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Kultur

Lyrische Leute

Gedichtet und geredet haben Sie am Samstag beim 22. Erlanger Poetenfest: Zehn deutsche Nachwuchsdichter zwischen 23 und 33 Jahren. Der Suhrkamp-Verlag hat Interesse bekundet: Ein "ganz großes Ding" ist geplant.

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Nachwuchspoetin Uljana Wolf

In Erlangen war sie noch nicht. Uljana Wolf will am Samstag ein bisschen früher in Berlin lossfahren, um noch was von der Stadt zu sehen. Irgendwer hat ihr von dem Neue Deutsche Welle Hit "Wissenswertes über Erlangen" erzählt. Max Gold besang darin 1981 das religiöse Leben und das Shoppingzentrum der bayrischen Stadt.

10 Dichter und ein DJ

Keine Ahnung ob Uljana Wolf shoppen gehen wird. Um 20:30 soll die junge Lyrikerin auf jeden Fall in der Orangerie sitzen. Zehn junge und ganz junge Lyrikerinnen und Lyriker aus "Berlin und der Nähe" werden im Rahmen des 22. Erlanger Poetenfestes, aus ihren Werken vortragen und

Poetenfest Erlangen Logo

diskutieren. Später legt noch ein DJ auf. Neben vollkommen unbekannten Autoren treffen sich hier auch Hermann-Hesse-Förderpreisträger Jan Wagner und der Preisträger der Brecht-Tage Björn Kuhlig.

Mit 23 Jahren ist Uljana Wolf die jüngste Autorin der zehn. Das macht aber nichts. Denn das Alter spielt eigentlich keine Rolle. Man kennt sich schließlich; trifft sich in der Bar, wo meistens erst Kurzfilme laufen und später Freizeitdj´s Elektrokram auflegen.

Neues Netzwerk

Abseits der traditionellen Literaturhäuser und Kulturstätten hat sich eine neue Berliner Lyrikszene etabliert. Ein Netzwerk aus lose verbundenen Gruppen und Grüppchen. Studentinnen, Buchhändler und Verlagskaufmänner sind mit dabei. Ihre Freizeit nutzen sie effizient: veröffentlichen in Zeitschriften, basteln Internetseiten, organisieren Lesungen. Zunächstmal ohne große finanzielle Interessen. Dafür aber mit umfassendem Erfolg.

Schreib- und Lyrikwettbewerbe haben sie gewonnen. Und das ein oder andere Stipendium erhalten. Plötzlich finden selbstorganisierte Lesungen von Nachwuchsautoren in Berlin wieder mehr als eine handvoll Zuhörer – manchmal mehr als 200.

Suhrkamp signalisiert Interesse

"Ein richtig großes Ding" steht der jungen Lyrikszene aber noch bevor. Der Suhrkamp-Verlag hat umfassendes Interesse signalisiert. Eine Anthologie von deutschen Dichterinnen und Dichtern unter 35 Jahren ist für April 2003 in Planung: Mehr als 400 Seiten Poesie, herausgegeben von den beiden Lyrikern Jan Wagner und Björn Kuhligk. "Nicht die üblichen 2000, sondern richtig, richtig viele soll das Buch erreichen", sagt Gerhard Falkner, einer der renommiertesten Deutschen Lyriker, im Gespräch mit DW-WORLD.

Falkner schreibt gerade am Vorwort des Buches. Er hat auch angeregt, die Nachwuchsdichter zum Poetenfest nach Erlangen einzuladen. 3 Jahre lang hat der Lyriker die Berliner Clubszene beobachtet und bei der Arbeit am Internetprojekt lyrikline.org Kontakte geknüpft.

"Gute, intelligente Texte"

Auf umfassend "gute Gedichte" ist er gestoßen und auf Autorinnen und Autoren "die sich thematisch nicht mehr festlegen lassen wollen". Falkner hat festgestellt, dass es "unintelligente Texte wie in den 70ern" nicht mehr gibt. Erstaunt hat ihn die freundschaftliche Verbindung der losen Schreibergruppen und Autoren. "Im Gegensatz zu den 80er-Jahren sehe ich keine Rivalität mehr", konstatiert der Lyriker.

Im Wohnzimmer und im Cafe

Uljana Wolf denkt ähnlich. Sie berichtet von "einem lebendigen Netzwerk von Leuten, die sich am liebsten im heimischen Wohnzimmer versammeln". Die junge Dichterin fühlt sich in der Hauptstadt wohl, studiert neuere deutsche Literatur und arbeitet nebenbei als Literaturredakteurin beim KOOK-Label.

Ob sie jemals mit der Lyrik Geld verdienen wird, bezweifelt sie im Moment. Aber wer weiß schon was noch so passiert? Im April kommt die Suhrkamp-Anthologie – da ist Uljana mit einem Text vertreten. Und am Wochenende liest sie erstmal auf dem Poetenfest. Jetzt muß aber zunächst mal der Herd angeschmissen werden und das Interview ist zuende. Vielleicht trifft man sich ja irgendwann im Restaurant Walden am Prenzlauer Berg. Am Samstag sind da meistens Lesungen.

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