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Kultur

MadC - Weltreisende in Sachen Graffiti

Wand-Schmierereien müssen weg! Oder ist Graffiti Kunst? Ja, sagt Claudia Walde. Sie verdient ihren Lebensunterhalt mit Graffiti. Sie hat sich als MadC an die Weltspitze gesprüht.

Claudia Walde ist ständig in der Luft – oder sie sprüht. Weltweit. Einen Termin mit ihr zu finden, kommt der Quadratur des Kreises gleich. Wir treffen uns auf einem Parkplatz irgendwo im ostdeutschen Nirgendwo - in der Nähe einer Autobahn. Dann folge ich ihr unauffällig in ihr Atelier: im letzten Winkel eines Bauernhofs. Sie bittet darum, den Namen des Dorfes nicht zu verraten. Sie will ihre Ruhe.

Graffiti Claudia Walde (Foto: Marco Prosch)

Street Fonts

Claudia Walde ist 31 Jahre alt. In der Szene heißt sie einfach nur MadC. MadC ist eine Institution in der Sprüher-Welt. Sie gilt als die Beste in einer Szene, die von Männern dominiert wird. Claudia Walde ist weltweit die bekannteste aktive Graffiti-Künstlerin. Sie besprüht Wände von Mexiko bis Russland, von London bis Budapest. Dafür reist sie rund um den Globus. Ihr Facebook-Profil und ihr Blog sind selbstverständlich englischsprachig.

Die Besucher ihres Blogs: Platz eins USA, gefolgt von Großbritannien. Platz drei: Deutschland. Sie denkt global – lebt aber dennoch in Halle in Sachsen-Anhalt. Halle ist nicht Berlin.

Graffiti auf dem Land

Graffiti Claudia Walde (Foto: Marco Prosch)

Stark im Ausdruck

Auch ihr Atelier ist alles andere als glamourös. Wir blicken über Felder auf die ICE-Trasse Leipzig-Berlin. "Ich nehme ganz selten andere Künstler mit hier hin. Das hier ist mein Ruhepol." Claudia Walde trägt schwarze Jeans, Sneakers und ein rotes Kapuzenshirt. Ihr dunkelbraunes Haar hat sie zum Zopf gebunden. Sie ist klein. Schlank. Drahtig. Ein Energiebündel.

MadC ist eine Nomadin. Und nur selten in Halle. "Also, zwischen meinen Reisen bin ich maximal ein bis zwei Tage zu Hause." Zuletzt ist sie in zwei Monaten 17.000 Meilen geflogen: in acht Länder. "Irgendwann muss ich auch mal entschleunigen." Sie macht am liebsten Urlaub zu Hause. "Hier kann ich wirklich abschalten; die große Bühne und die großen Städte habe ich ja ständig."

Weltstar der Graffiti-Szene

Claudia Walde ist in der ehemaligen DDR groß geworden sowie im so genannten "sozialistischen Bruderland" Äthiopien. Dort arbeitete ihr Vater als Landwirtschaftsingenieur. Als ihre Familie nach Deutschland zurückkehrte, fühlte sie sich als Außenseiterin. Um dieser Rolle zu entfliehen, begann sie, den eigenen Namen bekannt machen. Sie sprühte ihn an Wände: MadC. Denn sie wurde schon als Kind "die verrückte Claudia" genannt. Deshalb "MadC". Mad für verrückt, C für Claudia.

Claudia Walde sprüht (Foto: Marco Prosch)

MadC - Claudia Walde

Die Buchstaben, die ein Graffiti-Sprüher malt, seien immer "extrem persönlich", sagt Claudia Walde, die auch als Designerin und Dozentin arbeitet. "An den Formen und Farben eines Buchstabens und der Art, wie er gemalt ist, kann ich die Persönlichkeit eines Sprühers erkennen."

Claudia Walde hat die Buchstaben von 150 Graffiti-Künstlern zusammen getragen und hat daraus ein Buch gemacht: "Street Fonts".

Aus dem ganzen Körper arbeiten

Ein Trend in der aktuellen Graffiti-Szene: Wegen des Internets vermischen sich die Stile: "In London gibt es Leute, die genauso malen wie in Los Angeles," sagt MadC. Sie findet es "sehr schade, dass lokale Stile verloren gehen".

Claudia Walde besprüht nicht nur Wände, sondern auch Leinwände, die sie in Galerien verkauft. Sie wollte immer freie Künstlerin sein. Dafür hat sie im Anschluss an ihr Design-Studium ein gut bezahltes Job-Angebot in London abgelehnt. Sie hätte dort Art Director werden können. "Innerhalb einer Woche musste ich mich entscheiden, ob den Mut habe, zurück nach Deutschland zu gehen, es als Künstler zu probieren und auf ein Gehalt zu verzichten, ohne zu wissen, was die Zukunft mir bringt." Sie dachte damals: Jetzt oder nie.

"Man nehme eine Sprühdose und schüttle sie!"

Graffiti Claudia Walde (Foto: Marco Prosch)

Schrift der Straße

Von Graffiti-Kunst kann kaum jemand leben. Viele Sprayer flüchten sich in Werbeagenturen und Designbüros und prägen so unsere Alltagskultur. Denn manch ein Ex-Sprüher setzt seine ästhetischen Vorlieben auch im Büro-Job um. Claudia Walde selbst kann sich zurzeit nicht vorstellen, in einem Angestelltenverhältnis zu arbeiten. Und so muss sie den Spagat zwischen Straße und Galerie aushalten.

Claudia Walde kennt die Kritik: "Wenn es um Geld geht, gibt es immer jemand, der einen beneidet." Aber wer am lautesten schreit, würde jene Aufträge, die ich bekomme, definitiv nicht ablehnen."

15 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringt sie mit bezahlten Auftragsarbeiten. 60 Prozent sind "unbezahlte Wände". Ein Viertel ihrer Zeit besprüht sie Leinwände. Daraus bestreitet sie seit einem Jahr den Hauptteil ihres Einkommens. Sie will all dies zusammen bringen: "Ich bin definitiv in erster Linie Graffiti-Sprüherin. Ich kann mir nicht vorstellen, die Wand aufzugeben; das ist mein Grundstein."

Wir ziehen über die Felder in der Nähe ihres Ateliers - zu ihrer bisher größten Arbeit: eine Wand ungefähr 700 Quadratmeter groß, also etwa wie ein Handballfeld. Daran hat sie vier Monate gearbeitet. Unentgeltlich. Sie hat keine Erklärung dafür, was sie fasziniert, obwohl sie als Frau, als Sprayerin, als Künstlerin im dreifachen Sinne in einer Außenseiterrolle lebt. "Das ist wie ein Feuer in mir, das mich immer wieder vorantreibt."

Autor: Andreas Main

Redaktion: Conny Paul

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