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Welt

Martti Ahtisaari: "Vertrauen entsteht durch Gerechtigkeit"

Finnlands Ex-Präsident Martti Ahtisaari ist der wohl gefragteste Friedensvermittler der Welt. Im Interview spricht er über Rechtsstaatlichkeit, sein Verhältnis zu Nelson Mandela und den Nachteil des Friedensnobelpreises.

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Auch im Ruhestand noch aktiv: Martti Ahtisaari

DW-WORLD.DE: Herr Ahtisaari, mal angenommen, Bruder und Schwester bauen gemeinsam ein Haus und ziehen ein, um dort zu leben. Doch schon bald gibt es Streit. Jede Seite beschuldigt die andere, die vorher getroffenen Abmachungen nicht einzuhalten. Außerdem sind die Parteien sich uneins, wie diese Abmachungen lauteten. Nun sollen Sie in diesem Konflikt vermitteln. Was können Sie tun?

Martti Ahtisaari: Als erstes möchte ich überprüfen, ob die Parteien überhaupt eine Einigung wollen. Denn wenn sie eigentlich gar kein Interesse an einer friedlichen Lösung des Konfliktes haben, macht es keinen Sinn, dass ich meine Zeit verschwende. Also ist das wohl das erste, was ich herausfinden muss, bevor ich mich überhaupt verpflichte, ganz gleich, ob es ein großer Konflikt ist oder ein kleiner.

Als Sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden, begrüßte das nicht jeder. Es gab Kritik aus Russland und Serbien, wo Sie als Vermittler beschuldigt werden, bei den Kosovo-Verhandlungen parteilich gewesen zu sein. Was lehrt uns das über die Herausforderungen der Friedensvermittlung?

Martti Ahtisaari in Berlin Frank-Walter Steinmeier

Ahtisaari in seiner Funktion als UN-Sondergesandte im Kosovo bei einem Treffen mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier 2006 in Berlin

Zuallererst zeigt es, dass nicht alle Länder der Welt dieselben Werte teilen. Denn teilten wir dieselben Werte, sollte es überhaupt keine Diskussion geben über den Ausgang der Verhandlungen. Für mich ist es sehr wichtig, als Europäer zu schauen, was richtig ist - und nicht, was politisch bequem ist oder was Dritte gern möchten. Im Fall Kosovo war ganz klar, dass es keine andere Lösung gab als die, die ich vorgeschlagen habe und die von allen Mitgliedern der Balkan-Kontaktgruppe unterstützt wurde, bis auf Russland.

Auf DW-WORLD.DE nennen wir drei Säulen des Friedens: Wahrheit, Gerechtigkeit und Vertrauen. Würden Sie dieser Liste etwas hinzufügen?

Gerechtigkeit im Sinne von Rechtsstaatlichkeit ist einer der Grundpfeiler jeder friedlichen Gesellschaft. Denn wenn sie Menschen auf der ganzen Welt fragen, was sie am meisten wollen, ist es, dass sie von der Polizei und dem Rechtssystem anständig behandelt werden. Wenn Wahrheit Aussöhnung bedeutet, habe ich dem nichts hinzuzufügen. Und Vertrauen, das entsteht nicht sofort. Vertrauen entsteht, wenn die Menschen merken, dass sie trotz der Vergangenheit gerecht behandelt werden und sie sich auf das Regierungssystem ihres Landes verlassen können. Ich denke, dies sind gute Maßstäbe für den Frieden.

Bei einer anderen Gelegenheit haben Sie auch die Vergebung genannt...

Das ist Teil des Aussöhnungsprozesses. Ich habe oft gesagt, dass ich auf dem Balkan die sanftmütigen Männer und Frauen Afrikas vermisst habe. Denn ich war immer wieder überrascht, wie versöhnlich sie sein können. Die Person, die das verkörpert, ist wohl Südafrikas Ex-Präsident Nelson Mandela. Denn nach 27 Jahren im Gefängnis trug er keine Bitternis in seinem Herzen. Ich denke, es ist fast ein Wunder, dass so etwas passieren kann.

Sehen Sie Nelson Mandela eher als Vorbild oder als einen Freund?

Nelson Mandela 90. Geburtstag

Er steht für Versöhnung: Nelson Mandela

Ich denke, er ist ein Vorbild. Ich kann nicht behaupten, er wäre ein Freund. Er ist jemand, den ich bewundere. Es gibt nicht allzu viele Menschen auf der Welt, die ich wirklich bewundere. Ich weiß noch, wie ich meinem eigenen Sohn und jungen Leuten kürzlich gesagt habe: Glaubt nicht an Autoritäten! Lernt selbst nachzudenken! Und versucht, herauszufinden, wo die Wahrheit liegt in der Frage, die ihr diskutiert! Aber im Falle von Nelson Mandela denke ich, sein Leben ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie ein Mensch trotz aller schlechten Behandlung ein offenes Herz behalten kann.

Die internationale Gemeinschaft ist daran gescheitert, den Völkermord in Ruanda vor 15 Jahren zu verhindern. Damals haben wir uns gesagt: nie wieder. Heute gibt es Stimmen, die sagen, wir versagen erneut in Darfur. Sind die bestehenden Institutionen wie die Vereinten Nationen der Aufgabe nicht gewachsen?

