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Afrika

Libyen: Vom Schurken zum Partner

Ein Schurke ist er nicht mehr. Zumindest wurde das Libyen Muammar al-Gaddafis vor drei Jahren von der US-amerikanischen Liste der "Schurkenstaaten" gelöscht. Seitdem wollen viele wieder gern Geschäfte mit ihm machen.

Fotomontage Gaddafi auf Thron (AP/DW)

Muammar Gaddafi auf dem Thron (Montage)

Es ist schwer, sich Libyen ohne Muammar al-Gaddafi vorzustellen. Am ersten September 1969 stieß der damals 27-jährige Oberst König Idris von seinem Thron - und hält sich seitdem an der Macht. Das politische System Libyens krempelte er komplett um. Seinem Volk versprach er einen basisdemokratischen Sozialismus islamischer Prägung.

Gaddafi wurde selbst zu einem fast absoluten Herrscher - auch wenn er seit Ende der siebziger Jahre offiziell kein Amt mehr bekleidet. Der selbsternannte "Führer der Revolution" und seine Revolutionskomitees im ganzen Land wachen streng über die Entscheidungen der Volkskongresse, mit denen sich die Libyer eigentlich selbst regieren sollen. Gaddafi polarisiert die Welt.

Archivbild Gaddafi (AP)

Muammar al-Gaddafi vor 39 Jahren in Tripolis

Der ehrgeizige Diktator nahm sich nicht nur vor, die libysche Gesellschaft von Grund auf zu verändern. Gaddafi konnte es sich leisten, Freiheitskämpfer und Terroristen in aller Welt zu unterstützen, denn das Öl spülte in den siebziger Jahren Milliarden von Petrodollars in die libysche Staatskasse. Ob die IRA oder die PLO, ob der ANC in Südafrika oder die Sandinisten in Nicaragua, die Liste der Nutznießer libyscher Gelder ist lang.

Eskalation in den 1980er Jahren

Während Gaddafi mit seinem Ölreichtum Freunde in aller Welt unterstützt, wenden sich die westlichen Staaten immer mehr von ihm ab.

In den achtziger Jahren eskalierten dann die Provokationen zwischen Gaddafi und den USA. Bei dem Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle kommen zwei amerikanische Soldaten ums Leben. Für die USA ist klar, wer dahinter steht. Wenige Tage später bombardieren amerikanische Kampfflugzeuge die libyschen Städte Tripolis und Benghazi. Gaddafis Adoptivtochter kommt dabei ums Leben. Der Angriff, so der damalige US-Präsident Ronald Reagan, werde nicht nur Gaddafis Fähigkeit verringern, Terrorismus zu exportieren, sondern ihm auch Gründe geben, sein kriminelles Verhalten zu ändern.

Sanktionen nach Terroranschlägen

Lockerbie-Attentäter Al Megrahi (AP/DW)

Der Lockerbie-Attentäter Al Megrahi - wieder in Libyen

Aber Gaddafi war dazu noch nicht bereit, und seine Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die Anschläge auf den PanAm Flug 103 über Lockerbie und auf Flug 772 der französischen UTA werden von den westlichen Geheimdiensten und Gerichten als Rache Gaddafis für den US-Angriff gewertet.

Lange weigerte sich der Oberst, die Tatverdächtigen von Lockerbie auszuliefern. Der UN-Sicherheitsrat verhängte Sanktionen. In den folgenden Jahren war Gaddafi international isoliert - die Wirtschaft seines Landes litt schwer an der Blockade.

Libysche Entspannungspolitik

Ende der neunziger Jahre dann der Umschwung: Gaddafi veränderte seine Außenpolitik radikal. Er lieferte die Lockerbie-Verdächtigen aus und entschädigte die Opfer des Terrors. 2003 legte er sogar sein Atomprogramm offen, woraufhin die UNO die Sanktionen komplett aufhob. Europäische Staatsoberhäupter gaben sich in Tripolis schon bald die Klinke in die Hand - offenbar wollte keiner auf mögliche Geschäfte mit Libyen verzichten. Die Menschenrechtsfrage rückte dabei in den Hintergrund, beklagte unter anderem die französische Menschenrechtsbeauftragte.

Exzentrisch bis zur Provokation

Großposter mit Bild Gaddafis (picture alliance)

40 Jahre Revolution werden in Libyen groß gefeiert

Die neuen Beziehungen zum Westen machten aus Gaddafi aber noch längst keinen Mainstream-Politiker. Exzentrik und Provokationen prägen seine Staatsbesuche: Beim Staatsbesuch in Italien trug er ein großes Foto des libyschen Widerstandskämpfers Omar al-Mukhtar am Revers seiner Gold besetzten Uniform. Die italienische Kolonialmacht hatte al-Mukhtar 1931 hinrichten lassen. Bei seinem Besuch in Frankreich provozierte er, indem er Frankreich aufforderte, die Menschenrechte der Zuwanderer zu respektieren.

Es ist nicht nur Gaddafis undiplomatisches Auftreten, sondern auch sein skurriles Gehabe, das viele Beobachter verstört. Mal kommt er in opulenter Uniform, mal in fantasievollen afrikanischen Gewändern. Seine Sonnenbrille ist zu einem Markenzeichen geworden. Auf Reisen logiert der Beduinensohn in Zelten, und seine Kamelstute liefert ihm frische Milch. Auch seine Leibgarde ist wohl einmalig unter den Staatsmännern dieser Welt: Sie besteht ausschließlich aus Frauen.

Gaddafi gibt sich gerne als Emanzipator der islamischen Frau. Wenn die Gesellschaft in Not ist, so Gaddafi, müsse sie all ihre Ressourcen mobilisieren. Und wenn man sich verteidigen muss, müssten Frauen wie Männer ihren Beitrag leisten. Im Gegensatz zur arabischen Welt gebe es in Afrika keinen gesellschaftlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Abkehr von der arabischen Welt

Gaddafi vor afrikanischen Flaggen (AP)

Gaddafi treibt die Vereinigten Staaten von Afrika voran

Dorthin - nach Afrika also - hat Gaddafi denn auch sein Interesse verlagert, nachdem er daran gescheitert ist, die arabische Welt zu vereinigen. In diesem Jahr sitzt der libysche Staatschef der Afrikanischen Union vor. Er selbst bezeichnet sich schon als "König von Afrika".

Autor: Philipp von Bremen
Redaktion: Dirk Bathe

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