Maduro macht das Licht aus | Welt | DW | 30.04.2016
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Welt

Maduro macht das Licht aus

In Venezuela brechen neue Zeiten an. Vom 1. Mai an werden in dem südamerikanischen Land die Uhren umgestellt, um Strom zu sparen. Die Zeitumstellung könnte der Vorbote einer politischen Wende sein.

Ein Ladenbesitzer in Caracas hinter der Glastür seines Geschäfts mit einem Schild No hay luz (Bild: JUAN BARRETO/AFP/Getty Images)

"Wir haben kein Licht" - auf Spanisch gleichbedeutend mit "keinen Strom"

"Ich bin voller Hoffnung, die Zeichen deuten auf Veränderungen hin", schreibt Leopoldo López, spätestens seit seiner umstrittenen Inhaftierung im Februar 2014 Venezuelas prominentester Oppositionsführer. In einer öffentlichen Kundgebung in Caracas verliest seine Mutter Antonieta Mendonza die Botschaft, die er ihr mitgegeben hat: "Das Referendum zur Abwahl von Präsident Nicolás Maduro ist der Weg aus der Krise."

Mehr als 1,5 Millionen Venezolaner stimmten in den vergangenen Tagen mit ihrer Unterschrift für ein Referendum zur Abwahl von Staatspräsident Maduro. Auch Oppositionsführer López unterschrieb - dank seiner Mutter, die die Liste ins Gefängnis hinein- und wieder herausschmuggelte.

Nach diesem Erfolg der Opposition, die bereits die Parlamentswahlen im Dezember 2015 gewonnen hatte, ticken die Uhren in Venezuela anders. In der kommenden Woche werden die Unterschriftslisten dem Nationalen Wahlrat zur Prüfung vorgelegt. Fällt die Prüfung positiv aus, kann die Volksbefragung zur Abwahl von Maduro abgehalten werden.

Aufstand gegen die Revolution

Die Zeit arbeitet also gegen die "Bolivarische Revolution", die Venezuelas charismatischer Ex-Präsident Hugo Chávez nach seiner Wahl im Dezember 1998 ausgerufen hatte. 17 Jahre später steht das Land mit den größten Erdölreserven auf der Welt wirtschaftlich und politisch am Abgrund.

"Die Regierung der Chavisten gleicht einer Horror-Show", schreibt Issac Nahon Serfaty in der Lateinamerika-Ausgabe der spanischen Tageszeitung "El País". "Das Land erlebt eine Regierung, die Gesetze nicht respektiert, Institutionen schädigt, das Verbrechen huldigt und erschreckend unwissend ist."

Demonstranten für ein Referendum gegen Maduro in Venezuela (Bild: DW/O. Schlenker)

"Diese Revolution gehört auf den Müllhaufen der Geschichte" - Demonstranten fordern die Abwahl von Präsident Maduro

Serfaty gehört zu den rund 1,5 Millionen Venezolanern, die seit der Herrschaft der sozialistischen Einheitspartei Venezuelas (PSUV) das Land verlassen haben. Der Kommunikationswissenschaftler lehrt nicht mehr an der katholischen Universität Andrés Bello in Caracas, sondern an der Universität von Ottawa in Kanada.

Mangel und Missmanagement

Die "Horrow-Show" der Regierung habe den Alltag der 30 Millionen im Land verbliebenen Venezolaner in ein Horrorszenario verwandelt: "Plünderungen, Lynchmorde, ausufernde Kriminalität, Schmuggel, Schwarzmarkt und Schlangestehen für Essen und Medikamente - all das gehört zu der langen Liste der Grausamkeiten", so Serfaty.

In dem südamerikanischen Land fehlt es an allem, denn fast alle benötigten Produkte müssen aus dem Ausland importiert werden. Doch seit dem Verfall des Ölpreises hat sich die Krise deutlich verschärft. Mittlerweile verfügt die Regierung in Caracas nicht mehr über genügend Devisen, um die Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen.

Sogar auf ihr geliebtes Bier müssen die Venezolaner künftig verzichten: Die größte Brauerei des Landes, "Empresas Polar", stellte am 29. April die Produktion ein. In einer öffentlichen Stellungnahme beschuldigte die Firma die Zentralbank in Caracas, sie gebe die Devisen für den Import von Gerstenmalz nicht frei.

Die Banknoten werden knapp

Wie ernst die Lage ist, offenbart ein Schreiben der britischen Gelddruckerei "De La Rue" an die venezolanische Zentralbank von Mitte April. In dem Brief, der an die Öffentlichkeit gelangte, werden ausstehende Rechnungen in Höhe von 71 Millionen US-Dollar angemahnt.

Der Bedarf an Geldscheinen in Venezuela ist immens: Mit einer Inflationsrate in Höhe von voraussichtlich 700 Prozent in diesem Jahr verzeichnet das Land die höchste Geldentwertung weltweit. Nun wird es außerdem das erste Land der Welt sein, das kein Geld mehr hat, um Geld zu drucken.

Venezolanische Banknoten (Foto: Reuters)

Mangelware Bolivar: Die Regierung hat kein Geld mehr, um den Druck von neuen Geldscheinen zu bezahlen

Damit nicht genug. Aufgrund des chronischen Energiemangels sitzen die 30 Millionen Einwohner des Landes auch noch im Dunklen. Weil der Pegel im Stausee des größten Wasserkraftwerkes "Simón Bolívar" gefährlich sinkt, steht die Stromversorgung kurz vor dem Zusammenbruch.

Die Folgen sind regelmäßige Stromausfälle im ganzen Land und drastische Sparmaßnahmen. So wird in zehn der 24 Bundesstaaten des Landes der Strom täglich für mehrere Stunden abgestellt. Der öffentliche Dienst funktioniert nur noch an zwei Tagen in der Woche und der Unterricht in Schulen fällt freitags aus.

Land ohne Licht

"Schon seit 2010 wird Strom rationiert. Für mich ist dies das sichtbare Symptom für das komplette Versagen des sogenannten bolivarischen Sozialismus des 21. Jahrhunderts", sagt Rodrigo Blanco Calderón im DW-Interview. Der venezolanische Schriftsteller hat über die dunklen Stunden seiner Heimat einen Roman mit dem bezeichnenden Titel "The Night" geschrieben.

Venezuela Schriftsteller Porträt Rodrigo Blanco Calderón (Bild: Luisa Fontiveros)

Schriftsteller Rodrigo Calderón hat die Energiekrise in seinem Roman "The Night" literarisch verarbeitet

Die Stromausfälle waren für den Schriftsteller frühe Belege für die Fahrlässigkeit der Regierungen von Ex-Präsident Hugo Chávez und seinem Nachfolger Nicolás Maduro. "Aber sie wussten ihre Fahrlässigkeit zu nutzen, auf diese Weise sollten wir Venezolaner uns schon einmal daran gewöhnen, mit Mangelwirtschaft und Chaos zu leben", meint Calderón.

Venezuela sitzt im Dunkeln, daran wird die Zeitumstellung vom 1. Mai vermutlich wenig ändern. Doch der Countdown für das Ende der politischen Ära des bolivarischen Sozialismus hat begonnen. Der Letzte muss das Licht gar nicht mehr ausmachen.

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