Ich denke, die Institutionen sind der Aufgabe gewachsen. Aber ob die Mitgliedsstaaten es sind, ist eine andere Frage. Dank der modernen Kommunikationsmöglichkeiten wissen wir sofort, wenn in der Welt etwas schief läuft. Diese Informations-Revolution hat einen positiven Druck verursacht. Und ich denke, es liegt an jenen, die sich Gehör verschaffen können, wie mir selbst, Aufmerksamkeit zu erzeugen und zu sagen: Schaut her, wir dürfen so was nicht geschehen lassen; wir müssen einschreiten.

Beide Konflikte, die ich eben erwähnte, fanden oder finden in Afrika statt. Fast scheint es, als seien bewaffnete Auseinandersetzungen auf diesem Kontinent eher die Regel als die Ausnahme. Warum?

Völkermord Friedhof Ruanda

Die internationale Gemeinschaft hat den Völkermord in Ruanda nicht verhindert

Weil es die ärmste Region der Welt ist. Ich denke, das zeigt uns, wie wichtig der Kampf gegen die Armut ist. Wenn die Menschen ihr Leben in guter Ordnung haben, können sie ihren eigenen Unterhalt erwirtschaften und ihre Kinder kriegen eine anständige Ausbildung und medizinische Versorgung. Die Zahl der Konflikte nimmt automatisch ab. Außer der Armut sprechen wir bei Afrika auch vom Fluch der Bodenschätze, der viele Kämpfe in verschiedenen Teilen des Kontinents verursacht hat. Deshalb ist es wichtig, mehr Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wie die Länder in Afrika und anderswo regiert werden. Ich denke, wir sollten noch viel stärker die Rechtsstaatlichkeit betonen, bevor wir über individuelle Menschenrechte sprechen. Denn wo es kein funktionierendes Rechtssystem gibt, ist es sehr schwierig, erfolgreich über Menschenrechte zu sprechen.

Sie haben einmal gesagt, dass die wirkliche Arbeit erst beginnt, nachdem eine Friedensvereinbarung getroffen worden ist. Am Ende von alledem steht die Aussöhnung. Fällt Ihnen ein Konflikt ein, wo das wirklich gelungen ist?

Ich denke, in Namibia sind die Dinge recht glatt gelaufen. In Südafrika gab es die Wahrheits- und Versöhnungskommission. Ich denke, das hat geholfen. Aber es gibt nicht nur Probleme zwischen den beiden Ländern, sondern auch innerhalb der Länder eine Kluft zwischen Arm und Reich, die Probleme bereitet. Man muss sich damit befassen, damit die Grundbedürfnisse eines jeden befriedigt werden und die Menschen durch bessere Ausbildung und medizinische Versorgung eine echte Chance bekommen, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Es gibt also noch immer viel zu tun.

Sie selbst und Ihre Mutter flohen während des Zweiten Weltkriegs aus Ihrer Geburtsstadt Wiburg, die heute russisch ist. In wieweit hat Ihre eigene Kindheit, die Vertreibung, Sie zu dem gemacht, was Sie heute sind, einer der bekanntesten Friedensvermittler der Welt?

Ich habe recht spät in meinem Leben festgestellt, dass diese Jahre und Monate, die ich mit meiner Mutter unterwegs war, mich enorm viel Empfindsamkeit gelehrt haben. Als Kind auf der Flucht hast du gespürt, wie deine Gastgeber gedacht haben und eingesehen, dass du ihren Blickwinkel mit berücksichtigen musstest, weil du Gast in ihrem Hause warst. Das war vielleicht das erste Training für mich als Friedensvermittler.

Wie hat sich Ihr Leben mit dem Gewinn des Friedensnobelpreises geändert?

Martti Ahtisaari erhält Friedensnobelpreis 2008

Martti Ahtisaari bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 2008 in Oslo

Wenn ich von einem friedlichen Ruhestand geträumt habe, muss ich diese Idee zumindest eine Weile auf Eis legen. Denn von dem Moment an, als die Nachricht von meiner Auszeichnung sich auszubreiten begann, bekam ich Anrufe von meinen ältesten Freunden. Und sie sagten: Jetzt, Martti, kannst du nicht in den Ruhestand treten. Du musst mithelfen und weiter an den Angelegenheiten arbeiten, an denen du dein ganzes Leben gearbeitet hast. Ich denke, sie haben Recht. Aber das bedeutet, dass ich mich noch mehr auf die Dinge konzentrieren muss, die mir am Herzen liegen. Denn tendenziell gibt es nicht ein einziges Problem auf der Welt, bei dem man als Nobelpreisgewinner nicht gebeten wird, seinen Namen unter einen Aufruf zu setzen oder auf die ein oder andere Weise mitzuwirken. Ich muss vermeiden, dass ich ein Experte für alles werde und weiter das tun, was ich in der Vergangenheit getan habe: nur mit der gesteigerten Autorität, die der Nobelpreis mir erteilt.

Das Interview führte Aarni Kuoppamäki

Redaktion: Daniel Scheschkewitz/stl

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