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Europa

Arbeitslos, aber erfolgreich im Internet

Kostas Binis und Antonis Goussis gehörten zu den Besten der griechischen Werbeszene, doch dann verloren sie krisenbedingt ihren Job. Heute produzieren sie die erfolgreichste Web-TV-Serie in Griechenland.

Rasante Dialoge, kantige Sprüche, Streit am Konferenztisch. "Sad Men" orientiert sich in Stil und Erzählweise strikt an der erfolgreichen Vorlage, die US-amerikanische TV-Serie "Mad Men". Allerdings mit einem Unterschied: Während die US-Serie ein detailgenaues Sittengemälde der 60er Jahre ist und Frauen nur als Sekretärinnen oder Hausfrauen zeigt, hauen die Athener Werbefrauen bei "Sad Men", wo die griechische Weerbewirtschaft parodiert wird, auch mal kräftig auf den Tisch. Heutzutage hätten Frauen ja ohnehin die Oberhand in der Werbewirtschaft, finden die Macher von "Sad Men".

Die Idee für eine Web-Serie kam den beiden spontan, nachdem sie ihren Job bei einer griechischen Tochterfirma der französischen Werbeagentur "Leo Burnett" verloren hatten. Das in Griechenland angesehene Unternehmen musste Konkurs anmelden. Es war der vorläufige Höhepunkt einer noch nie da gewesenen Krise im griechischen Werbemarkt, meint Art Director Antonis Goussis.

Arbeitslos über Nacht

Kostas Binis und Antonis Goussis, Produzenten der Web TV Serie Sad Man, sitzen nebeneinander im Büro und unterhalten sich (Foto: DW/Jannis Papadimitriou) 26.03.2012, Athen

Kostas Binis und Antonis Goussis, Produzenten der Web-TV-Serie "Sad Men"

"Schon vor zwei oder zweieinhalb Jahren konnte man eigentlich absehen, das es bergab geht: Damals hatten die Leute kein Geld für Konsum übrig, deswegen wurden bei uns immer mehr Werbebudgets gestrichen oder stark eingeschränkt", erinnert sich Goussis. Und heute sei auf dem Markt erst recht 'tote Hose'. Kleinere Werbeagenturen seien pleitegegangen, mittelgroße Firmen, die früher vielleicht dreißig Leute unter Vertrag hatten, müssten heute mit zehn auskommen, da die Auftragsbücher leer seien.

Die US-Serie "Mad Men", die den beiden Machern als Vorlage diente, wurde in Griechenland erstmals 2009 auf dem Privatsender "Alter TV" ausgestrahlt. Von einer "Hommage an die Werbeszene" war damals die Rede. Doch ausgerechnet "Alter TV" häufte in den nächsten Jahren immer größere Schulden gegenüber seinen Werbepartnern an. Im Jahr 2011 kam das Aus - sowohl für den Sender, der seine Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen konnte, als auch für Werbeagenturen, die um ihr Geld gebracht wurden. Dadurch haben viele Menschen ihre Arbeit verloren. Es  ging unglaublich schnell, erinnert sich der Werbetexter Kostas Binis.

Kostas Binis sitzt an einem Konferenztissch (Foto: Copyright: DW/Jannis Papadimitriou)

Kostas Binis

"Stell dir vor, du gehst morgen früh um acht Uhr arbeiten und schon um zwölf bist du arbeitslos. Oder du gehst morgen früh arbeiten und der Chef hat die Firma geschlossen, weil er pleite ist. Da stehst du also plötzlich vor verschlossener Tür und weißt nicht, wie es weitergeht", sagt Binis. Er kenne viele Menschen, die Ähnliches erlebt haben. So etwas sei früher in Griechenland gar nicht möglich gewesen, klagt der Werbetexter.

Besserung nicht in Sicht

Die Branche verzeichnet einen Einnahmerückgang von über 30 Prozent im Vergleich zu 2009. Dabei leide die griechische Werbewirtschaft unter einer doppelten Krise, klagt Kostas Binis. Zuerst habe die internationale Finanzkrise Spuren hinterlassen, da Kunden aus dem Ausland ihren Werbeetat einschränken müssten. Dazu sei wenig später die griechische Schuldenkrise gekommen, womit weitere Auftraggeber wegfielen. Nun drohe weiteres Unheil: "So manche Werbeagenturen verlegen ihren südosteuropäischen Standort von Athen nach Sofia oder sonstwohin", klagt Binis.

Not macht erfinderisch

Antonis Goussis sitzt an einem Konferenztisch und lacht (Foto: DW/Jannis Papadimitriou)

Antonis Goussis

In dieser scheinbar ausweglosen Situation entstand die Idee zu einer Web-Serie, die das Werbebusiness aufs Korn nimmt. Kostas Binis und Antonis Goussis wollten nicht nur ihrem Ärger über das gerade Erlebte Luft machen, sondern auch auf ihre Kreativarbeit aufmerksam machen, in der Hoffnung, dass sie Auftraggeber und Förderer für die Zukunft gewinnen. Gemeinsam haben die beiden das Drehbuch für die ersten 15 Folgen geschrieben und die Produktion selbst übernommen. Sie mussten die ersten Dreharbeiten aus ihren eigenen Ersparnissen finanzieren und deswegen war es für die beiden immer wichtig, ihre Kosten niedrig zu halten, erklärt Art Director Antonis Goussis.

"Die Schauspieler haben bis heute noch kein Geld bekommen und auch unsere Webseite haben wir selbst erstellt", sagt Goussis. Er sei überglücklich, dass befreundete Werbefachleute ihre Räume nach Feierabend für die Dreharbeiten ohne Entgelt zur Verfügung stellen. Auch so manche prominente Darsteller habe man dafür gewonnen, in einer Folge mitzuspielen. Auf der anderen Seite müsse man natürlich für Kamerateam, Ausrüstung und Schnitt Marktpreise zahlen und das schlage schon ordentlich zu Buche.

Angesichts dieser Sachlage kommt die Produktion nur langsam voran. Doch immerhin sorgten die bereits gedrehten fünf Folgen für Aufmerksamkeit und enthusiastische Berichterstattung in griechischen Medien. Demnächst soll die Serie über den größten Web-TV-Anbieter des Landes abrufbar sein und auch ein potenter Sponsor hat sich erstmals bei den jungen Kreativen gemeldet: Eine deutsche Elektrohandelskette will zunächst die Kosten für die sechste und siebte Folge von "Sad Men" übernehmen. Fortsetzung möglich.