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Europa

Medien in der Krise

In Griechenland zieht die schwere Schuldenkrise auch die Medien in Mitleidenschaft. Traditionsreiche Zeitungen müssen schließen und Fernsehsender kürzen die Gehälter ihrer Mitarbeiter.

Zeitungsstand in Griechenland (Foto: DW)

Keine guten Nachrichten für griechische Zeitungen

Nach 15 Jahren als Journalistin steht Valia Kaimaki vor einem Scherbenhaufen: Ihrem langjährigen Arbeitgeber, der angesehenen Athener Tageszeitung "Eleftherotypia", droht das Aus. Die Mitarbeiter streiken, weil die Redakteure seit August 2011 keine Gehälter mehr ausgezahlt bekommen. Seit Ende Dezember ist die Zeitung nicht mehr erschienen. Die Belegschaft hat nur noch ein Streikblatt drucken lassen, mit dem sie auf ihr Anliegen aufmerksam macht. Zwar signalisieren potentielle Investoren Kaufinteresse, aber der Verlag hat einen Insolvenzantrag gestellt, weil er zahlungsunfähig ist.

Dabei galt "Eleftherotypia" seit ihrer Gründung im Jahr 1975 als liberales Vorzeigeblatt; Zehntausende Leser und finanzkräftige Anzeigenkunden hielten ihr die Treue. Doch das Zeitungsmanagement habe versagt und jahrelang nur Misswirtschaft und Klientelpolitik betrieben, klagt Valia Kaimaki.

Griechische Journalistin Valia Kaimaki (Copyright: DW/Jannis Papadimitriou)

Die griechische Journalistin Valia Kaimaki

"Gleich nach meiner Einstellung wurde mir vertrauensvoll erklärt, dass diese Zeitung praktisch wie ein Staatsunternehmen funktioniert", erinnert sich die Journalistin. "Und das hieß im Klartext: Verwandte und Freunde bekamen hier Jobs ohne Rücksicht auf ihre Qualifikation." So habe sich eine kleine Clique gebildet, die extrem gut verdiente; Gehälter bis zu 30.000 Euro im Monat seien kein Einzelfall gewesen.

Grassierende Vetternwirtschaft

Valia Kaimaki, die in Frankreich studiert hat, kam 1998 zu "Eleftherotypia" und machte sich einen Namen als Auslandsredakteurin und Chefin vom Dienst bei der griechischen Ausgabe von "Le Monde Diplomatique". Sie erlebte das goldene Medienzeitalter Griechenlands: Die Medienbosse des Landes, aber auch unbekannte Möchtegern-Verleger, besorgten sich Geld an der Börse oder über billige Bankkredite und bauten ihre eigenen Sender auf. Dadurch bekamen Tausende Journalisten Lohn und Brot, viele von ihnen allerdings nur als billige und austauschbare Arbeitskräfte.

"Es war eine Blase, die irgendwann platzen musste", erkennt Kaimaki heute. Die Medien hätten keine demokratische Kontrolle mehr ausgeübt, sondern mit Politik und Wirtschaft unter einer Decke gesteckt - und die Journalisten hätten nicht protestiert. "Im Grunde genommen waren die meisten doch froh, überhaupt einen Job zu haben", meint die ehemalige Redakteurin.

Abhängigkeit vom Staat

Protest der Journalisten in Athen (Foto:Petros Giannakouris/AP/dapd)

"Es war eine Blase, die irgendwann platzen musste" - Journalisten-Proteste in Athen

Der Einfluss des Staates und mächtiger Unternehmen sei das Grundübel des griechischen Journalismus, sagt der Ökonom und Wirtschaftsredakteur Athanassios Papandropoulos, Vorsitzender der griechischen Landesgruppe der Europäischen Journalistenvereinigung (AEJ). Sämtliche Verleger und Journalisten des Landes würden ihre gesellschaftliche Kritik- und Kontrollfunktion vernachlässigen oder sogar leugnen, um Staatsunternehmen nicht als Anzeigenkunden zu verlieren.

"Die Medien sind zum großen Teil vom Staat abhängig, weil der traditionell über 50 Prozent des Anzeigenmarktes kontrolliert", so Papandropoulos. Vor allem die Regionalpresse hänge am Tropf staatlicher Werbung, obwohl der griechische Rechnungshof das wiederholt gerügt habe. Zudem würden viele Journalisten nebenher in Staatsunternehmen oder Banken arbeiten, etwa in der Presseabteilung oder als nicht näher definierte Berater. "Da wundert es mich nicht, dass sie über Korruption oder Geldverschwendung des Staates oft nur oberflächlich und distanziert berichten", klagt der Wirtschaftsredakteur. "Ins Detail will da niemand gehen."

Die Krise als Chance

Athanassios Papandropoulos (Foto: DW/Jannis Papadimitriou)

Wirtschaftsredakteur Athanassios Papandropoulos

In der Vergangenheit hat Vater Staat auch die Rentenkassen der Journalisten großzügig subventioniert. Aber der Altersversicherung drohen Milliardenverluste - nicht nur infolge der Krise, sondern auch, weil Gewerkschaften und Rentenkassen der Presse sich mit Staatsanleihen verspekuliert haben. Wenn das chronisch defizitäre Rentensystem nicht zügig reformiert wird, müssen die jetzigen Journalisten im Alter mit einer spärlichen Rente in Höhe von rund 180 Euro im Monat auskommen. Das hat Papandropoulos berechnen lassen.

Unter der Krise leidet die journalistische Qualität. "Wir müssen heute mit einer Armee unqualifizierter und gering entlohnter Schreibkräfte auskommen, die krisenbedingt ihren Job verloren haben und nur noch ums Überleben kämpfen", klagt der Ökonom. Viele dieser Menschen würden Journalismus nur noch als Unterhaltung verstehen und es auch mit der Unabhängigkeit der Presse nicht so genau nehmen. Gleichzeitig ist Papandropoulos aber auch optimistisch: Er hofft, dass seriöse Medienunternehmen aus der Krise gestärkt hervorgehen und den notwendigen Qualitätssprung schaffen. "Insofern würde die heutige Misere auch ein Stück Marktbereinigung mit sich bringen - allerdings leider erst in zehn oder fünfzehn Jahren."

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