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Kultur

Lutz Seilers "Kruso" - ein eindringliches Werk

Ein Roman über das Jahr 1989 in der DDR, ein Buch über die Frage, was Freiheit ist und was Freundschaft bedeutet. Mit "Kruso" hat Lutz Seiler jetzt den Deutschen Buchpreis gewonnen.

Leuchturm von Hiddensee (Foto: DW)

Auch der Leuchturm von Hiddensee spielt im Roman eine Rolle

Edgar Bendler hatte beschlossen, zu verschwinden, heißt es zu Beginn des Romans und was folgt, ist die Geschichte von einem, der auszog aus dem grauen DDR-Alltag, um sich an den äußersten Rand des Landes zu verziehen. Die Insel Hiddensee wird für über 450 Seiten zum Schauplatz des Geschehens.

"Kruso"

ist Insel-Roman wie Aussteiger-Geschichte, Freiheitsphilosophie wie Adoleszenz-Erzählung.

Bisher als Lyriker bekannt

Der 51-jährige Lutz Seiler ist kein Unbekannter in der deutschen Literaturszene. Er ist ein erfolgreicher und vielfach ausgezeichneter Lyriker, zudem Ingeborg Bachmann-Preisträger und soeben auch mit dem

Uwe-Johnson-Preis

bedacht worden. Und doch: "Kruso" ist Seilers erster Roman und er wird schon als das literarische Ereignis des deutschen Bücherherbstes gefeiert. Völlig zu Recht. Und das nicht nur, weil er jetzt zu den sechs Romanen der

Shortlist

gehört und dort als

Mitfavorit

gehandelt wird. "Kruso" wird ob seines literarischen Gewichts bleiben, unabhängig von Preisen und Kritiken.

Blick von Kloster über die Insel Hiddensee in Richtung Stralsund (Foto: Stefan Sauer/dpa)

Schauplatz des Romans: Blick von Kloster über die Insel Hiddensee in Richtung Stralsund

Seiler lässt seinen jugendlichen Helden Edgar Bendler im Frühjahr 1989 von Halle an der Saale aufbrechen nach Hiddensee. Seine Freundin ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Bendler, im Roman nur kurz "Ed" genannt, sucht einen Neuanfang, spielt auch mit Fluchtgedanken. Auf der Insel trifft Ed auf einen Kreis von Aussteigern, Gestrandeten, Obdachlosen. Als "Schiffbrüchige" beschreibt der Autor seine Protagonisten - es sind Gestrandete im Staate DDR.

Das ist Hiddensee, Ed, verstehst Du, hidden - versteckt? Die Insel ist das Versteck, die Insel ist der Ort, wo sie zu sich kommen, wo man zurückkehrt zu sich selbst, das heißt zur Natur, zur Stimme des Herzens, wie Rousseau es sagt.

Das Inselschänke "Zum Klausner" wird zum Zentrum der Handlung, dort lernt Ed auch Kruso kennen, eigentlich Alexander Dimitrijewitsch Krusowitsch, um den sich alles dreht. Er ist heimlicher Anführer und Inselphilosoph der Schiffbrüchigen. Seiler hat dieser Figur mit Bedacht den Namen des berühmten Romanhelden von Daniel Defoe gegeben: Kruso ist Einzelgänger und Philosoph, ein Eremit auf Hiddensee, eine fast schon mythische Gestalt.

Geschichte einer Freundschaft

Ed freundet sich mit dem Älteren an, wird zu dessen "Freitag". Der Roman ist auch ein intensiver Text über diese innige Freundschaft zwischen den beiden so ungleichen Männern. Der Ältere bewundert Eds Fähigkeit, die Poesie als Instrument zum Überleben zu nutzen: Ed war Literaturstudent und Bewunderer des Dichters Georg Trakl: In ihrer von Gedichten gestifteten Vertrautheit hatten Kruso und Ed zueinander gefunden.

Lutz Seiler Foto: Arno Burgi/dpa

Lutz Seilers Werk beschreibt eindringlich Zeitgeschichte

Ed hingegen schaut zu Kruso auf, saugt dessen Gedanken von individueller Freiheit und Utopie gierig auf. Die spielen auch im Denken der Inselbewohner eine übermächtige Rolle: schließlich ist der Roman in den Monaten vor dem Mauerfall angesiedelt. Hiddensee war über Jahre Fluchtpunkt für viele Ausreisewillige: Der Weg über die Ostsee brachte manchen Glück, viele kamen aber auch zu Tode, ertranken in den Fluten der Ostsee.

