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Wirtschaft

Leichter zum Job in Deutschland?

Fachkraft statt Hilfskraft: Die Anerkennung eines ausländischen Abschlusses soll einen besseren Job und ein höheres Einkommen bringen - das nützt auch Arbeitgebern. Doch wie funktioniert das in der Praxis?

Für die Kollegen hat es sich gelohnt, ihren ausländischen Abschluss anerkennen zu lassen, sagt Steffen Rudolph, Betriebsratsmitglied beim großen Personaldienstleister Randstad: "Sie freuen sich, nicht mehr wie seit Jahren als Helfer zu arbeiten. Sie dürfen jetzt als Facharbeiter vermittelt und dementsprechend entlohnt werden. Ihnen geht es einfach besser damit". Rund 50 000 Zeitarbeiter habe Randstad in Deutschland unter Vertrag: 45 Prozent von ihnen seien Hilfskräfte. Rudolph: "Wir wissen aber nicht, wer einen Abschluss aus dem Ausland hat".

Steffen Rudolph

Steffen Rudolph

Anders liegt der Fall, wenn jemand gezielt beim Betriebsrat nachfragt - oder sich neu bei Randstad bewirbt. "Beim ersten Kennenlernen können wir feststellen, was für Qualifikationen und Kompetenzen der Mensch hat. Wenn der Eindruck entsteht, das wäre ein sinnvoller Weg, sorgen wir dafür, dass alle Unterlagen zusammengestellt werden, um das Anerkennungsverfahren gemeinsam durchzuführen. Randstad übernimmt die Kosten. Notwendige Anpassungsqualifizierungen finanziere die Firma ebenfalls, entweder allein oder mit Hilfe eines Förderprogramms der Arbeitsagentur.

Mit Fachkräften auf der sicheren Seite

Auch kleinere Unternehmen unterstützen mittlerweile ihre Leute, etwa die Horst Busch Elektrotechnik GmbH aus Hamburg. Die Firma zahlte für einen polnischen, einen britischen und einen bulgarischen Mitarbeiter die Kosten des Verfahrens. Nun dürfen die drei auf Baustellen als Elektriker eingesetzt werden. Eigentlich ist der Beruf nicht reglementiert und eine formale Anerkennung somit nicht nötig. Aber mit Strom arbeiten kann und darf nicht jeder, und so ist der Elektrofachbetrieb auch gegenüber den Kunden auf der sicheren Seite.

"Die Betriebe brauchen für bestimmte Aufgaben Fachkräfte. Sonst würde sich die Versicherung weigern, für Schäden aufzukommen. Deshalb ermuntern sie ihre Beschäftigten, den Abschluss anerkennen zu lassen", sagt der Berater Peter Kürner vom Netzwerk IQ (Integration durch Qualifizierung). Doch nicht alle Arbeitgeber denken so: "Manche sind froh, ihre Leute nicht nach Tarif bezahlen zu müssen".

Anerkennung zahlt sich aus

Kliniken und Altersheime schicken bereits im Vorfeld Bewerber zur Beratung, zeigt ein Bericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Die Gesundheits- und Pflegeberufe sind reglementiert: Man darf sie nur mit einer vollen Anerkennung ausüben. In der Branche zeichnet sich bereits ein gravierender Mangel an Fachkräften ab. Das erklärt das Engagement der Arbeitgeber. Allerdings hat nicht jeder einen zuvorkommenden Firmenchef. Ob es sich lohnt, selbst aktiv zu werden, mehrere Hundert Euro auszugeben und fehlende Papiere mühsam zu beschaffen? Gibt es danach einen neuen Job, eine höhere tarifliche Eingruppierung, mehr Respekt – oder ist es doch das alte Elend?

So genau weiß man es nicht. Es gibt bisher keine Daten, was mit dem Antragsteller später passiert. Eine repräsentative Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bei der Bundesagentur für Arbeit stelle jedoch fest: Bei voller Anerkennung sinkt das Risiko, unterhalb der eigenen Qualifikation beschäftigt zu werden, gegenüber Vergleichspersonen um ein Drittel. Das Einkommen steigt um mehr als ein Viertel. Selbst die Teilanerkennung wirkt sich positiv aus, wenn auch weniger deutlich.

Es gibt noch Luft nach oben

Die Bundesregierung stockt bis 2018 die Förderung für Beratung, Sprachkurse und Weiterbildung mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds auf. "Doch wir sehen auch ein deutliches Potenzial bei den Betrieben", sagt Marie-Louise Veddern, Referentin für die Anerkennung ausländischer Qualifikationen im Bundesbildungsministerium. Die Arbeitgeber könnten beispielsweise Anpassungsqualifizierungen für ihre Mitarbeiter oder Bewerber finanzieren, Teilnehmer und Teilnehmerinnen solcher Kurse frei- oder eigenes Lehrpersonal zur Verfügung stellen. Ein Pilotprojekt bei der IHK Nürnberg testet gerade, wie Personalverantwortliche gezielt angesprochen werden können.

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Einwanderungsland Deutschland - eine Analyse in Zahlen (02.07.2014)

Viele Firmen misstrauen dem Gleichwertigkeitsbescheid. "Auch wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kenntnisse veraltet oder unvollständig sind", sagt Steffen Rudolph. So einen Zeitarbeiter will man nicht zum Kunden schicken: "Möglich ist natürlich, einen Kunden zu suchen, wo die Anforderungen nicht ganz so hoch sind. Aber das würde ich gern vermeiden: durch eine Kompetenzfeststellung während des Anerkennungsverfahrens". Denn die Behörden entscheiden nach Aktenlage, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede eine ausländische Ausbildung im Vergleich zum deutschen Referenzberuf hat. Eine Prüfung durch Arbeitsproben, Tests oder Fachgespräche ist nur in Ausnahmefällen vorgesehen, wenn zum Beispiel ein Flüchtling keine Zeugnisse mehr besitzt. Die praktische Prüfung ist teuer, und standardisierte Verfahren fehlen noch.

Evgenia Toliarou steht ganz am Anfang des Weges. Ihren Master als Sonderpädagogin hat die Griechin in Schottland gemacht. Nun lebt sie seit einem Jahr in Deutschland und will an einer Schule mit behinderten Kindern arbeiten. "Ich habe von allen Seiten gehört, in diesem Bereich gibt es einen Mangel", sagt die junge Frau: "Deshalb habe ich gedacht, es wäre ganz einfach". War es aber nicht: "Ich habe bei vielen Organisationen gefragt: Entweder wussten sie nicht, was ich mit meinem Abschluss machen sollte, oder sie haben mir falsche Informationen gegeben".

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