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Kultur

Luther lebt - in der Kunst

Anders als die drei nationalen Luther-Ausstellungen wagt "Luther und die Avantgarde" eine künstlerische Auseinandersetzung: Die Werke von 66 Künstlern sind jetzt in Wittenberg zu sehen - in einem ehemaligen Gefängnis.

Am Anfang steht die Faust. Draußen, auf dem Hof, baut sie sich vor dem Betrachter auf: Knallorange, in die Höhe gereckt, herausfordernd, kämpferisch. Eine patinierte Bronzeplastik von erhabener Wucht. Das ist es, was dem österreichischen Künstler Erwin Wurm eingefallen ist zu Martin Luther, dem Streiter, Reformator, Weltbeweger. Wurm ist einer von 66 internationalen Künstlern, die diese Ausstellung zu einem Ereignis machen im Jubiläums-Sommer des Reformationsjubiläums.

Ausstellung Luther und die Avantgarde- Erwin Wurm (Daniel Biskup)

Drohend im Gefängnishof: Erwin Wurms Faust

Luthers Präsenz

"Luther und die Avantgarde" , so der Titel der Schau, ist ein starkes Statement für die ungeheure Präsenz des Reformators - in unserer Welt und in der Kunstwelt. Anders als die drei nationalen Luther-Ausstellungen, die sich auf theologische, politische und historische Spurensuche begeben und dabei mehr die Vergangenheit im Blick haben, reicht "Luther und die Avantgarde" in Gegenwart und Zukunft hinein. Den Ausstellungsmachern um Susanne Kleine von der Bundeskunsthalle Bonn und Kay Heymer vom Düsseldorfer Museum Kunstpalast geht es nämlich nicht darum, Luther in seinem historischen Umfeld zu porträtieren. Etwa mit dem niedlichen Lokalkolorit der Universitätsstadt Wittenberg, wo er gelebt und gelehrt hat und schließlich seine 95 Thesen verfasste, die ein Weltbeben sondergleichen auslösten. Nein, in dieser Ausstellung setzen sich Künstler wie Ai Weiwei, Christian Boltanski, Alexander Kluge, Markus Lüpertz oder Jonathan Meese mit den großen Themen auseinander, denen Luthers Reformationsbewegung eine neue Richtung gegeben hat.

Snowden, Manning und Luther

Ausstellung Luther und die Avantgarde- Jonathan Meese (VG Bild-Kunst, Bonn/S. Korte)

Grell und laut: Die 95 Kunstthesen von Jonathan Meese

Wer könnte heute der Reformator sein, hat sich beispielsweise Achim Mohné gefragt. Die Antwort liegt in Form von 672 quadratischen Steinplatten auf dem Boden (siehe Artikelbild). Läuft man darüber, sind nur Grau- und Schwarzschattierungen zu erkennen. Je weiter man sich entfernt, desto klarer wird ein Gesicht - und zwar das von Edward Snowden. Die 672 Platten gleichen 672 Bildpunkten, die aus der Vogel- oder Drohnenperspektive Snowdens Gesicht wie ein ikonographisches Porträt leuchten lassen. Ein Whistleblower sei für ihn ein "Regulator der Demokratie", sagt Mohné just an dem Tag, an dem die Begnadigung von Chelsea Manning bekannt wurde, die wegen Weitergabe vertraulicher Militärdokumente in Afghanistan zu einer aberwitzig hohen Haftstrafe verurteilt worden war.

Glücksgriff Gefängnis

Snowden und Manning seien wie Luther kompromisslose Systemkritiker - und hätten wie dieser einen hohen Preis dafür gezahlt, sagt Mohné. Was sie außerdem verbindet: Sie machen sich für ihre umstürzlerischen Aktivitäten die jeweils neusten Medien zunutze - Buchdruck und Internet. Mohné hat sein Snowden-Bild in Wittenberg auf der Rasenfläche zwischen Gericht und Gefängnis positioniert. Schärfer könnte man kaum kommentieren, obwohl die Ausstellung eher aus der Not heraus ins notdürftig wieder hergestellte, ehemalige Wittenberger Gefängnis gezogen ist. Es gab schlicht keinen geeigneten Ausstellungsort in der Kleinstadt, eine gute Fahrstunde entfernt von Berlin.        

