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Asien

Letzte Hoffnung Malaysia

Tausende Rohingya, die versuchen, sich per Boot nach Malaysia durchzuschlagen, stecken auf hoher See fest. Denn Malaysia verweigert ihnen die Einreise. Trotzdem gilt das Land als Wunschziel für die Flüchtlinge.

Experten zufolge sorgte ein erst vor kurzem erfolgter Schlag gegen Menschenhändler in Thailand dafür, dass die Schmuggler sich nicht mehr trauen, die Flüchtlinge an Land zu bringen. Normalerweise dient der von dichtem Dschungel bewachsene Süden Thailands als erste Anlaufstelle für die Menschenhändler. Von hier aus werden die Flüchtlinge üblicherweise über die grüne Grenze nach Malaysia gebracht. Doch das Vorgehen Thailands hat die Situation für die Flüchtlinge auf hoher See noch verschärft. Das Arakan-Netzwerk, eine Hilfsorganisation, die die Flüchtlingssituation der Rohingya beobachtet, rechnet mit bis zu 8.000 weiteren Flüchtlingen, die noch auf Booten im Golf von Bengalen festsitzen.

Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge kann jede Verzögerung bei der Rettung der Flüchtlinge schwere Folgen haben. Rund 40 Prozent der Flüchtlinge sind unterernährt, nicht wenige leiden an Beriberi, einer komplexen Vitaminmangelerkrankung. "Darüber hinaus ist die Situation auf diesen Booten brutal. Menschen drängen sich dicht an dicht, können sich nicht bewegen, haben keinen Zugang zu Toiletten oder Waschräumen", erklärt Jeffrey Labovitz, Thailand-Chef der IOM, gegenüber der DW: "Die Wasservorräte werden oft durch Fäkalien verunreinigt, und sobald die Flüchtlinge seekrank werden, dehydrieren sie auch ganz schnell."

Infografik Flucht aus Myanmar (Grafik: DW)

Verraten und verkauft

Die meisten der Flüchtlinge sind Rohingya, Muslime aus Myanmar. Im mehrheitlich buddhistischen Myanmar gelten die rund 800.000 Rohingya als illegale Einwanderer aus Bangladesch. Die meisten von ihnen besitzen keine Staatsbürgerschaft; immer wiederkehrende Ausbrüche religiös-ethnischer Gewalt zwangen viele zur Flucht. Aber auch in Bangladesch sind sie unwillkommen. "Ein ganzes Volk glaubt, dass sein einziger Ausweg darin besteht, übers offene Meer nach einem Land zu suchen, dass ihm Asyl gewährt", so Matthew Smith von der Menschenrechtsorganisation "Fortify Rights" gegenüber der DW. Das UN-Flüchtlingswerk schätzt die Zahl der seit 2012 durch Thailand geschleusten Rohingya auf eine Viertelmillion. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2015 sollen 25.000 Menschen in Booten außer Landes geschleust worden sein.

"Um der Diskriminierung zu entfliehen, kontaktieren die Rohingya normalerweise einen Unterhändler, der ihnen weismacht, sie für umgerechnet rund 200 US-Dollar direkt nach Malaysia zu bringen." Tatsächlich aber landen viele von ihnen in Südthailand, wo sie in illegalen Flüchtlingscamps tief im Dschungel festgehalten werden. Dann wird von ihren daheimgebliebenen Familien ein Lösegeld verlangt. Thailands Regierung entschied sich erst vor kurzem dazu, massiv gegen die Menschenhändler vorzugehen, nachdem mehrere Massengräber mit Leichen von Flüchtlingen im Dschungel an der Grenze zu Malaysia entdeckt worden waren.

Illegal, aber toleriert

Für die meisten Rohingya hat sich das mehrheitlich muslimische Malaysia in den letzten Jahren zum Wunschziel Nummer eins entwickelt. Und das hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Gerhard Hoffstaedter von der University of Queensland in Australien erklärt, dass Malaysia den Rohingya nicht nur als sicher gilt, sondern auch als Ort, an dem man sich ein neues Leben aufbauen kann. "Ich sprach kürzlich mit einer Familie, die Jahre zuvor mit kaum mehr als ihren Kleidern am Leib in Malaysia angekommen war. Heute betreibt die Familie einen kleinen Einkaufsladen, und sie kann alle ihre Kinder zur Schule schicken – auch wenn dies nur eine Flüchtlingsschule ist, die keine offiziellen Abschlüsse verteilt", so Hoffstaedter.

Jahabar Sadiq, Chefredakteur des Nachrichtenportals "The Malaysian Insider", erklärt, dass es mindestens eine Million Bangladeschis gibt, die in Malaysia leben. Rund 100.000 von ihnen sind Rohingya. Viele besitzen keine Dokumente, oder sie sind geblieben, obwohl ihr Visum abgelaufen ist. Offiziell dürften sie nicht arbeiten. Aber viele verdienen sich als Tagelöhner auf Plantagen oder im Baugewerbe und unterstützen von dem Geld ihre daheimgebliebenen Familien. So sorgen sie dafür, dass dringend gebrauchte ausländische Devisen nach Bangladesch fließen.

