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Kultur

Leifeld: "Man muss immer etwas Neues versuchen"

Bernd Leifeld räumt nach fast 20 Jahren seinen Posten als Geschäftsführer der documenta. Im DW-Interview lüftet er das Erfolgsgeheimnis der Kasseler Ausstellung für zeitgenössische Kunst.

Die im Fünf-Jahres-Rhythmus stattfindende documenta in Kassel gehört zu den wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Zum 01. April 2014 tritt Annette Kulenkampff die Nachfolge des langjährigen Geschäftsführers Bernd Leifeld an. Im DW-Interview spricht der 64-Jährige über die documenta, deren Bedeutung für die Kunstwelt unter seiner Führung weiter gestärkt wurde.

DW: Fast 20 Jahre lang waren Sie Geschäftsführer der documenta. Vier documenta-Ausstellungen haben Sie seit 1996 als Geschäftsführer möglich gemacht. Warum ziehen Sie sich jetzt zurück?

Bernd Leifeld: Ich habe viermal die documenta mit sehr unterschiedlichen künstlerischen Leitern gemacht. Vor vier Jahren habe ich dann leichtsinnig gesagt, dass ich meinen Platz als Geschäftsführer 2014 räumen werde. Hätte ich gewusst, dass nun Adam Szymczyk neuer künstlerischen Leiter wird… . Es wäre sicher mit Adam Szymczyk ein neues Abenteuer geworden. Aber ich habe mich entschieden. Außerdem werde ich im Sommer 65 Jahre alt. Ich gehe mit zwei weinenden Augen. Die Aufgabe ist abwechslungsreich und wichtig und ich bekomme viele positive Rückmeldungen. Die Position der documenta hat in der Kunstwelt eine Stärkung erfahren, die Anbindung an die Stadt Kassel ist gewachsen.

An einer Wand in Ihrem Büro steht der Spruch: "Wir meinen aber, man könnte etwas Neues versuchen." Wie sehr hat Sie der Spruch des documenta-Gründers Arnold Bode beeinflusst?

Das Besondere an der documenta ist, dass man mit jedem künstlerischen Leiter bei Null anfängt. Im Vertrag des künstlerischen Leiter steht nur, dass er die documenta zu leiten hat, dass er pünktlich eröffnen und mit dem Budget auskommen muss. Ansonsten definiert der künstlerische Leiter die Ausstellung selbst. Sie könnte theoretisch auch in seinem Büro stattfinden. Das ist der Kern der documenta. Man muss immer etwas Neues versuchen. Deshalb habe ich den Spruch von Arnold Bode zu meinem Leitspruch gemacht.

Wie hat sich die documenta unter Ihrer Leitung verändert?

Adam Szymczyk Documenta 14 (Foto: dpa)

Der künstlerische Leiter der kommenden documenta: Adam Szymczyk

Die künstlerischen Leiter - in meiner Zeit waren das Catherine David, Okwui Enwezor, Roger M. Buergel und Carolyn Christov-Bakargiev - haben zur Stärkung der documenta geführt. Wir haben eine Organisation geschaffen, die den künstlerischen Leitern Freiheiten gibt, die sie brauchen, um Neues zu schaffen. Mein Ziel war es, die Institution immer für Neues offen zu halten. Technisch hat sich natürlich einiges geändert. Aber ich habe auch eine Sponsoringstrategie entwickelt, die neu ist für Kulturinstitutionen. Es ist eben nicht denkbar, dass sich der künstlerische Leiter mit dem Logo der documenta auf dem Hemdkragen ins Fernsehstudio setzt oder dass das Logo neben ein Kunstwerk geklebt wird. Deshalb haben wir unser Logo zu den Sponsoren gebracht. Und das hat funktioniert. Wir haben der Institution dadurch ein Gesicht gegeben, das ihr adäquat ist.

Die documenta ist wirtschaftlich erfolgreicher geworden. Die Besucherzahlen sind unter Ihrer Führung gestiegen. Wie haben Sie das erreicht?

Der wichtigste Sponsor ist der Besucher. Beim letzten Mal hatten wir in 100 Tagen, so lang dauert eine documenta-Ausstellung, 905.000 Besucher in Kassel. Und zwar deshalb, weil wir gerade nicht das Niveau senken, sondern die inhaltliche Latte sehr hoch legen. Als Besucher der documenta wird man gefördert und gefordert. Damit setzen wir Maßstäbe. Wir bieten dem Publikum etwas, indem wir vorausgehen. Er muss aber auch folgen können. Deshalb haben wir unterschiedliche Vermittlungsformen entwickelt, zum Beispiel die "Worldly Companions", die weltgewandten Begleiter. Das waren 150 Bürger aus Kassel, die die Besucher durch die Ausstellung führten. Das Geheimnis des Erfolgs ist: Wir sind eine Bildungsinstitution, die inhaltlich "vorausgeht", die interessante Themen präsentiert und alles dafür tut, dass das Publikum ihr folgt.

Sie haben schon mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun gehabt: Mit selbstbewussten künstlerischen Leitern, mit mächtigen europäischen Staatschefs, mit der norwegischen Königin, mit Künstlern und den Besuchern der documenta. Haben Sie nach so langer Zeit als Geschäftsführer eine Strategie oder eine Routine entwickelt, auf Menschen zuzugehen und erfolgreich - auch mit komplizierten Charakteren - zusammenzuarbeiten?

Das geht nur ohne Routine und mit Zuwendung zum jeweiligen Gesprächspartner. Jeder, der mit der documenta zu tun hat, merkt, dass es sich um eine verantwortungsvolle Tätigkeit handelt. Wir sind nicht für die Zerstreuung da, sondern zur Konzentration. Wir stehen für Ernsthaftigkeit und Verantwortlichkeit. Wir sind eine Bildungsinstitution und atmen den "spirit of documenta". Dass das funktioniert, sehen auch die Gäste. Alle erkennen die Besonderheit der Institution. Klar ist: Wir sind keine Wohlfühloase, sondern helfen den Besuchern, sich auf die Themen zu konzentrieren, die wir setzen.

Was möchten Sie Ihrer Nachfolgerin Annette Kulenkampff noch auf den Weg geben?

Ich gebe keine Ratschläge. Für mich waren die 100 Tage der documenta-Ausstellung immer die reine Erholung. Die vorrangige Aufgabe wird es sein, das Kleinod weiterhin zu schützen und es für die Zukunft zu bewahren.

Das Interview führte Kristina Reymann.

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