Luther Ausstellung Wittenberg (DW/G. Schließ)

Luther ist der Held: Zumindest für Markus Lüpertz

Aber was für ein Glücksgriff: Mit seinen kargen, feuchten Zellen, die zu Künstlerkojen umgewidmet sind, wähnt man sich der Realität enthoben. Muss sich nicht auch Luther so einsam und eingeschlossen in seiner Mönchszelle gefühlt haben? Existentielle Fragen drängen sich hier auf: Die chinesische Künstlerin Jia stellt sie mittels alter chinesischer Schriftzeichen, die sich wie ein Band durch das Treppenhaus ziehen.

Macht und Ohnmacht der Sprache

Sie sind tot, inhaltsleer, weil sie während der chinesischen Kulturrevolution aus dem Alltag verbannt wurden. Womit auch Kultur und Identität ausgelöscht wurden. Macht und Ohnmacht der Sprache - Luther hat unsere Wahrnehmung dafür geschärft. Aber Sprache ist auch Ritual, was bei Jörg Herolds "Wittenberger Tor zum Paradies" in eine körperlich-mystischen Grunderfahrung mündet: Der bekennende Atheist verbrachte zwei Wochen in "seiner" Zelle. Er ritzte, inspiriert von der islamischen "Lehre von den 99 schönen Namen Gottes", 99 Namen für Allah in die Gefängniswand.

Luther Ausstellung WIttenberg (DW/G. Schließ)

"Wie lange noch meine Identität verstecken": Yury Kharchenko wagte in Wittenberg ein Comingout

Immer wieder klingt es in den Arbeiten der 66 Künstler an: Luthers Wirken steht für Gewissensfreiheit und Toleranz. In anderer Weise als Jörg Herold hat sich Markus Lüpertz davon inspirieren lassen. Für ihn ist Luther der Held. Seine regenbogenfarbige Skulptur des "Eiferers" verrät einen eher ungebrochenen Blick auf die Wirkungsgeschichte  des Reformators. Anders Jonathan Meese, der in grellbunten Postern und via Video seine eigenen 95 Thesen proklamiert. "Kunst ist immer Chefsache", lesen wir da. Kunst und Religion passen nicht zusammen, sind für Meese die größten Feinde, da sich Religion von Natur aus nicht mit Freiheit vertrage. Da überrascht es nicht, dass Meese Luther als zukunftslosen "Mitläufer" beschimpft.

Künstlerisches Comingout

Anders der junge deutsch-russische Maler Yury Kharchenko, der seine Distanz zu Luther aus seiner jüdischen Familiengeschichte herleitet. Er berührt damit eine der dunkelsten Seiten Luthers: Seinen Antisemitismus, den Kharchenko in direkter Verbindung zum späteren Nationalsozialismus sieht. "Wie lange noch meine Identität verstecken?", hat Kharchenko auf einem Bild geschrieben, das ihn und Herschel Grynszpan im Doppelporträt zeigt: jenen 17-jährigen jüdischen Jungen, der am 7. November 1938 in Paris ein Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath verübt hatte.

Luther Ausstellung Wittenberg (DW/G. Schließ)

Wir stehen nackt vor uns und der Menschheit: Stephan Balkenhol in seiner Zelle

Für Yury Kharchenko ist das Bild ein bewegender Moment: Wenn man so will, ein künstlerisches Comingout, denn Kharchenkos Familie hieß ursprünglich Grynszpan - und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Maler und der Attentäter aus derselben jüdischen Familie stammen. So offen und verletzlich, wie sich Yury Kharchenko hier im Wittenberger Gefängnis zeigt, wirkt ein paar Zellen weiter auch Stephan Balkenhols "Nackter Mann". Balkenhol hat ihn in einen Zedernholz-Stamm geschnitzt. Schutzlos steht dieser Mann da, fragil und zerbrechlich. Die von Luther betriebene Bekämpfung von Bildern und Ritualen habe uns alle aus der Gemeinschaft der Heiligen verbannt, sagt Balkenhol. Die protestantische Version der Vertreibung aus dem Paradies. Und diese Erfahrung verbindet uns heute immer noch: Der Mensch steht nackt vor sich und der Welt.

TV-Thementag: 500 Jahre Reformation. Alles rund um Martin Luther und die Reformation am 31.10.2017 einen ganzen Tag lang bei DW Deutsch und in unserem Online-Special auf dw.com/kultur. Beginn 6 Uhr UTC ( 7 Uhr MEZ). Livestream: http://www.dw.com/de/media-center/live-tv/s-100817 

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