1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Löfflers Lektüren

7. Dezember 2009

Der Lyriker Lutz Seiler bleibt seinem Thema treu: auch in seinen Erzählungen blickt er zurück auf die thüringische Kindheitslandschaft.

https://p.dw.com/p/KrhP
Buchcover Die Zeitwaage von Lutz Seiler

Lutz Seiler, 1963 in Gera, Thüringen, geboren, arbeitete zu DDR-Zeiten als Bauarbeiter, Maurer und Zimmermann, ehe er Germanistik studierte und zunächst als viel beachteter Lyriker hervortrat. In dem Erzählungsband "Die Zeitwaage" zeichnet Seiler, wie schon in seinen Gedichtbänden, Nachbilder aus seiner Kindheit und Jugend in Thüringen. Es sind spröde, grüblerische und schmerzhaft-genaue Geschichten über Umbrüche im Leben eines jungen Ost-Deutschen aus der Arbeiterklasse vor und nach der Wende, der "seiner Herkunft entflohen" ist und damit den "mir angestammten Platz und Standpunkt einer Klasse … verwirkt" hat. Als frei schwebender Intellektueller und ungebundener Künstler blickt er zurück auf die enge, aber verlässlich geordnete, vertraute Provinzwelt seiner Jugend mit ihren fixen Ritualen und festen Handgriffen. Jetzt, da die Grenzen verschwunden sind und er etwa nach Kalifornien reisen kann, fühlt er sich ungeborgen, verloren in einer Welt ohne Haltepunkte, und "sehnt sich nach irgendeiner Grenze".

Fragmente eines autobiografischen Romans

Die Erzählungen sind deutlich autobiografisch inspiriert: Momentaufnahmen aus einer Kindheit und Schulzeit in der thüringischen Provinz. Rekapituliert werden scheiternde Liebesbeziehungen und schwierige Trennungs- und Anpassungsprozesse nach dem Ende der DDR – durchaus als "Fragmente eines autobiografischen Romans" lesbar. Die Geschichten zeigen einen hohen Verdichtungsgrad, man erkennt den Lyriker Seiler auch daran, wie viel Lebens- und Erfahrungsstoff er in diesen schmalen Prosa-Erzählungen komprimieren kann.

Lutz Seiler auf der Frankfurter Buchmesse 2009 (Foto: Sven Simon)
Der Schriftsteller Lutz SeilerBild: picture-alliance / Sven Simon

Geschrieben sind diese Texte mit der handwerklichen Sorgfalt des Arbeiters, der Lutz Seiler einmal gewesen ist. Aus ihnen spricht die Liebe zum Werkzeug, zur Ordnung seiner Werkzeugkiste, der Respekt vor der Hände Arbeit. Fast mythisch verklärt wird die einfache und klare Arbeitswelt von damals. Immer schimmert die sichere Kenntnis eines Erzählers durch, der weiß, wie die Dinge funktionieren und wie man sie am Laufen hält. In der grenzenlosen Nach-Wende-Welt hingegen gerät alles aus den Fugen.

Geburtsstunde eines Autors

Die wichtigste ist die Titel-Erzählung: "Die Zeitwaage" ist die Geschichte eines großen Entsetzens, einer fundamentalen Erschütterung, die in dem Beobachter eines schrecklichen Unfalls – ein Arbeiter wird durch die Stromstöße der Hochspannungsleitung getötet – den Schriftsteller, den Erzähler freisetzte. Unter dem Eindruck des Entsetzlichen macht sich der Ich-Erzähler, ein Passant, Notizen, "eine allererste, grobe Niederschrift". Er bringt das Unglück zur Sprache und wird seinerseits durch das Unglück zur Sprache gebracht: die Geburtsstunde eines Autors.

Rezensentin: Sigrid Löffler
Redaktion: Gabriela Schaaf

Lutz Seiler: Die Zeitwaage. Erzählungen

Suhrkamp Verlag 2009. 285 S., 22,80 €