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Afrika

Lothar Wagner: "Wir brauchen keine Seife, sondern Bestatter"

Drei Tage Ausgangssperre in Sierra Leone haben gegen Ebola nicht viel genutzt, sagt Lothar Wagner, der ein Jugendzentrum des Salesianer-Ordens in Freetown leitet. Für Aufklärungskampagnen sei es inzwischen zu spät.

DW: Herr Wagner, wie haben Sie und Ihre Mitarbeiter im Jugendzentrum "Fambul" in Freetown die dreitägige Ausgangssperre in Sierra Leone erlebt?

Lothar Wagner: Während der vergangenen Tage haben wir viele Straßenkinder aufgenommen, damit sie nicht während der Ausgangssperre von der Polizei aufgegriffen oder gar ins Gefängnis gesteckt werden. Jedes Kind wurde zuerst auf Ebola-Symptome untersucht. Wir haben Fieber gemessen und seine Gesundheitsgeschichte abgefragt. Gott sei dank, hatten wir bisher kein Kind mit Symptomen, die auf Ebola hindeuten. Aber wir haben uns darauf vorbereitet. Wir haben einen Arzt und Krankenpfleger, und haben eine Isolierstation eingerichtet. Und die Kinder hatten dann in den vergangenen vier Tagen ein Programm bei uns mit dem Schwerpunkt Aufklärung über Ebola.

Bei uns haben professionelle Sozialarbeiter diese Aufklärung durchgeführt. Was die Tausenden Freiwilligen der Regierung, die ein, zwei Stunden Vorbereitung hinter sich hatten, gemacht haben, ist damit leider nicht vergleichbar. Die sind von Haus zu Haus gezogen, haben Seife verteilt und selbst damit ein Viertel der Haushalte nicht erreicht. Es könnte sein, dass die Zahl der freiwilligen Helfer doch nicht so groß war, wie von der Regierung angenommen.

Die Regierung spricht von einem großen Erfolg ihrer Aktion. Mehr als 100 Ebola-Infizierte seien entdeckt worden und freiwillig in Krankenhäuser gegangen, heißt es.

Es ist normal, dass die Regierungsvertreter ihre eigenen Aktivitäten nicht schlechtreden. Insgesamt ist das ein riesiger Kraftakt gewesen: 21.000 Regierungsbeamte und Freiwillige zu rekrutieren in so einer kurzen Zeit - vor dieser Leistung habe ich Respekt. Aber das kommt viel zu spät. Im Moment haben wir das Problem, dass in vielen Häusern Tote liegen, die nicht beerdigt werden können. Die Toten müssen inzwischen bei der Regierung gemeldet werden. Die Menschen dürfen nicht mehr, wie bisher gewohnt, ihre Angehörigen selbst waschen und auf dem Friedhof bestatten.

Foto: Don Bosco Mondo e.V.

Bruder Lothar Wagner erklärt Jugendlichen, wie sie sich vor Ebola schützen können

Die Bestattungsinstitute sind aber überfordert. Die Wartezeit für einen Bestatter liegt inzwischen bei zwei Tagen. Das sind die Probleme hier! Der Angehörige eines Ebola-Toten sagte mir vor einigen Tagen: 'Wir brauen jetzt keine Seife von den Vereinten Nationen, sondern wir brauchen Bestatter, wir brauchen Ärzte.' Die Maßnahmen derzeit entsprechen nicht mehr der Situation in Sierra Leone. Wir brauchen die Energie, die in die Kampagne der vergangenen Tage geflossen ist, eigentlich dafür, dass wir Schutzkleidung bekommen, dass Soldaten für Sicherheit sorgen, dass Epidemie-Experten hierhergeschickt werden, Krankenhäuser und Labore aufgebaut werden. Das wären angebrachte Maßnahmen!

Auf diesen Gebieten sehen Sie gar keine Fortschritte in Sierra Leone?

