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Wirtschaft

"Lukrativer als Drogen- oder Waffenschmuggel"

Der Schutz geistigen Eigentums sollte auch ein wichtiges Thema auf dem G8-Gipfel werden, doch es ist in den Hintergrund gerutscht. Dabei ist der fehlende Schutz ein großes Problem. Die Fälscher machen riesige Gewinne.

Eine Straßenwalze rollt vor dem Nationalkongress in Brasilia über einen Berg Raubkopien

Sichergestellte Fälschungen werden vernichtet

Ob Turnschuhe oder Maschinenteile - wo es sich lohnt, wird illegal kopiert. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen acht und zehn Prozent aller Waren in Europa gefälscht sind. Weltweit sollen es sogar schon ein Drittel aller Produkte sein - so glauben Experten. Viele der Fälschungen landen irgendwann einmal im Hamburger Hafen, der sich zu einer Drehscheibe im Handel zwischen Asien und den osteuropäischen Ländern entwickelt hat.

Riesige Gewinne mit gefälschter Markenware

Ein Zollbeamter zertrümmert mit einem Hammer sichergestellte Uhren-Plagiate

Beschlagnahmte Plagiate werden zertrümmert

10.000 Container werden täglich im Hamburger Hafen verladen. Und es werden immer mehr. Je stärker der Umschlag zunimmt, umso besser werden die Chancen für Schmuggler, nicht entdeckt zu werden. Riesige Gewinne können sie mit dem Nachmachen von Markenwaren einstreichen - das reizt. Nur ein Prozent des späteren Verkaufspreises müssen zum Beispiel chinesische Fälscher-Werkstätten aufwenden, um ein Plagiat herzustellen. Marken-Turnschuhe, die in Deutschland nicht unter 120 Euro über den Ladentisch gehen, kosten die Fälscher vielleicht zwei Dollar.

Weil sich hier enorme Verdienstmöglichkeiten bieten, wird die Produktpiraterie längst von der organisierten Kriminalität betrieben. Im letzten Jahr stellte der Zoll auf einen Schlag mehr als einhundert Container mit gefälschten Uhren, Sportartikeln und Schuhen sicher - ein einziger Fälscherring hatte all diese Waren auf den Markt gebracht. Wäre die Schmugglerware nicht entdeckt worden - sie hätte 380 Millionen Euro eingebracht. Damit wird deutlich, welche Dimension das Fälschen von Markenwaren mittlerweile erreicht hat.

Drastische Gesetzesverschärfungen gefordert

Gegen die Logistik und Finanzkraft solcher Fälscherimperien helfen nur drastische Gesetzesverschärfungen, fordert Sven Holding, der beim US-amerikanischen Sportartikel-Hersteller Nike für den Markenschutz in Deutschland, Österreich und der Schweiz zuständig ist: "Produktpiraterie ist ein sehr lukratives Business. Es ist deutlich lukrativer als Menschen-, Drogen- oder Waffenschmuggel und es ist sehr straff organisiert. Also da müsste Bestrafung deutlicher werden. Momentan ist es wie ein Klaps auf den Po, wenn man so etwas betreibt."

Beschlagnahmte Waren

Der Zoll findet nur "Spitze des Eisbergs"

Der Zoll hat im Hamburger Hafen eine mobile Einsatzgruppe aufgestellt, um den Schmugglern das Leben möglichst schwer zu machen. Wenn es nötig ist, lassen die Beamten einen Container mit Gabelstaplern auspacken. Nicht selten entdecken sie dann hinter einer Tarnladung von drei bis vier Reihen billiger Badelatschen hochwertig gefälschte Markenprodukte wie Taschen, Computerspiele oder Brillen.

Lebensgefahr durch nachgemachte Medikamente

Dabei gingen die Produktpiraten völlig skrupellos vor, sagt Zollsekretär Oliver Christ. Der 38-jährige Beamte hat schon Mehrfach-Steckdosen ohne Überspannungsschutz sichergestellt, die sich leicht entzünden können, Verbandsmaterial, das nicht steril ist, oder nachgemachte Medikamente gegen Blut-Hochdruck, die lebensgefährlich sein können.

Jüngst fielen Oliver Christ Bremsbeläge in die Hände, die aus Kuhdung hergestellt waren - die Bremswirkung wäre gleich null gewesen. "Unter die beliebtesten drei Mode-Hersteller der gefälschten Marken fallen zur Zeit Louis Vuitton, Gucci, Nike und Adidas. In anderen Bereichen ist es so, dass das Patent von Philips bei den MP3-Playern und CD-Brennern gern gefälscht wird", erklärt Christ. "Da werden einfach die Rechte übergangen und Philips erhält die Gebühren eben nicht, die bei der Patentnutzung fällig werden, und da haben wir auch sehr große Aufgriffszahlen."

Beamte können lediglich Stichproben kontrollieren

Original-Ölfilter der Firma Hengst samt Verpackung und ein Plagiat

Original und Fälschung: Links ein Original-Ölfilter der Firma Hengst, rechts die Fälschung

Der Hamburger Hafen ist der wichtigste Umschlagsplatz für den Warenverkehr zwischen den Boomregionen in Asien und Osteuropa. Der Zoll weiß, dass in den Containern alles geschmuggelt wird, was gut und teuer ist. Von Ray-Ban-Sonnenbrillen über Chanel-Kostüme bis hin zu kompletten Ferrari-Sportwagen. Dennoch können die Beamten nur Stichproben machen. Es gibt nicht genügend Beamte, um alle Container zu kontrollieren. Deshalb können sie nur einen Bruchteil der Stahlboxen durchsehen, die in Hamburger Hafen umgeschlagen werden.

Die meisten Container kann der Zoll nicht untersuchen, sagt Horst Kallenbach, Präsident der Oberfinanzdirektion Hamburg. "Das ist unmöglich bei dem Personalbestand, den wir haben, und bei der Menge an Containern, die im Hafen jährlich auflaufen." Der Zoll konzentriere sich auf die Erkenntnisse der Risikoanalyse, erläutert Kallenbach: "Das können heute wenige Durchleuchtungen sein, morgen kann es aber eine Konzentration auf bestimmte Waren ausmachen. Und Sie wissen, dass Hamburg der wichtigste Hafen für asiatische Lieferungen in Deutschland ist, wenn nicht sogar in Europa, und gerade aus Asien kommen die Plagiate, und darauf haben wir jetzt ein besonderes Augenmerk zu richten."

Nur die Spitze des Eisbergs

Nachdem der Zoll kürzlich mehr als eine Million gefälschter Sportschuhe sicherstellen konnte, wurden diese Plagiate öffentlich geschreddert. Ein Erfolg sei dies, so Zollfahnderin Petra Lotzin, aber nur ein Teilerfolg. "Man sagt, dass der Zoll im Hamburger Hafen etwa fünf Prozent kontrolliert. Vielleicht ist es jetzt ein bisschen mehr, was wir alles aufgegriffen haben, aber ich denke zwischen fünf und zehn Prozent können wir im Moment aufdecken. Das ist wirklich nur die Spitze des Eisbergs."

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