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Kultur

Ljubka: "Russland ist das Problem"

Andrij Ljubka ist so etwas wie der Shooting-Star der ukrainischen Literatur-Szene. Im DW-Interview schildert er, wie junge Ukrainer Russland erleben und warum er die Zukunft seines Landes optimistisch sieht.

DW: Vor einem halben Jahr erlebte ich Sie und etliche andere ukrainische Schriftsteller auf dem Meridian Literatur Festival in der ukrainischen Stadt Czernowitz. Damals konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Ukraine dabei war, eine eigene Identität herauszubilden, sich zwischen Westeuropa und Russland zu verorten. Sehen Sie das auch so?

Andrij Ljubka: Ja, ich stimme diesem Eindruck zu. Zum ersten Mal in den vergangenen 400 Jahren hatte die Ukraine die Möglichkeit, selbstbestimmt zu sein und seine Gegenwart und seine Zukunft zu gestalten. Die Revolution auf dem Maidan ist getragen von eben jenen Menschen, die in den vergangenen 20 Jahren geboren beziehungsweise aufgewachsen sind. Das sind Menschen mit einem neuen Denken.

Sie sind 1988 geboren. Als Sie heranwuchsen war die Sowjetunion schon fast Geschichte. Wie sehen Sie und Ihre Generation Russland? Ist Russland ein potentieller Partner oder eine Bedrohung?

Ein Intellektueller hat die Situation ganz treffend beschrieben: Mit der Ukraine und Russland verhält es sich so, als wäre man "im Bett mit einem Elefanten". Wir können den Elefanten lieben oder auch nicht. Er mag uns gefallen oder auch nicht, aber jede Bewegung des Elefanten, selbst die allerkleinste, ist spürbar und ruft Bedrohung oder Unbehagen hervor. In all diesen Jahren war Russland in der Ukraine stark präsent, es gab keinerlei Probleme. Ein Beispiel: Die Mehrheit der Zeitungen in der Ukraine erscheint in russischer Sprache, die Mehrheit der Fernsehkanäle ist entweder russischsprachig oder kommt aus Russland.

"Nicht die Ukraine ist das Problem, sondern Russland"

Jetzt zeigt sich: Das Problem ist nicht die Ukraine, sondern leider Russland. Das Land achtet die Ukraine als Staat nicht. Ganz häufig hört man, dass es die Ukraine als Nation gar nicht gäbe, Ukrainisch keine eigenständige Sprache sei. Wahr ist: Das ist nicht nur die Position Putins, sondern so denken 60 bis 70 Prozent der Russen. Das ist auch der Grund, warum Putins Beliebtheit nach den Ereignissen auf der Krim so gestiegen ist. Russland war in all diesen Jahren weder ein Freund, noch ein Partner. Es war wie mit einem Rüpel auf der Straße, der die Kleineren verprügelt und ihnen ihre Sachen abnimmt. Partner können wir erst werden, wenn sich die Haltung der Russen gegenüber den Ukrainern ändert.

Es wird viel geredet und geschrieben über die vermeintliche Spaltung der Ukraine. Wie ist das in Ihrer Generation: Gibt es einen Unterschied zwischen den jungen Ukrainern im Westen des Landes und den Ukrainern im Südosten? Spaltet die Sprache die junge Generation?

Natürlich spüre ich einen Unterschied. Umfragen im Osten der Ukraine, die unmittelbar nach den ersten Prügelattacken der Miliz auf Studenten auf dem Maidan durchgeführt wurden, zeigen, dass die Jugend im Osten auf Seiten der Sicherheitskräfte war! Es hat mich sehr verwundert, aber wie es scheint, ist es so. Es ist eine Frage der Mentalität, in welcher Umgebung man aufgewachsen ist, wie man erzogen ist, eine Frage der kulturellen Entwicklung.

Im Osten der Ukraine gibt es junge Leute, denen Russland näher ist als die Europäische Union, die gegen europäische Werte sind, die darin etwas Feindliches sehen. Im Westen des Landes ist die Lage anders. Ich betone noch einmal: Es ist keine Frage der Sprache, sondern der Mentalität. Das lässt sich allein daran sehen, dass die Hälfte der Menschen auf dem Maidan, wenn nicht gar mehr, russisch gesprochen hat und sehr wohl für eine Integration des Landes in die EU eingetreten ist.

Was die Ukrainer zusammenbringen kann

Mir scheint, dass sich junge Ukrainer in den verschiedenen Teilen des Landes recht fremd sind und es nicht viele Kontakte gibt. Wie erklären Sie sich das? Und: Wie kann man die jungen Ukrainer zusammenbringen? Welche Rolle können Intellektuelle und Sie persönlich als junger Schriftsteller dabei spielen?

Die Ukraine ist ein sehr großes Land. Von West nach Ost ist man zwei Tage unterwegs. Es gibt durchaus Kontakte zwischen den Landesteilen, aber es ist wichtig, die Informationspolitik des Staates zu ändern, die Bildung. Es ist nicht richtig, dass es bei uns so viele russische Fernsehsender gibt, die Propaganda verbreiten. Es wäre so wichtig, dass die Europäische Union die Ukraine von der Visapflicht befreit. Dann könnten die Menschen reisen und mit eigenen Augen sehen, was Europa ausmacht.

Die Schriftsteller haben eine wichtige Rolle in intellektuellen Diskursen, aber diese erreichen nicht alle 46 Millionen Ukrainer - ohne die Krim nur noch 44 Millionen. Die Statistiken besagen, dass die gebildeteren Menschen für eine liberale europäische Ukraine eintreten, während die weniger gebildeten Putins Diktatur unterstützen und für einen neuen Eisernen Vorhang sind.

Der Blick in die Kristallkugel

Wo sehen Sie die Ukraine in fünf Jahren: geeint oder getrennt?

Ich denke, dass die Ukraine in fünf Jahren geeint ist – aber ohne die Krim. Meiner Ansicht nach ist das gut so, denn die Krim war ein Fremdkörper. Dort leben Menschen, die alles Ukrainische verachten. Leidtragende sind die Krimtataren. Mir tun sie sehr leid. Ich denke, man muss ihnen unbedingt helfen, ihnen möglicherweise anbieten, auf ukrainisches Festland überzusiedeln.

In den anderen Regionen im Osten des Landes gibt es keine prorussische Mehrheit. Denn nach der Okkupation der Krim haben viele Menschen zu verstehen begonnen, dass Russland beinahe ein Feind ist, kein Partner, kein Freund. Ich bin überzeugt, dass die prorussische Stimmung mit der Zeit immer mehr abnimmt. Wenn die Ukraine tiefgreifende Reformen durchführt, werden die Menschen von sich aus in einem neuen, modernen, europäischen Land leben wollen. Der Lebensstandard und ein erfolgreicher Staat werden für sich sprechen. Darin bin ich Optimist: Es wird uns gelingen.

Das Interview führte Birgit Görtz.

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