Ein Großteil der malaysischen Gesellschaft besteht aus Einwanderern, deshalb sind die meisten Malaysier Migranten gegenüber auch sehr tolerant, sagt Sadiq. Gleichzeitig hätten sich die Rohingya in den letzten drei Jahrzehnten gut integriert. "Wir teilen denselben Glauben, viele Rohingya haben inzwischen Einheimische geheiratet, und einige haben es sogar geschafft, die malaysische Staatsbürgerschaft zu erlangen." Dennoch, so Sadiq, behandelt Malaysia die meisten Rohingya als Illegale, obwohl das UNHCR ihnen Flüchtlingsausweise ausgestellt habe. Daher leben viele heute ohne offiziellen Status, verrichten niedere Arbeiten und bleiben ansonsten unter sich. Die Organisation Fortify Rights hat bereits mehrere Fälle von Erpressung durch die malaysische Polizei, von Ausbeutung durch einheimische Arbeitgeber und anderen Diskriminierungen dokumentiert.

Trotz allem halten viele Rohingya Malaysia für das deutlich attraktivere Ziel als etwa Indonesien. "In Indonesien gibt es keine Jobs, und auch keine Netzwerke, um die Flüchtlinge im Land weiterzuverteilen. Die meisten Rohingya, die nach Indonesien kommen, sehen das Land nur als Sprungbrett, um sich weiter nach Australien durchzuschlagen. Doch Canberra verfolgt eine extreme rigide Flüchtlingspolitik, die auch nicht davor zurückscheut, Flüchtlingsboote zurück aufs offene Meer zu schleppen", so der unabhängige Südostasienexperte Zachary Abuza gegenüber der DW.

Bessere Bedingungen

Eine Rohingya in einem Auffanglager in Malaysia (Foto:Getty Images)

Eine Rohingya in einem Auffanglager in Malaysia

Auf der anderen Seite glauben viele Flüchtlinge, dass Malaysia sich ihnen gegenüber deutlich freundlicher verhält als Indonesien. "Als aufstrebende Wirtschaftsnation hängt Malaysia sehr von billigen Arbeitskräften ab", so Abuza. "Es gibt ganze Wirtschaftssektoren, in denen die städtische Mittelklasse selbst nicht arbeiten möchte, etwa im Baugewerbe, im Straßenbau, auf Palmölplantagen oder als Hausangestellte."

Zudem hat das Schicksal der Rohingya und der blutige Konflikt im Rakhine-Staat im Westen Myanmars in der malaysischen Gesellschaft zuletzt großes Mitleid erregt. "Malaysia hat seine Außenpolitik darauf zugeschnitten, andere muslimische Völker zu unterstützen. Jahrelang spielte Kuala Lumpur eine führende Rolle bei den Verhandlungen zwischen den Rebellen im Rakhine-Staat und der Regierung in Naypyidaw", so Abuza. Malaysia hat bei der südostasiatischen Staatengemeinschaft ASEAN darauf gedrängt, sich der Situation der Rohingya anzunehmen, doch Naypyidaw blockiert jeden Versuch, den Konflikt auf überregionaler Ebene zu lösen. Jetzt, da die Flüchtlingskrise ein immer größeres Ausmaß annimmt, zeigen Malaysia und die anderen südostasiatischen Regierungen kaum Bereitschaft, tausende verzweifelter Flüchtlinge aufzunehmen.

Zu wenig, zu spat?

Arbeiterin auf einer Kautschuk-Plantage in Malaysia (Foto:afp)

Auch auf Kautschuk-Plantagen wie dieser finden Rohingya Arbeit

Nun will Thailand für den 29. Mai einen Regionalgipfel einberufen, der sich um die Folgen der Krise kümmern soll. Doch für die Flüchtlinge, die sich derzeit auf hoher See befinden, könnte das schon zu spät sein. "Dies ist eine schwere humanitäre Krise, die dringend schnelle Antworten benötigt", sagt Matthew Smith. "Tausende Leben sind in Gefahr. Die Regierungen müssen entschlossen handeln und die Flüchtlinge retten und beschützen, anstatt sie wieder auf das offene Meer hinauszuschicken." Mehrere Menschenrechtsgruppen appellierten an alle drei Regierungen, ihre Grenzen zu öffnen und den Flüchtlingen zumindest die Möglichkeit zu geben, einen Asylantrag zu stellen.

Derweil wird sich die Situation der Rohingya in Myanmar in der näheren Zukunft kaum verbessern. "Hier braucht es eine überregionale Lösung, die vor allem die Staatsbürgerschaft für die Rohingya sowie den Schutz von Grund- und Menschenrechten in Myanmar beinhaltet. Doch da wird sich kaum etwas tun", so Abuza: "Stattdessen werden die Schleuser einfach weitermachen wie immer, sobald sich der öffentliche Aufschrei wieder gelegt hat."

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