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Kultur

Literatur feiern und feiern und feiern…

Die lit.Cologne ist zehn Jahre alt und nennt sich stolz Europas größtes Literaturfest. Zehntausende Besucher werden erwartet. Wir fragen uns: Warum wollen Menschen Literatur "live" erleben, statt selber zu lesen?

Logo der lit.Cologne 2010 (Foto: Martin Langhorst)

Rainer Osnowski ist ein wahrer Bücherwurm. Abends auf dem warmen Sofa ein Buch lesen oder im Sommer im kühl-schattigen Liegestuhl – das ist für ihn durch nichts zu ersetzen. Aber durchaus noch zu steigern, nämlich durch ein Literaturfestival. Das Lesen in großen Menschenmengen, in Theatern und auf öffentlichen Plätzen, das ist sein Projekt.

Rainer Osnowski ist einer der drei Geschäftsführer der lit.Cologne. Vor zehn Jahren gründete er mit seinen zwei Freunden Edmund Labonté und Werner Köhler das Literaturfestival. Aus dem, was für manche eine sehr introvertierte Tätigkeit ist, das Lesen, machten sie ein Volksfest. Einmal im Jahr feiern die drei Herren die Literatur, lassen sie glänzen und in die Öffentlichkeit treten. Nicht das Fachpublikum soll sich mit den Autoren austauschen, sondern alle Anderen.

Jazz, Operngesang und – ach ja: viele Bücher

Rainer Osnowski, Dr. Edmund Labonté und Werner Köhler, die drei Geschäftsführer der lit.Cologne. (Foto: Stefan Worring)

Rainer Osnowski, Edmund Labonté und Werner Köhler

Schon im ersten Jahr kamen 30.000 Besucher zu den Veranstaltungen. Damit hatten die drei nicht gerechnet. Lesefestivals in dieser Form gab es damals noch nicht in Deutschland und die Idee, gleich mehrere Lesungen an einem Abend anzubieten, schien etwas verrückt. Inzwischen gibt es viele Literaturfestivals. Das Internationale Literaturfestival in Berlin zum Beispiel und viele weitere kleinere in Deutschland und Europa.

Im Jubiläumsjahr erwarten die Initiatoren der lit.Cologne mehr als 80.000 Besucher und damit darf es sich Europas größtes Literaturfest nennen. An insgesamt elf Festivaltagen werden über 175 Veranstaltungen angeboten. "Das ist ganz klar ein Überangebot", sagt Osnowski, "und das ist auch so gewollt." Keiner soll sich fragen, ob sie auf die lit.Cologne gehen, sondern zu welcher speziellen Veranstaltung.

Herta Müller ist der Star

Neben Autorenlesungen, die inzwischen schon Standard sind, gibt es in diesem Jahr wahre Lesefeuer mit Jazz, ja sogar mit Operngesang und einen 24-Stunden-Lesemarathon in der Innenstadt. Und natürlich viel Prominenz, der Garant für gute Publikumszahlen. "Den Lieblingsautor", so Osnowski, "will ich doch auch mal live sehen. Wie ist der Mensch, hält er das, was sein Buch verspricht auch in seiner Persönlichkeit, wie liest er vor, was hat er für eine Stimme?"

Herta Müller auf einer Lesung im Januar 2010 beim WDR (Foto: WDR/ Dirk Borm)

Wie ist Herta Müller wohl auf der Bühne?

In diesem Jahr haben sich Osnowski und sein Team die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller gesichert. Aber auch andere international bekannte Schriftsteller wie Nick Hornby und Javier Marías stehen neben der deutschen Prominenz eines Martin Walser auf dem Programm. Weniger bekannte Autorinnen und Autoren sollen durch Schauspielerinnen wie Hannelore Hoger, Fritzi Haberland oder Maria Schrader unterstützt werden. Geht es vielleicht also gar nicht so sehr darum, was gelesen wird, sondern vielmehr darum, wer liest? Osnowskis Mitstreiter in Sachen Literaturfest, Werner Köhler, bestreitet das. Er glaubt, dass die bekannten Gesichter und Stimmen zum Selberlesen animieren können. "Ich behaupte, ich kann jeden Menschen zum Lesen bringen", sagt er, "man muss bloß das richtige Buch für ihn finden."

Politik und Unterhaltung

Bei all dem Werben fürs Lesen: Die Macher sagen, es gehe bei der lit.Cologne nicht darum Bücher zu verkaufen. Dafür seien die großen Messen zuständig in Frankfurt am Main und Leipzig. Trotzdem präsentieren sich natürlich auch bei der lit.Cologne die großen Verlagshäuser und weniger die kleinen unbekannten. Die Veranstaltungsorte wie Philharmonie und Schauspielhaus sind massenkompatibel, kleine Buchhandlungen können da schlecht mitmischen.

Kölner Philharmonie (Foto: Martin Langhorst)

In der Kölner Philharmonie wird genauso gelesen wie auf öffentlichen Plätzen der Innenstadt

Trotzdem bietet die lit.Cologen noch mehr als eine Messe. Man will anders sein. Wie mit dem Literaturmarathon, wo doch tatsächlich 24 Stunden an öffentlichen Plätzen in der Kölner Innenstadt gelesen wird. Wo sich Schauspieler, Autoren, Leser und Passanten treffen können - um zehn Uhr abends mit einem Wein ebenso wie um sechs Uhr morgens mit dem Kaffee in der Hand. Autorenlesungen gibt es zwar auch in Leipzig und Frankfurt, hier drehe sich aber alles um Neuerscheinungen, meint Osnowski. Bei der lit.Cologne hingegen wird auch mal auf ältere Bücher zurückgegriffen, die nach Meinung der Organisatoren gesellschaftlich wieder relevant sind.

Brodeln im Kopf

"Das Literaturfestival verstehen wir auch als politisches Statement", sagt Osnowski. In diesem Jahr steckt unter anderem China in diesem Statement. Dem chinesischen Autor Liao Yiwu wurde die Ausreise zum Festival nach Deutschland verweigert, deshalb findet anstelle der Lesung eine Diskussionsrunde über Menschenrechte in China statt. Außerdem trifft Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller auf den chinesischen Dissidenten Ai Weiwei. Man will sich einmischen in einen Diskurs, zum Beispiel auch in den um die weltweite Finanzkrise.

"Bewusst lassen wir in diesem Jahr zwei Frauen über die Finanzkrise diskutieren und nicht Männer", die, so Osnowski, die Krise schließlich ausgelöst hätten. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun debattiert mit der Managerin des Jahres 2003 und ehemaligen Vorstandsmitglied der Citibank, Christine Novakovic. Trotz vieler ernster Themen will die lit.Cologne vor allem ein Festival sein. "Wenn die Menschen am Abend nach Hause gehen, dann sollen sie vor allem einen schönen Abend gehabt haben", sagt Werner Köhler. "Wenn es dann hinterher im Kopf noch ein bisschen brodelt, dann ist es uns nur Recht."

Autorin: Sarah Judith Hofmann

Redaktion: Marlis Schaum

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