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Kultur

Martin Suter über die Recherchen zu seinem neuen Roman "Elefant"

Ein rosaroter Mini-Elefant, der im Dunkeln leuchtet und einem obdachlosen Ex-Banker erscheint. Das ist der Plot in Martin Suters Roman "Elefant". Im Interview berichtet er von der Recherche für sein Buch.

Deutsche Welle: Schon vor zehn Jahren erzählte Ihnen ein Wissenschaftler bei einem Kongress von der gar nicht mehr so fernen Möglichkeit, bald kleine, lebende, farbig leuchtende Tiere zu kreieren. Warum hat Sie dieser Gedanke über so eine lange Zeit nicht mehr losgelassen?

Martin Suter: Das ist ja ein faszinierendes Bild und eine faszinierende Vorstellung, so einen kleinen rosaroten Elefanten zu sehen oder zu haben. Die Idee hat mich fasziniert und auch die Vorstellung, was das wieder für ein Schritt wäre. Das wäre nicht eigentlich im Dienste der Wissenschaft, aber das wäre etwas in Dienste der Luxus-Industrie. Man könnte exklusive Luxus-Elefäntchen machen - für die Kinder der Saudi-Prinzen.

Warum führen Sie mit Ihrer Geschichte auch ins Obdachlosen-Milieu? 

Es ist ein Zufall wie oft bei meinen Geschichten. Die Milieus ergeben sich aus der Besetzung. Ich brauchte jemanden, bei dem es glaubwürdig ist, dass er in einer Höhle oder im einem Keller oder in einer Hausruine auf einen kleinen rosa Elefanten stößt und denkt, er sei zu besoffen, er müsse aufhören zu saufen, wenn er jetzt schon rosa Elefanten sehe. Der rosa Elefant ist ja eine Redewendung. Im angelsächsischen Raum sieht man 'rosa Elefanten', während wir 'weiße Mäuse' sehen. Und bei der Suche nach solch einer Figur bin ich schnell auf einen Obdachlosen gestoßen.

Sie haben dafür im Obdachlosen-Milieu von Zürich recherchiert. Wie haben Sie das gemacht?

Ich habe entdeckt, dass in Zürich die Organisation 'Surprise' Führungen durch die Welt der Randständigen und Obdachlosen macht und habe mich angemeldet für eine solche Führung. Das waren zwei 'Surprise'-Verkäufer ('Surprise' ist eine Straßenzeitung, Anm. d. Red.), der eine noch obdachlos, der andere hatte eine Notunterkunft. Und die haben dann durch die Orte geführt, wo sie leben, wo sie essen, wo sie gratis Kleidung bekommen. Auch eine Tierklinik gibt es, wo sie mit ihren Hunden hinkönnen. Ich war erstaunt, wie dicht das soziale Netz für diese Leute geknüpft ist in Zürich. Mit den beiden habe ich den Kontakt aufrecht erhalten. Sie haben mir mehr gezeigt.

Autor Martin Suter (Getty Images/L. Preiss)

Martin Suter

Haben diese Begegnungen Sie bereichert - abgesehen von den Informationen für Ihr Buch?

Es ist eine Welt, die ich nur sehr oberflächlich kannte und jetzt ein bisschen besser kenne. Es sind meistens Schicksale von Leuten, die in normalen Berufen waren, die einen normalen Beruf gelernt haben und in eine Krise gerieten und abstürzten, wie man sagt. Es gibt ja viele Leute, die abstürzen und sich wieder fangen und dann gibt es eben jene, die sich nicht fangen. Viele Beziehungskrisen sind schuld, dass die Betroffenen plötzlich denken: Jetzt brauche ich nicht mehr zu arbeiten, jetzt muss ich ja nur noch für mich schauen, ich muss ja auch nicht mehr viel verdienen und ich kann trinken, so viel ich will, ich kann nach Hause kommen, wann ich will. Und diese Freiheit kann auch sehr gefährlich sein für Leute, die gefährdet sind.

Sie beschreiben in Ihren Büchern die Situationen immer sehr genau, sehr bildhaft, fast wie für ein Drehbuch. Denken Sie auch filmisch beim Schreiben?

Ich mag es, die Geschichten in Szenen aufzustellen. Das gefällt mir als Struktur. Ich habe nicht große Passagen von inneren Monologen. Wenn ich Drehbücher geschrieben habe mit genauen Beschreibungen, dann haben sich die Regisseure geärgert und gemeint, das sei ihr Job.

Ein besonderer Dank in Ihren Büchern gilt immer Ihrer Frau. Hat Sie Einfluss auf Ihre Romane?

Sie hat einen großen Einfluss auf die Endfassung. Sie ist meine erste Leserin. Sie muss beurteilen, ob Stimmung, ob Spannung aufkommt, ob der Spannungsbogen hält. Das ist für mich sehr schwer einzuschätzen. Sie kritisiert dann und in den allermeisten Fällen hat sie Recht. Ich schicke nie ein Manuskript an meine Lektorin, bevor es meine Frau nicht nur gelesen hat, sondern ich auch die entsprechenden Kritikpunkte berücksichtigt habe.

Seit zwei Jahren ist Zürich für Sie und Ihre Familie wieder der Lebensmittelpunkt. Fühlen Sie sich wohl damit? 

Wir haben 22 Jahre lang eigentlich auf dem Land gewohnt, sowohl auf Ibiza als auch in Guatemala. In Zürich gehen wir nun oft in die Oper. Meine kleine Tochter ist eine begeisterte Operngängerin. Das sind Dinge, die uns nach über 20 Jahren Landpomeranzen-Leben ein bisschen gefehlt hatten.

Martin Suter: Elefant, Diogenes Verlag 2017, 348 Seiten, ISBN: 978-3-257-86310-9.

Lesen Sie hier eine Besprechung von Martin Suters neuem Roman "Elefant".

Der Schweizer Martin Suter (68) hat in der Werbebranche gearbeitet, bevor er das Schreiben zu seinem Beruf gemacht hat. Mittlerweile ist er nicht nur Bestsellerautor, sondern auch Drehbuchautor, Kolumnist und Songtexter. Er gilt zurzeit als der meistgelesene Autor der Schweiz. Suter lebt mit seiner Familie in Zürich.

Das Interview führte Holm Weber.

 

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