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Deutschland

Mazyek: "Der 'Islamische Staat' ist ein Pakt von Kriminellen"

Für Aiman Mazyek, den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, ist der "Islamische Staat" eine Mafiaorganisation. Von religiösen Argumenten ließen sich die Dschihadisten nicht beeindrucken.

Deutsche Welle: Herr Mazyek, erlauben Sie mir, Ihnen zu Anfang eine persönliche Frage zu stellen: Was empfinden Sie angesichts der Nachrichten aus Syrien und dem Irak?

Aiman Mazyek: Traurigkeit, Bestürzung, auch Niedergeschlagenheit. Denn die Menschen dort sind im sogenannten Arabischen Frühling für Menschenrechte und Demokratie auf die Straße gegangen. Sie wollten ein besseres Leben haben. Und jetzt sehen wir, dass die Kräfte des alten Regimes die Menschen zunächst einmal unterdrückten, drangsalierten und töteten. Und weil dort ein Vakuum entstand, keine Ordnungsmacht mehr präsent war, sich Terrorgruppen und -banden breitmachten und diesen Nährboden nutzten. Es ist also eine Art doppelte Strafe. Nicht nur, dass sich das Streben nach den genannten Werten nicht erfüllte. Sondern dass es jetzt fast noch schlimmer ist.

Die Terroristen des "Islamischen Staats" geben an, im Namen des Islam zu agieren. Was sagen Sie zu dieser Behauptung?

Aiman A. Mazyek Podiumsdiskussion Judisches Museum Berlin

Mazyek: "Ich bin traurig und bestürzt"

Es gab immer das Phänomen und diese Unkultur von Söldnern, dass sie aus Mordlust und Machtgeilheit und niederen Motiven - Raub, Menschenhandel und anderem - in den Krieg ziehen. Der Dschihad - der Begriff bedeutet ja ursprünglich: "sich anstrengen auf dem Wege Gottes" - wurde von diesen Gruppen gekidnappt und gewissermaßen als eine moderne Form des Söldnertums eingesetzt. Das Assad-Regime hat im Zuge der Kollaboration mit dem "Islamischen Staat" Verbrecher freigelassen, und die haben sich der Bewegung angeschlossen. Es ist ein Pakt von Kriminellen - insbesondere die Führung. Und die sieht ganz genau, dass junge Menschen ohne Perspektive sich durch Geld oder andere Dinge locken lassen. Letztlich handelt es sich um eine Mafiaorganisation, in deren Umfeld viel Geld verdient wird.

Der "Islamische Staat" zieht viele Jugendliche an, und zwar aus vielen Teilen der Welt - auch aus Europa, auch aus Deutschland. Was treibt diese jungen Menschen in die Arme der Terroristen?

Unzufriedenheit, Frustration, Diskriminierungserfahrungen. Diese jungen Menschen kommen ja meistens aus zerrütteten Familien - übrigens nicht religiösen Familien - und meinen, das Heil in solchem Korpsgeist zu finden. Dort gibt es eine Dialektik von "ihr" und "wir", den Guten und den Bösen. Das ist eine sehr einfache Weltsicht. Auch das sind keine religiösen oder muslimischen Phänomene. Dergleichen fand und findet sich auch in anderen Zeiten, dass junge Menschen meinen, sich aus der Gesellschaft zu verabschieden und einen Kick zu erfahren. Das erleben wir derzeit auch bei diesen jungen Leuten. Die Zuschreibung, das ständig mit der Religion in Verbindung zu bringen, ist auch ein Ergebnis des Diskurses in den Medien. Das führt dann bisweilen zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Diese Phänomene müssen wir vor allem sozioökonomisch und psychologisch beschreiben. Damit haben wir ein analytisches Rüstzeug, um das Phänomen wirklich zu bekämpfen. Doch stattdessen bringen wir ständig die Religion ins Spiel. Das ist ein Fehler, denn damit tun wir sehr vielen Menschen muslimischen Glaubens Unrecht. Gleichzeitig werden wir des Phänomens nicht Herr.

Was tun Sie vom Zentralrat der Muslime denn gegen diese Entwicklung?

Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Die Zunahme der Übergriffe auf Muslime, etwa die Brandsätze, sind die eine Sache. Das ist schlimm genug. Gleichzeit ist es unsere Aufgabe, deutlich zu machen, dass wir die Auffassung, der "Islamische Staat" habe irgendetwas mit Religion zu tun, klar von uns weisen. Nicht nur in Distanzierungsorgien, sondern ganz fundiert. Wir haben zum Beispiel eine Erklärung zur Vertreibung von Minderheiten herausgegeben. Wir erklären nicht nur, wie der Islam dazu steht und dass er das in aller Deutlichkeit verurteilt. Sondern dass sich der Prophet als Fürsprecher gegen diejenigen Muslime beschrieb, die meinen, andere Minderheiten unterdrücken zu können.

In Großbritannien haben muslimische Autoritäten eine Fatwa gegen den "Islamischen Staat" ausgesprochen. Was kann diese bewirken? Die Terroristen des IS werden sich davon vermutlich nicht sonderlich beeindrucken lassen.

In der Tat, diese Leute lassen sich von dieser Fatwa nicht beeindrucken. Es ist übrigens nicht eine traditionelle Meinung, sondern die der absoluten Mehrheit der Muslime. Sie verachten und verurteilen das und distanzieren sich auch ganz klar davon. Vielleicht kann man mit diesem theologischen Rüstzeug den einen oder anderen, der vielleicht auf der Kippe steht oder Zweifel hat oder insgeheim mit dem IS vielleicht sympathisiert, ganz klar einen Riegel vorschieben. Man muss diesen Leuten klar zu verstehen geben, dass sie wirklich auf einem völlig falschen und schrecklichen Weg sind, wenn sie glauben, ein solches Verhalten fände in ihrer Religion eine Legitimation. Insofern kann diese Fatwa eine starke Wirkung haben. Zweifler wird man mit dieser Fatwa also erreichen können. Die Protagonisten selbst lassen sich davon nicht beeindrucken.

Aiman A. Mazyek ist Vorsitzender des

Zentralrats der Muslime in Deutschland

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Das Interview führte Kersten Knipp.

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