Fußball-Deutschland nun den WM-Sieg von Löw, der gerne in Schlagzeilen als "der Titellose" bezeichnet wird. Natürlich verkennt eine solche Verkürzung die Leistungen Löws, der dem deutschen Fußball in den vergangenen Jahren ein völlig neues Gesicht gab. Doch weil es im Sport immer um Leistungssteigerung geht, muss Löw mit diesen Erwartungen leben. Doch wird er sie auch erfüllen können?

Ein steiniger Weg

Bundestrainer Joachim Löw leitet das DFB-Training in Santo Andre (Foto: Marcus Brandt/dpa)

Bundestrainer Löw: Mit Konzentration zum WM-Titel

Auf dem Weg nach Brasilien spielte der dreimalige Weltmeister Deutschland lange wie ein WM-Favorit: Souverän in der Qualifikation, beeindruckend offensivstark, in der Defensive mit Ausnahme des 4:4 gegen Schweden zunehmend gefestigt. Dann kamen die Verletzungen, reihenweise fielen Stammspieler aus, es folgten schwache Auftritte - und dem Bundestrainer rannte die Zeit davon. Unschön sei es, dass er während der Klubsaison so wenige Trainingstage mit seinen Spielern gehabt habe, beklagt Löw. Dank der intensiven Vorbereitung im Trainingslager von Südtirol Ende Mai sowie der medizinischen Abteilung, die die verletzten Eckpfeiler

Philipp Lahm

und

Manuel Neuer

rechtzeitig wieder fit machte, hat Löw nun aber "ein gutes Gefühl." Die Mission Titel scheint wieder möglich.

Denn auch nach dem Ausfall von Marco Reus kann die DFB-Elf eine hohe Qualität aufbieten. Selten war die spielerische Klasse der deutschen Offensive so groß wie heute: Die Genialität Mesut Özils, die Unberechenbarkeit Mario Götzes, das Tempo André Schürrles, die Torgefährlichkeit Thomas Müllers und zuletzt auch wieder die Vehemenz Lukas Podolskis sind schlicht Weltklasse. Auch deshalb leistet sich der Bundestrainer das Risiko mit dem alternden Miroslav Klose nur einen echten Stürmer mitzunehmen. Für ihn sind seine offensiven Mittfeldspieler ohnehin in Wahrheit Stürmer, wie er betont.

Knackpunkt Abwehrkette

Doch Turniere werden bekanntlich in der Defensive gewonnen, wo die deutsche Mannschaft ihre Formation noch finden muss. Weil Löw es Bayern-Trainer Pep Guardiola gleichtat und Kapitän Philipp Lahm aus der Abwehr ins defensive Mittelfeld beorderte und Linksverteidiger Marcel Schmelzer überraschend zuhause lies, muss eine Lösung für die Außenverteidigerpositionen gefunden werden. Während in der Mitte Mats Hummels und Per Mertesacker mittlerweile gut eingespielt sind, muss an den Enden der Abwehrkette etwas improvisiert werden: Jérôme Boateng könnte nach außen rücken, Erik Durm erste Turniererfahrung sammeln oder der wiedererstarkte Benedikt Höwedes auflaufen. Dass dieses wenig eingespielte Ensemble harmoniert, ist die Basis für deutsche Titelträume.

Denn Löw hat unlängst eine kompakte Defensive als Erfolgsrezept für diese WM ausgemacht. Um im kräftezehrenden Klima Brasiliens bestehen zu können, muss sich die Abwehrformation finden - und ein neues Verständnis durchsetzen, wie Löw fordert.

Löws Kommando Spezialkräfte

Christoph Kramer beim Training der DFB-Elf in Santo Andre (Foto: Marcus Brandt/dpa)

Christoph Kramer: Der Profi von Borussia Mönchengladbach ist einer dieser starken Einwechselspieler

"Wir haben keine Stammelf. Wir haben 23 WM-Teilnehmer hier, die immer in größter Alarmbereitschaft sein müssen", so Löw, der zwar wie eh und je mit elf Spielern beginnen muss, angesichts der ermüdenden Bedingungen aber stark auf die Einwechselspieler setzt. "Im Zweifelsfall machen diese Spieler den Unterschied. Das sind Spezialkräfte, die den Gegner empfindlich treffen können." Natürlich haben solche Aussagen auch noch eine zweite Dimension: Sie sollen auf der Bank schmorende Spieler besänftigen. Denn während Philipp Lahm beteuerte, dass er niemandem den Platz wegnehme, könnte durchaus Leitwolf Bastian Schweinsteiger der Leittragende der Rochade sein.

Typisch deutsch ist übrigens die Akribie, mit der der DFB-Stab in der WM-Vorbereitung vorging. Der Rasen des neu gebauten Trainingsplatzes im

Teamquartier in Santo André

soll der gleiche sein wie der im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro. "Der Rasen hat 22 Millimeter Länge, das ist genau die Gleiche wie in allen Stadien. Der

Trainingsplatz

ist in Nord-Südrichtung ausgerichtet, wie alle Stadien in Brasilien. Das hat etwas mit der Sonneneinstrahlung zu tun", sagt Löw und man sieht es ihm an, wie sehr er sich über diese Perfektion im Detail freut.

Löw ist lernfähig

Etwas entscheidender für den Erfolg ist aber ein offensichtliches Umdenken bei Joachim Löw: Standards sind nicht länger nutzlose Spielsituationen. Lange eine echte Schwäche der Nationalelf und ganz offensichtlich im Training sträflich vernachlässigt, nimmt der Bundestrainer das Potenzial des ruhenden Balls wieder wahr. "Die Standards haben schon Gewicht. Wir haben uns diesmal schon intensiver damit beschäftigt", deutet Löw an und lässt durchblicken, dass sowohl im Trainingslager als auch in Brasilien Standard-Varianten trainiert wurden.

Auch wenn es noch das eine oder andere Fragezeichen gibt, die DFB-Elf hat an ihren Schwächen gearbeitet, wirkt bereit und fokussiert. "Wir werden alles in die Waagschale werfen", verspricht

André Schürrle.

Das dürfte das Mindeste sein, was die Öffentlichkeit in Deutschland vom Team erwartet. Von Joachim Löw erwartet sie noch etwas mehr. Trotz seines Vertrages bis 2016 - Brasilien dürfte seine letzte Chance sein.

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