Magischer Realismus

Und doch ist "Kruso" nicht vornehmlich ein dokumentarisch-historischer Roman über die DDR des Jahres 1989. "Das Buch ist überhaupt nicht die Rekonstruktion dieser Zeit oder des Sommers '89, aber ich hab diesen authentischen Ausgangspunkt gehabt, von dem aus ich dann weitergehen konnte bis auch in phantastische Passagen, die man niemals selbst erlebt haben kann oder möchte", so Lutz Seiler bei der ersten Vorstellung seines Buchs vor großem Publikum in Berlin.

Am Ende aller Reden schien Hiddensee ein schmales Stück Land von mythischem Glanz, der letzte, der einzige Ort, eine Insel, die immer weiter hinaustrieb, außer Sichtweite geriet - man musste sich beeilen, wenn man noch mitgenommen werden wollte.

Lutz Seiler hat mit "Kruso" einen ebenso realistischen wie phantastischen Roman vorgelegt, ein Buch, das Zeitgeschichte mit mythologischem Weltblick vereint.

Ostsee bei Hiddensee (Foto: DW)

Tausende Menschen flohen von Hiddensee über die Ostsee - viele schafften es, viele kamen aber auch um auf der Flucht

Zwölf Figuren gruppiert Seiler im "Klausner" um einen Tisch: "Die 12 Apostel am Personaltisch", so Seiler: "Eine Art Tafelrunde mit ganz eigenen Regeln und einer ganz eigenen Ritterlichkeit und eben auch mit ganz eigenen Namen." Religiöse Verweise wie mythische Grundierung, kaum ein Erzählstrang erscheint eindeutig und eindimensional im Roman. Ed verdient wie viele andere auch in dem Ausflugslokal sein Geld als Tellerwäscher in der Küche: "Es werden nicht nur Teller gewaschen, sondern auch Menschen, also Schiffbrüchige. Kruso hat die Vorstellung, die Waschung gehört auch zu seiner Utopie", so Seiler.

Ein Buch über die Freiheit

"Kruso steht für ein Modell von Freiheit, die er auf dieser Insel verwirklichen will. Die befinden sich auf hoher See, getrennt von der Gesellschaft durch das Wasser", beschreibt Seiler seine Titelfigur: "Es geht um die Freiheit in dem Roman, verkörpert durch Kruso, der sehr viele Freiheitsphilosophien auch sehr ungefiltert nebeneinander setzt."

Lutz Seiler hat dem Romangeschehen noch einen Epilog beigefügt, in dem er fast dokumentarisch über reale Vorbilder und historische Tatsachen Auskunft gibt. Auch in Dänemark, wo viele Flüchtlinge über die Ostsee ankamen, hat er recherchiert. Was ist aus all denen geworden? Ein Kapitel DDR-Geschichte, das kaum aufgearbeitet ist. 179 Tote sind offiziell registriert, doch von vielen anderen Verschwundenen fehlt bis heute jede Spur.

"Freiheit und Scheitern"

"Ist das ein Abgesang auch auf die Möglichkeit der Freiheit, denn Kruso scheitert ja, im Epilog geht es ja um die, die über das Meer fliehen wollten und dabei ertrunken sind?" Diese Frage stellte Lutz Seiler bei der Buchpräsentation in den Raum und beantworte sie gleich selbst: "Dieser Freiheitsbegriff ist immer auch ans Scheitern gebunden. So kann man den Roman lesen."

Einige andere Lesarten bieten sich ebenso an. "Kruso" ist ein ungemein dicht komponierter Text, den man nicht schnell herunterlesen kann. Zahlreiche Verweise und Bilder, Metaphern und Symbole machen "Kruso" zu einer aufregenden literarischen Reise. Ein großes Buch über das Ende der DDR, aber auch ein großes Buch über die Frage, wie Freiheit zu leben ist.

Lutz Seiler: Kruso, Suhrkamp Verlag 2014, 484 Seiten, ISBN 978-3-518-42447-6

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