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Kultur

Mehr als nur ein Laden

In Deutschland boomen die Secondhand-Läden. Dort einzukaufen ist nicht nur günstig, sondern oft auch einfach ein bisschen netter und gemütlicher. Für eine Frau in Köln wurde das Geschäft mit dem Alten zu einem Neuanfang.

Ein vollgestopftes Wandregal (Foto: Olga Kapustina)

Rita Weingarten steht samstags immer früh auf. Um acht Uhr ist die 57-jährige Rentnerin bereits auf den Beinen und stellt Kisten und Kleiderständer mit gebrauchten Sachen auf den Bürgersteig vor ihrem Haus. Die Sachen haben ihr Freunde und Verwandte geschenkt. Rita Weingarten verkauft sie - nicht weil sie muss, sondern weil es ihr Spaß macht. Ihre drei Kinder sind bereits erwachsen, ihr Mann ist vor ein paar Jahren gestorben. Es ist niemand mehr da, um den sie sich kümmern müsste. Was tun? Rita Weingarten fand die Lösung: Sie eröffnete ihren eigenen Laden.

Fundgrube und Treffpunkt

Bürgersteig vor dem Laden, auf dem Kisten und Kleiderständer mit gebrauchten Sachen stehen (Foto: Olga Kapustina)

Für Liebhaber alter Sachen: Jeden Samstag verwandelt sich der Bürgersteig in eine Fundgrube ...

Ihr schmales gelbes Haus steht in einer Seitenstraße in Köln. Jeden Samstag verwandelt sich das Erdgeschoß in einen Secondhand-Laden. Im Raum riecht es muffig. In der Mitte steht ein Tisch, auf dem alte Krimi-Hefte liegen, über dem Tisch hängt eine Kinderklapper, in den Schuhschrank hat sich ein mechanischer Fleischwolf verirrt, auf dem Wandregal ruhen ein paar alte Koffer.

Ein junger Mann mit langen Haaren und Hornbrille kommt herein und schaut sich um. "Man muss sehr viel Zeit mitbringen, um hier wirklich das zu finden, was man sucht. Aber es ist bestimmt etwas dabei", sagt er, während er in der alten Kleidung wühlt. Er sucht eine Jacke für seine Freundin.

Rita Weingarten (Foto: Olga Kapustina)

Rita Weingarten

Währenddessen hat ein anderer Kunde das Richtige für sich bereits gefunden - ein altes Computerkabel. Der grauhaarige Mann zieht es aus der Kiste und fragt die Verkäuferin in gebrochenem Deutsch, wie viel es kostet. Ein Euro fünfzig, sagt Rita Weingarten. Der Mann feilscht und sie einigen sich auf einen Euro. Der Kunde packt das Kabel in seine Tasche und erzählt, dass er aus Sri Lanka komme, dass dort ein Krieg herrsche und dass er sein Zuhause vermisse. Rita Weingarten findet ein paar unterstützende Worte, dann verabschieden sie sich und wünschen einander ein schönes Wochenende.

Hobby mit großem Aufwand

In Deutschland gibt es mehr als 10.000 Secondhand-Läden. Das Geschäft geht gut, die meisten Kunden kommen wegen der günstigen Preise. Doch auch Nachhaltigkeit spielt laut Secondhand-Verband eine immer größere Rolle. Rita Weingarten kann das nachvollziehen - auch sie schmeißt nicht gern Dinge weg. Dann verkauft sie sie lieber, auch wenn sie damit nur sehr wenig verdient: im Schnitt 20-30 Euro pro Arbeitstag.

Das Haus von Rita Weingarten(Foto: Olga Kapustina)

Unter der Woche ein ganz gewöhnliches Haus

Aber darauf kommt es ihr auch nicht an. Leben muss sie von dem Geld nicht, da kann sie es sich auch mal leisten, Dinge zu verschenken. Viele der Menschen in ihrem Bezirk sind arbeitslos, es komme öfters mal vor, dass jemand vorbeischaue und einfach nach ein paar Socken frage, erzählt sie. "Dann schenke ich denen ein paar Socken. Sie kriegen ein Tütchen voll."

Trotz des bescheidenen Gewinns muss Weingarten ein Mal im Jahr eine Steuererklärung machen. In ihrem Kassenbuch schreibt sie sorgfältig auf, was sie verkauft hat. Das sei nicht immer ganz einfach, sagt sie, am Anfang habe sie viele Dinge falsch gemacht. Doch jetzt wüsste sie, worauf es ankäme. Und auch wenn es viel Arbeit sei, der Aufwand lohne sich. "Es ist mein Hobby. Ob ich 70 Cent oder drei Euro für ein Teil bekomme, ist mir eigentlich egal. Das ist einfach der Spaß, immer wieder neue Menschen kennenzulernen".

Autorin: Olga Kapustina
Redaktion: Petra Lambeck

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