1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Griechenlands neue Unternehmer

Weil es wenige Jobs gibt, machen sich viele Griechen selbstständig. Doch wegen der Rezession sind die Aufträge knapp. Wer dann einen Auftrag bekommt, muss unter Umständen lange warten, bis er vom Kunden bezahlt wird.

Giorgos Tsonis , Grieche aus Athen der sich mitten in der Krise selbstständig gemacht hat (Foto: DW/ Jannis Papadimitriou)

Giorgos Tsonis

Giorgos Tsonis kämpft um sein berufliches Überleben. Im Jahr 2009 machte sich der studierte Maschinenbau-Ingenieur selbstständig, nachdem er seinen Führungsposten bei der Tochterfirma eines US-Unternehmens für Klimatechnik verloren hatte. Dem zweifachen Familienvater blieb keine andere Wahl übrig, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Zusammen mit einem Finanzierungspartner gründete Tsonis mitten in der Krise eine eigene Firma für Heiztechnik und Klimatechnologie.

Der 49-Jährige bietet alles aus einer Hand: Er importiert seine Produkte selbst aus Japan und den USA, entwickelt individuelle Lösungen für interessierte Unternehmer, Klempner und Hausbesitzer und hilft schon mal bei der Instandsetzung. Ein 12-Stunden-Arbeitstag sei für ihn ganz selbstverständlich – sogar am Samstag, sagt Tsonis. Trotzdem läuft das Geschäft nicht so gut, wie er sich das vorgestellt hatte.

Schlechte Zahlungsmoral

Vor dem Schein einer Flamme ist eine zersägte Euro-Münze aus Griechenland zu sehen (Foto: Boris Roessler dpa/lhe)

Nicht nur der Staat - auch viele Unternehmer sind in Griechenland zahlungsunfähig

"Unsere Zielgruppe sind alle, die im Bauwesen tätig sind. Doch das Baugewerbe rutscht immer tiefer in die Rezession", klagt der Neu-Unternehmer. Seit 2010 sei der Markt für Heiz- und Klimatechnik in Griechenland um 40 Prozent zurückgegangen. "Natürlich haben wir uns schon im Voraus gefragt, ob das wirklich der richtige Zeitpunkt für eine Firmengründung ist. Aber damals konnte niemand in Griechenland das heutige Ausmaß und Tempo der Rezession voraussehen", erinnert sich Tsonis.

Krisenbedingt mussten die Firmengründer ihren Geschäftsplan ändern. Sie haben nicht, wie ursprünglich vorgesehen, vier sondern nur einen einzigen Mitarbeiter eingestellt. Ein Finanzwirt hat die Buchhaltung in freier Mitarbeit übernommen. Die Miete für ihre Geschäftsräume konnten die beiden neu verhandeln. Aber das größte Problem bleibe bis heute ungelöst, seufzt Tsonis:

"Die Zahlungsmoral vieler Kunden hat sich verschlechtert und das ist für uns ein unglaubliches Hindernis", meint der Existenzgründer. Wenn seine Firma Waren im Ausland bestellt, könne er sich überhaupt keine Zahlungsverzögerung leisten, da die ausländischen Lieferanten zu ihrer Sicherheit Bankgarantien verlangen würden. "Aber wenn diese Waren in Griechenland weiterverkauft werden, ist es mittlerweile völlig normal, dass Kunden Zahlungsfristen nicht einhalten oder ungedeckte Schecks ausstellen." Dagegen könne man nicht viel unternehmen. "Der Markt ist hart umkämpft. Wenn du mit jemandem seit 20 Jahren Geschäfte machst und der hat jetzt kein Geld, dann lässt du ihn nicht sofort wegen eines ungedeckten Schecks fallen oder anzeigen, so sind halt die Gepflogenheiten", meint Tsonis.

Auch ohne Vetternwirtschaft

Filia Minadaki aus Athen hat sich mitten in der Krise selbstständig gemacht (Foto: DW/ Jannis Papadimitriou)

Filía Milidáki berät Tourismusbetriebe

Trotzdem will der Unternehmer weiterkämpfen. Immerhin habe er einen erfahrenen Finanzierungspartner gefunden und sei nicht auf Bankkredite angewiesen. Außerdem gebe es für ihn sowieso keine Alternative zur Firmengründung.

Auch Filía Milidáki wagte den Schritt in die Selbständigkeit. Die alleinerziehende Mutter hat in Frankreich Psychologie studiert und war in den 1990er Jahren in der Marktforschung tätig. Nebenbei sammelte sie schon damals erste Erfahrungen als freie Kundenberaterin und Projektmanagerin für Kleinbetriebe in Athen. Nach einer langen Mutterschaftspause gründete sie ein eigenes Beratungs-Büro für Firmen auf der Insel Syros. Ihr Schwerpunkt liegt in der Vermittlung von EU-Finanzierungsprogrammen für Kleinunternehmer und Tourismusbetriebe in der Ägäis. Dabei muss sie nicht nur mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Zahlungsverzögerungen, sondern auch mit tief verwurzelten Mentalitätsproblemen kämpfen, meint Milidáki.

"Ich bemühe mich, die Leute zu überzeugen, dass sie keine Verwandten im zuständigen Ministerium haben müssen, um EU-Gelder zu bekommen", sagt die Firmenberaterin lächelnd. "Aber die meisten Menschen stellen sich das anders vor oder wollen einfach nicht die Initiative zur Firmengründung ergreifen." Dabei gebe es genug Möglichkeiten, EU-Subventionen zu beziehen. Man müsse dafür aber ein schlüssiges Konzept vorlegen, erklärt die 40-jährige Akademikerin.

Krise als Chance

Die Rezession betrachtet Filía Milidáki mit gemischten Gefühlen. Einerseits zeigen mehr Kleinunternehmer zumindest Interesse an alternativen Finanzierungsmöglichkeiten. Andererseits beklagt auch sie die Zahlungsmoral ihrer Kunden in Krisenzeiten.

Luftbild einer Bucht in Kreta, Griechenland (Foto: DW)

Die Tourismusbranche bietet Chancen für Selbstständige

Viele Kunden würden die Beraterhonorare nach unten drücken oder verspätet zahlen wollen.. Das sei natürlich nicht gut für ihre Geschäftslage, sagt die studierte Psychologin. "Es gibt auch Kunden, mit denen man über eine lange Zeit sehr gut zusammenarbeiten konnte, die aber auf einmal trotzdem wegfallen, weil sie Schulden angehäuft haben oder weil ein wichtiger Geschäftspartner insolvent ist."

Der Beraterjob lebt von der Kontaktpflege und verlangt ständig ein Höchstmaß an Leistung und Einsatz. Filía Milidáki lebt aus dem Koffer. Sie ist immer unterwegs zum Kunden und hat kaum Zeit für ein Privatleben. Doch ein Job als Angestellte käme für sie nicht in Frage, allein schon aus wirtschaftlichen Gründen. "Auf der Insel Syros werden Hochqualifizierte schon mit 700 Euro Brutto im Monat abgespeist. Mit diesem Gehalt kommt man in Griechenland als Alleinerziehende nicht über die Runden."

Die Redaktion empfiehlt