Tatsache ist, dass Ebola-Patienten in Krankenhäusern nicht mehr aufgenommen werden, weil es nicht genügend Betten gibt. Bei Verdachtsfällen wird in Laboren Blut abgenommen. Dann werden die Patienten aber wieder nach Hause geschickt, statt sie zu isolieren, denn auch die Isolationsstationen sind überfüllt. Sicherheitsmaßnahmen für das Gesundheitspersonal werden nicht eingehalten, weil die Mitarbeiter überfordert sind und nicht ausreichend Schutzkleidung da ist.

Das heißt, dass den Menschen das Wissen aus der Aufklärungskampagne wenig nützt, wenn etwa gar kein Krankenhaus bereit ist, sie aufzunehmen, falls bei ihnen Ebola-Symptome auftreten?

So ist es. Deswegen hat die Regierung ihre Kampagne auch umdeklariert. Bis kurz zuvor hatte die Regierung ja angekündigt, in alle Hütten zu gehen, um Tote und Ebola-Infizierte zu finden. Dann sind aber die Leute gar nicht in die Häuser gegangen, sondern vor den Türen stehen geblieben und haben aufgeklärt. Einmal ist das aus Sicherheitsgründen geschehen, weil man Widerstand befürchtete, aber auch um eine Blamage zu vermeiden. Denn sonst hätte man feststellen müssen, dass man überhaupt keine Kapazitäten hat, sich um die Opfer zu kümmern.

Wie ist denn die Situation in Freetown und in Ihrem Jugendzentrum nach Ende der Ausgangssperre?

An ein normales Leben ist momentan nicht zu denken. Von den Kindern, die in den vergangenen Tagen zu uns kamen, sind viele derzeit noch bei uns. Wir haben die Familien oder Großfamilien kontaktiert und wollen sie sobald wie möglich wieder zu ihren Angehörigen zurückbringen. Selbst wenn diese Familien in Regionen leben, die unter Quarantäne stehen, ist es dort besser und sicherer für die Kinder als derzeit auf der Straße in Freetown.

Was braucht Sierra Leone denn am nötigsten von internationalen Gemeinschaft: Lebensmittel? medizinische Ausrüstung? Geld?

Geld sicher nicht! Sierra Leone ist eines der korruptesten Länder der Welt auf allen Ebenen, von den lokalen Behörden über Nichtregierungsorganisationen bis zur Regierung. Diese Korruption verschwindet in der Krise nicht. Was wir brauchen, ist Material und qualifiziertes Personal. Labore, mobile Kliniken, Schutzkleidung alleine reichen nicht. Wir brauchen auch das Personal, das in der Lage ist, die entsprechende Logistik dafür bereitzustellen, das die Krankenhäuser aufbauen und betreiben kann. Das alles muss zusammen kommen. Und mittlerweile brauchen wir auch Nahrung. Es ist jetzt Zeit für die Aussaat. Die fällt aber wegen Ebola aus. Die Preise steigen bereits und ich sehe die Gefahr, dass wir auch eine Hungerkrise bekommen.

Die deutsche Regierung sucht Freiwillige unter den Bundeswehrsoldaten für die mobilen Gesundheitseinrichtungen, die sie zur Verfügung stellen will. Haben Sie Verständnis dafür, dass die Menschen zögern, nach Westafrika zu kommen, um zu helfen? Wie gefährlich ist so ein Einsatz aus Ihrer Sicht?

Wir brauchen ja Experten. Und die haben auch das nötige Material und das Know-how. Wenn sie das mitbringen, sehe ich keine Gefahr für die Soldaten, hier zu arbeiten. Solche Einrichtungen sind genau das, was wir jetzt dringend brauchen. Man muss jeden einzelnen fragen, der dieses Know-how hat, warum er das jetzt nicht hier vor Ort anwendet.

Bruder Lothar Wagner vom Orden der Salesianer Don Boscos lebt seit 2008 in Freetown, der Hauptstadt des westafrikanischen Landes Sierra Leone. Der Deutsche leitet dort das Jugendzentrum Fambul, das sich um Straßenkinder kümmert.

Das Interview führte Max Borowski.